Für die Fans fällt mit der Adaption des als unverfilmbar geltenden Romans von Yann Martel vermutlich Weihnachten und Ostern auf einen Tag. Distanziert betrachtet ist ein Werk mit Höhen und Tiefen entstanden. Im Mittelpunkt steht die Lebensgeschichte des Inders Pi, insbesondere sein abenteuerlicher Schiffbruch, der ihn in ein Rettungsboot befördert, das er sich mit einem bengalischen Tiger teilen muss. Gute Schauspieler und eine tragikomische Handlung mit viel metaphysischem Zuckerguss garniert kreieren einen Film, der zwischen magisch und einschläfernd pendelt.
Ang Lee, dem man solche Meisterwerke wie Tiger & Dragon verdankt, gehört sicherlich zu den Regisseuren, die wegen ihren besonders gefühlsbetonten Inszenierungen bekannt sind. Tatsächlich legt Lee, ob er nun ein Martial-Arts-Epos in Szene setzt oder einen Schwulen-Western, immer auf die zwischenmenschlichen Aspekte viel Wert; allerdings auch auf die Bilder. In der Literaturadaption des internationalen Bestsellers von Yann Martel Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger hatte er Gelegenheit, beidem so viel Raum als möglich einzuräumen.
Die Geschichte beginnt in Kanada, in Montreal. Dort besucht ein Schriftsteller auf der Suche nach Inspiration den inzwischen im besten Mannesalter stehenden Pi (Irrfan Kahn). Dieser erzählt dem Schriftsteller von seiner schier unglaublichen Reise auf dem Ozean und seiner Suche nach Gott. Zeitsprung in die 1970er Jahre: Der kleine Pi (Ayus Tandon) - eigentlich Piscine Molitor Patel, benannt nach einem luxuriösen Schwimmbad in Frankreich - lebt ein zufriedenes Leben im indischen Pondicherry. Sein Vater (Adil Hussain), ein Zoobesitzer, und seine Mutter (Tabu), die von ihren Eltern verstoßen wurde, weil sie unter ihrer Kaste heiratete, sind zwei moderne säkulare Inder, die Pi und seinen Bruder Ravi weltlich und liberal erziehen.
Pis größtes Problem ist während seiner Kindheit sein Name. Wird das französische Piscine etwas verschliffen ausgesprochen, hört es sich schnell wie das englische "Pissing" an. Das bringt dem Jungen viel Spott und Häme in der Schule ein, bis er eines Tages auf die Idee kommt, seinen Namen vom mathematischen Pi herzuleiten. Die übrige Zeit bringt er damit zu, auf der Suche nach Gott alle möglichen Religionen durchzuexerzieren; mit dem Resultat, dass er als erwachsener Mann von sich behaupten kann, katholischer Hindu-Moslem zu sein. Seine wichtigste Lektion lernt er aber, als ihm sein Vater eines Tages im Zoo demonstriert, dass der dort lebende bengalische Tiger, Richard Parker genannt, ein tödliches Raubtier ist und kein seelenverwandtes Wesen, mit dem man Freundschaft schließen kann. Eine Lektion, die Pi nicht vergessen soll.
Wenige Jahre später entschließt sich Pis Vater, den Zoo aus finanziellen Gründen aufzugeben. Er verkauft die Tiere, um mit seiner Familie in Kanada ein neues Leben zu beginnen. Gemeinsam mit der ganzen tierischen Menagerie fahren die Patels auf einem Handelsschiff über das Meer, ihrer neuen Heimat entgegen. Ankommen werden die meisten von ihnen dort aber nie. Eines Nachts beschädigt ein schwerer Sturm das Schiff derart stark, dass es sinkt. Mit Mühe und Not gelingt es Pi (Suraj Sharma), sich in ein Rettungsboot zu retten. Gemeinsam mit einem verletzten Zebra, einer Hyäne, einem Orang-Utan und Richard Parker, dem Tiger. Es dauert nicht lange, und der nackte Kampf ums Überleben beginnt.
Lange Zeit galt Martels Roman als unverfilmbar. Inwieweit nun Lee es tatsächlich gelang, die Geschichte und zugleich den philosophischen Kontext des Buches auf die Leinwand zu übertragen, kann nur jener, der die literarische Vorlage kennt, für sich selbst beurteilen. Rein filmisch betrachtet, ohne Kenntnis des Buches, entsteht ein ambivalenter Eindruck. Auffällig ist sofort die Bildsprache. Schwelgerisch führt bereits der Vorspann durch den Zoo und stellt uns seine Bewohner vor. Ein wenig entsteht dabei der Eindruck, als wäre das alles dem irdischen leicht entrückt; ein in sich geschlossener Mikrokosmos, ein Garten Eden von Menschenhand erschaffen. Begleitet werden diese Eindrücke von "Krischna-Hymnen". Solch musikalische Untermalung muss man allerdings schon mögen wollen, wenn sich kein Unwillen breit machen soll. Das Ganze soll vermutlich die Einstimmung, der Vorgeschmack und ein Ausblick auf die noch kommenden metaphysischen Fragestellungen sein. Allein die schiere Länge des Vorspanns gemahnt jedoch zugleich zur Geduld und verlangt einiges an Durchhaltevermögen ab.
Erstmalig setzte Lee die inzwischen nicht mehr wegzudenkende 3D-Technik ein. Es wäre zwar vermessen zu behaupten, dass Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger keinesfalls ohne diese ausgekommen wäre, doch manchen Aha-Effekt begünstigte die Zugabe der dritten Dimension schon. Sowohl die Tiefe des (neu entstandenen) Raums als auch Objekte, die geradezu in den Kinosaal hinein geschossen kommen, wie ein Schwarm fliegender Fische, sprechen eine deutliche Sprache für die rasche Weiterentwicklung, welche die neue Technik erfuhr, seit beispielsweise 2009 Avatar die Kinowelt verblüffte. In Verbindung mit CGI-Elementen auf höchstem Niveau wurden auf diese Weise einige höchst beeindruckende visuelle Augenblicke geschaffen.
Diese optischen Qualitäten, samt dem feinsinnigen Humor und einigen existentialistischen Momenten während des Überlebenskampfes, nebst der Fragestellung wie viel oder wie wenig nötig ist, bis die Menschlichkeit abgebaut ist und wir ebenso animalisch wie ein Tier handeln, das von seinen Instinkten geleitet wird, stellen dann auch die nennenswerten Höhepunkte des Films dar. Es dauert lange, bis die Geschichte überhaupt an Fahrt gewinnt und auch so etwas wie ein roter Faden ersichtlich wird. Zuvor wirkt das Geschehen oft zerfahren und es macht zuweilen Mühe, an der Handlung zu haften. Das wiederholt sich leider noch einmal zum Ende hin. Sichtlich merkt man dem Film an, dass ihm nach den Szenen auf hoher See deutlich die Puste auszugehen droht. Besaß die Dialoglastigkeit zu Beginn aber einiges an Charme - was vor allem den durchgängig guten Schauspielern geschuldet war - wirken die letzten Meter mehr und mehr plapperhaft und dehnen sich über Gebühr.
Ang Lee gelang mit der Adaption von Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger ein durchaus feinsinniger Film mit streckenweise interessanten Dialogen und oft spektakulären Bildern. Er ist angefüllt von zutiefst menschelnden Momenten und lädt mit einer Überfülle an philosophischen Fragestellungen zur Diskussion ein. Leider wirkt er jedoch auch metaphysisch überladen und in seiner Aussage zu verschwurbelt. Das und die Zähigkeit zum Ende hin verleihen ihm ein gewisses Maß an Schwere und Angestrengtheit, die ihm viel von jener Leichtigkeit raubt, die er eigentlich zu suggerieren sucht. Wer aber das Buch mochte und es nun vor lauter Neugier nicht aushält oder sich auf einen bildgewaltigen Genuss freut und etwas Geduld mitbringt, sollte sich den Film ruhig im Kino gönnen. Alle anderen machen mit dem Warten auf die Silberscheibe aber nichts verkehrt.