Es gibt viele gute Regisseure. Nur wenigen ist es jedoch vergönnt, bereits zu Lebzeiten als Legende zu gelten. Und eine noch geringere Anzahl wird vermutlich solange im Gedächtnis der Menschen haften bleiben, wie Filme gedreht werden. Alfred Hitchcock zählt sicherlich zu dieser kleinen illustren Gruppe. Er hat viele unsterbliche Meisterwerke geschaffen, Psycho wird aber als sein intimstes, vielleicht sogar bedeutendstes Werk angesehen. Das Biopic Hitchcock geht nun mit dem späten Leben und der Erschaffung dieses Films eine Symbiose ein und liefert eine höchst unterhaltsame Interpretation der Entstehungsgeschichte und des persönlichen Lebens des Meisters.
Über die besondere Art Alfred Hitchcocks Filme zu inszenieren, sind mit Sicherheit bereits etliche Werke verfasst worden und könnten noch viele Abhandlungen geschrieben werden. Und nun soll ein einziger Film uns den "Meister des Suspense" auf eine neue menschliche Weise näher bringen? Sicher ist, dass Hitchcock nichts für Filmwissenschaftler ist, ja vielleicht nicht einmal für die hartgesottenen Fans. Im Grunde ist er nicht einmal ein Biopic, basiert er doch auf dem Buch Alfred Hitchcock and the Making of Psycho des amerikanischen Autors Stephen Rebello. Erwartungsgemäß dreht sich vordergründig auch alles um die Schwierigkeiten der Produktion von Psycho. Der wahre Star des Streifens ist aber nicht die Film-im-Film-Geschichte, sondern vielmehr die Beziehung des Horrorregisseurs zu seiner Frau Alma, die seine engste Vertraute, Drehbuchtestleserin, Muse und Lektorin, sowie strengste Kritikerin war.
Wir schreiben das Jahr 1960. Alfred Hitchcock (Anthony Hopkins), inzwischen 60 Lenze zählend, sucht voller Tatendrang nach einem Projekt. Nötig hätte er das nicht mehr, der Meisterregisseur ist bereits jetzt mit Filmen wie Bei Anruf Mord, Das Fenster zum Hof oder Über den Dächern von Nizza eine lebende Legende. Es reizt ihn aber der Roman Psycho, des Schriftstellers Robert Bloch. Zentrale Figur darin ist der Geisteskranke Norman Bates, der mit seiner obsessiven Liebe zu seiner Mutter, über deren Tod hinaus, jeden Sinn für die Realität verliert. Auf ausgesprochene Gegenliebe stößt dieses Projekt bei der Paramount, dem Studio, mit dem Hitchcock zusammenarbeitet, jedoch nicht. Im Gegenteil: Viele legen ihm nahe, es jetzt, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, gut sein zu lassen. Das spornt ihn nur noch mehr an.
Zur Finanzierung seines Films muss er am Ende aber das eigene Scheckbuch bemühen. Mit satten 800.000 Dollar und einer Hypothek auf seinem Haus steckt er alsdann selbst mit drin. Die Paramount wird indes nur noch für den Verleih verantwortlich sein. Dafür sind ihm 60 Prozent der Einnahmen sicher. Dennoch ist seine Frau Alma (Helen Mirren) alles andere als begeistert von diesem unkalkulierbaren Risiko. Wie aber schon in den Jahrzehnten ihrer Ehe zuvor, steht sie wie an Fels an seiner Seite. Auch wenn sie manches in Rage bringt, wie der Hang ihres Herzallerliebsten, die weiblichen Hauptrollen seiner Filme meist mit sehr attraktiven Blondinen zu besetzen.
Wie so oft muss im Kino Wahrheit von Fiktion getrennt werden. Nicht umsonst trägt die größte Filmschmiede der Welt schließlich den Beinamen Traumfabrik. So ist denn auch Hitchcock mehr als Interpretation denn Chronik zu verstehen. Wie mit der Maske Hopkins', die ihn nicht wirklich an den großen Meister erinnern lässt, soll das Verborgene, das hinter den Grenzen des Zugänglichen liegende in einer möglichen Version der Geschehnisse nahegebracht werden. Zuweilen droht dabei Hitchcocks Figur (nicht wegen seines Bauchumfangs) zur Karikatur zu werden, doch ein fabelhaft aufspielender Hopkins fängt das immer wieder gekonnt auf. Die Chemie zwischen ihm und der wundervollen Helen Mirren funktioniert überdies exzellent, sodass dies viel zur Glaubwürdigkeit der Geschichte beitragen kann. Die Besetzung von Scarlett Johansson in der Rolle von Janet Leigh, die in der berühmten Duschszene ermordet wird, ist dann aber des Guten beinahe schon zu viel. Die Anspielung auf Hitchcocks Vorlieben betreffend seiner Hauptdarstellerinnen ist zwar allzu offensichtlich, allerdings gesellt sich hier auch ordentlich Überzeichnung hinzu. Derart "üppig" wie die dralle Johansson war die eher zierliche Leigh beispielsweise nie.
Dass aus Zutaten wie dem grantig-süßen Charme, der Romanze zwischen Alfred und Alma, dem insgesamt süffisanten Ton des Films, dem Augenzwinkern, mit dem Hopkins seinen Part spielt, und den zuweilen karikaturesken Zeichnungen der Charaktere kein wirklich ernster Film entstehen kann, versteht sich von selbst. Hitchcock ist unterm Strich vielmehr "Hitchcock-Light"; ein komödiantischer Abstecher in das Leben und das Schaffen des großen Regisseurs. Mag sogar sein, dass er sich mitunter vorwerfen lassen muss, im Grunde weder Fisch noch Fleisch zu sein; wobei er höchst erhellende Einblicke hinter die Kulissen des Filmschaffens gewährt. Die Hommage ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Was das angeht, spricht auch die visuelle Umsetzung eine deutliche Sprache. Stets erinnern Kameraarbeit wie die gewählten Perspektiven an den Stil des Filmgenies. Wer also Spaß an ein wenig "Old School" hat oder gerne die Person Alfred Hitchcock etwas fassbarer dargereicht bekommen möchte, sollte sich den Film nicht entgehen lassen.