Mehr als 20 Mal ist Leo Tolstois monumentaler Roman Anna Karenina bereits für Film und Fernsehen adaptiert worden. War da eine weitere Fassung nötig? Die Antwort: ein klares "Nein, aber ..." Der Brite Joe Wright, der in seiner jungen Karriere schon mehrfach ein Händchen für Literaturverfilmungen bewies (Stolz und Vorurteil, Abbitte), geht in seiner Version mit Lieblingsdarstellerin Keira Knightley in der Hauptrolle spannende Wege. Seine Inszenierung ist erst gewöhnungsbedürftig und dann umwerfend, der Film alles andere als eine staubige Angelegenheit.
Für so manchen Dogmatiker dürfte es ein Frevel gewesen sein, doch viele Kritiker und vor allem das junge Publikum stierten sich in einen Rausch. 1996, mitten in einer Zeit, in der Shakespeare-Verfilmungen in erster Linie mit dem Namen Kenneth Branagh verbunden waren und im Verdacht standen, dröge zu sein, zeigte der Australier Baz Luhrmann Romeo und Julia als wilden, kunterbunten Mix aus Punk- und Popkultur.
Diese Episode aus der jüngeren Filmgeschichte hat auf den ersten Blick wenig mit Leo Tolstoi und Joe Wright zu tun. Denn die neue Kinoversion des russischen Wälzers Anna Karenina ist kein Popcornwerk. Und doch gehen der 1972 in London geborene Regisseur und sein Drehbuchautor Tom Stoppard (Shakespeare in Love) mutige Wege bei ihrer Inszenierung. Wright erweckt zu Beginn den Eindruck, als filme er ein Theaterstück ab. Er bleibt nicht dauerhaft auf oder am Rande der Bühne, wirft Handlung und Darsteller aber immer wieder auf sie zurück. Das verwirrt zunächst, sorgt dann aber für großen Schwung. Bestes Beispiel: die spektakuläre Verlagerung eines Pferderennens ins Theater.
Die Geschichte setzt ein im Moskau des Jahres 1874. Der russische Staatsbeamte Oblonskij (Matthew Macfadyen, Die drei Musketiere) wird von seiner Frau Dolly beim Fremdgehen mit dem Kindermädchen erwischt und wendet sich hilfesuchend an seine Schwester Anna Karenina (Keira Knightley), die in St. Petersburg mit einem einflussreichen Regierungsminister (Jude Law, Sherlock Holmes - Spiel im Schatten) verheiratet ist. Sie soll Dolly von ihren Scheidungsgedanken abbringen. Auf ihrer Reise lernt Karenina den Offizier Wronskij (Aaron Taylor-Johnson, Savages) kennen, der sich augenblicklich in sie verliebt und energisch um ihre Zuneigung buhlt - letztlich mit Erfolg. Das bringt nicht nur Kareninas eigenes Leben aus dem Gleichgewicht, sondern auch das von Dollys Schwester Kitty (Alicia Vikander), die fest mit einem Heiratsantrag Wronskijs gerechnet hat, und Oblonskijs altem Freund Levin (Domhnall Gleeson), der seinerseits unsterblich in Kitty verliebt ist.
In Wrights Lesart ist Anna Karenina primär eine Geschichte über Ehe und Ehre, Liebe und Moral sowie Klatsch und Tratsch. Politische oder gesellschaftspolitische Aspekte aus Tolstois Roman über das russische Zarenreich im letzten Viertels des 19. Jahrhunderts geraten in den Hintergrund, finden sich aber am Rande wieder, eingebaut etwa durch einen simplen Trick. Als Levin seinen vom Adel verachteten Bruder aufsucht, verlässt er die Theaterbühne in Richtung Kulissen. Die Welt fern des Protzes, das vermittelt dieses Bild, ist finster. Sie ermöglicht aber auch Glück ohne Hindernisse, wie die freien Bauern des Großgrundbesitzers Levin beweisen.
Domhnall Glesson (der Bill Weasley aus Harry Potter und die Heiligtümer des Todes) spielt die vielleicht interessanteste Figur des Films und sticht neben dem herrlich aufgedrehten Matthew Macfadyen als Darsteller heraus. Überstrahlt werden die Herren aber von Keira Knightley (Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt), die zum dritten Mal in einem Werk von Wright agiert. Es gibt Menschen, die behaupten, niemand anderes aus ihrer Generation käme dafür infrage, Anna Karenina zu verkörpern. Ob das tatsächlich stimmt, sollte man offen lassen. Fakt ist: Die Britin zeigt in ihrer Rolle eine große Bandbreite an Können, sie kann sich ebenso gut kokett zieren wie wahnhaft ins Elend stürzen.
Trotz aller Tragik, die Tolstois Geschichte innehält, haucht Wright dem Film viel Leben und Humor ein. Ein großer Spaß wird er allein durch die zahlreichen Einfälle und Spielereien in Verbindung mit der Theaterbühne. Und womöglich fühlt sich der eine oder andere bislang Abgeschreckte dazu motiviert, Tolstois 1200 Seiten starken Roman in die Hand zu nehmen. Wright wäre im vermutlich kleinen Maße gelungen, was Luhrmann vor 16 Jahren schaffte: ein Werk der Weltliteratur wieder ins Gespräch zu bringen.