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Brazil

(Brazil, 1985)

Dt.Start: 26. April 1985
DVD: 10. Mai 2003
Premiere: 20. Februar 1985 (Frankreich)
FSK: ab 18 Genre: Komödie, Sci-Fi
Länge: 131 min Land: UK
Darsteller: Jonathan Pryce (Sam Lowry), Robert De Niro (Archibald 'Harry' Tuttle), Katherine Helmond (Mrs. Ida Lowry), Ian Holm (Mr. M. Kurtzmann), Bob Hoskins (Spoor), Michael Palin (Jack Lint), Ian Richardson (Mr. Warrenn), Peter Vaughan (Mr. Helpmann), Kim Greist (Jill Layton), Jim Broadbent (Dr. Jaffe), Barbara Hicks (Mrs. Terrain), Charles McKeown (Lime), Derrick O'Connor (Dowser), Kathryn Pogson (Shirley), Bryan Pringle (Spiro)
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Terry Gilliam, Charles McKeown


Inhalt

Irgendwann im 20. Jahrhundert in einer futuristischen Großstadt: Als der unbedeutende Regierungsmitarbeiter Sam Lowry im Zuge einer Verwechselung seiner Traumfrau begegnet und sie sich als vermeintliche Terroristin entpuppt, unternimmt er alles in seiner Macht stehende um sie zu finden und vor den Fängen der allgegenwärtigen Informationsbehörde zu retten. Lowry verstrickt sich dabei selbst immer mehr in kriminellen Machenschaften und wird zum Kämpfer gegen die eigene Regierung.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Brazil hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 84%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Daniel Bund
Brazil hat eine Wertung von 84%
In seiner mit schwarzem Humor gespickten Farce Brazil von 1985 lässt Regisseur Terry Gilliam Hauptfigur Sam Lowry gegen die schier undurchdringlichen Mühlen eines absurden Kontrollapparates antreten, um die Frau seiner Träume zu retten.

Die zusammenfassende Überschrift "Das Individuum gegen den Regierungsapparat" könnte man in gewisser Weise sowohl der Handlung von Brazil als auch seiner Entstehungsgeschichte zuordnen, ist doch beides durch die Anstrengungen eines einzelnen Mannes gegen die Kontrollmacht der ihm übergeordneten Administrationsebene gekennzeichnet - im Fall von Sam Lowry (Jonathan Pryce), Hauptfigur von Brazil, handelt es sich um einen übermächtigen Überwachungsstaat, als Gegenspieler von Regisseur Terry Gilliam trat Sid Sheinberg auf die Bühne, einer der Executives des produzierenden Studios Universal. Unser erster Einblick in die von Gilliam erschaffene Welt stellt sich als durchaus angenehm heraus: Zu den rhythmischen Klängen des titelgebenden Songs Brazil gleitet die Kamera sanft durch einen von flauschigen Wolken erfüllten Himmel, ein heller Sonnenstrahl durchschneidet das Blau - wir könnten eine Ahnung von grenzenloser Freiheit genießen, würde uns in der nächsten Szene nicht eine ernüchternde Bombenexplosion ein paar Glasscherben um die Ohren fliegen lassen. Bereits in den ersten Einstellungen wird hier das Thema deutlich, welches den Film definiert: Die Welt der Träume und Hoffnungen gegen die harte Wirklichkeit.

Die Realität der futuristischen Heimatstadt von Sam Lowry ist indes nämlich alles andere als angenehm und freiheitlich: Hier ist kein Platz für phantastische Träumereien, hier regiert die penetrante Ordnung, private Informationen aller Art werden gesichtet, eingeholt, verwaltet, verwertet - alles peinlich genau dokumentiert mittels Formularen, Nummern, Unterschriften, Durchschlägen und Durchschlägen von Durchschlägen - wer hier nicht auf dem Papier existiert, existiert im Grunde überhaupt nicht; der Mensch ist reduziert auf seine Daten. Staatsfeind No. 1 der ordnungsbewahrenden Behörden ist eine unbekannte Gruppe von Terroristen, die das öffentliche Leben mit unvermittelten Bombenanschlägen lahmlegen und den restriktiven Regulierungen das Chaos entgegensetzen wollen. Die Ereignisse in Brazil werden jedoch nicht durch eine Explosion eingeleitet, sondern durch etwas wesentlich kleineres. Gemäß der Chaos-Theorie, nach der selbst jeder noch so kleine Effekt eine unvorhersehbare Ereigniskette auslösen und eine gigantische Reaktionslawine nach sich ziehen kann, ist der Ursprung der Unordnung in Brazil eine kleine Mücke, die nach ihrer Hinrichtung durch Zeitungszerklatschen in einem Schreibapparat landet und aus dem Namen "Harry Tuttle" kurzerhand "Harry Buttle" macht - eine Buchstabenabweichung, die das Leben von Sam Lowry komplett umkrempeln wird.

Das Chaos fürchten und die Ordnung lieben auch die großen Produktionsstudios. Ein chaotischer Film ist immer ein finanzielles Risiko, einer, der sich dagegen ordnungsgemäß an den altbewährten Hollywood-Rezepten orientiert und dem Publikum leicht zugängliche Unterhaltung bietet, ist auf der anderen Seite eine sichere Bank und garantiert in den meisten Fällen zumindest die Egalisierung der Produktionskosten durch das Einspielergebnis, im Fall von Brazil etwa 15 Millionen $. Nachdem Terry Gilliam mit Hilfe von Produzent Arnon Milchan den Vertrag für den Film in der - nach eigener Aussage - von Wein, Sonne und Frauen angereicherten Atmosphäre der 1983er Filmfestspiele von Cannes unter Dach und Fach bringen konnte, offenbarten sich nach ersten Testvorführungen schnell Probleme. Den Executives von Universal, dem Studio, das die Vertriebsrechte für die USA ergattern konnte, war der Film zu extravagant, zu gewagt, zu lang, zu verstörend - zumindest für das durchschnittliche Publikum.

Und Brazil ist in der Tat verstörend. Sam Lowry, ein ganz normaler Mann, möchte nichts weiter als sein Leben leben und möglichst wenig auffallen. Das ändert sich nachdem er im Zuge einer folgenschweren Verwechselung die Frau trifft, die er bereits aus seinen Träumen kennt. Um die benötigten Informationen über sie einholen zu können, muss Lowry aus der Anonymität seines Verwaltungsjobs heraustreten und mit Hilfe seiner Mutter (Katherine Helmond) die Karriereleiter emporklettern, etwas, das er normalerweise unter allen Umständen vermieden hätte. Brazil ist amüsant, aber nicht auf eine ausschließlich erheiternde Art. Der Humor erweist sich als satirisch-bizzar und tritt oft als eine pervertierte Form der Missstände auf, die man jederzeit im Alltag beobachten kann, hier werden Gilliams Wurzeln als Mitglied der Monty Python-Truppe deutlich erkennbar. So wird nach einem weiteren Bombenattentat in einem Restaurant die Sicht der weitestgehend unbeeindruckt weiterspeisenden Gäste auf die verletzten Opfer mittels spontan aufgestellter Trennwände abgeschirmt oder der völlig aufgelösten Ehefrau des gerade brutal inhaftierten Mannes gebetsmühlenartig eine Unterschrift für das Verwahrungsprotokoll abverlangt. Dieser oft pechschwarze Humor zieht sich durch den ganzen Film, und oft bleibt einem dabei das Lachen im Halse stecken. Das aufwendige Produktionsdesign präsentiert sich als eine absurde Variante von Blade Runner und vereinigt Elemente des Film Noir in sich. Obwohl futuristisch gestaltet, kommt einen doch alles irgendwie unheimlich vertraut vor, Computerbildschirme erinnern an verzerrende Mattscheiben und Überwachungskameras ähneln blutunterlaufenen Augen. Die detailverliebt gestalteten Locations sind meistens recht klaustrophobisch angelegt, was spätestens bei Lowrys Büro auffällt, welches eher einer Abstellkammer gleicht; um den winzigen Schreibtisch muss er mit seinem Kollegen und Büronachbarn Lime (gespielt von Charles McKeown, Co-Autor des Filmes) kämpfen, da sich das Möbelstück durch ein Loch in der Wand über beide Räume erstreckt.

Kämpfen musste auch Gilliam um seinen Film. Der finale Schnitt von Gilliam dauerte 2 Stunden und 22 Minuten, damit 7 Minuten über der im Vertrag festgeschriebenen Länge, womit Brazil nur einmal pro Abend in den Kinos hätte gespielt werden können; weitere finanzielle Einbußen waren so vorprogrammiert. Gilliam weigerte sich standhaft den Film für den Vertrieb in den USA bedeutend zu kürzen, so dass nach einigem Hin und Her ein von ihm völlig unauthorisiertes Team unter der Aufsicht des Executives Sid Sheinberg mit einem vollkommenen Neuschnitt beauftragt wurde und die sogenannte "Love Conquers All"-Version anfertigte, eine verstümmelte Variante, aus der im Grunde all das entfernt wurde, was Gilliam am wichtigsten war, u.a. das nach Ansicht des Studios publikumsabschreckende Finale. Gilliam gab nicht auf und griff zu eher unüblichen Überzeugungsmethoden, schaltete sogar eine einseitige Anzeige in dem US-Unterhaltungsmagazin Variety mit folgendem Text: "Dear Sid Sheinberg, When are you going to release my film, 'Brazil'? Terry Gilliam". Das Blatt wendete sich zu Gunsten von Gilliam als Brazil einige wichtige Siege bei der Verleihung der L.A. Film Critics Awards für sich verbuchen konnte: Bester Film, beste Regie und bestes Drehbuch. Universal geriet unter Druck und war dazu gezwungen schließlich doch die von Gilliam intendierte Fassung freizugeben - David hatte gegen Goliath gesiegt. Der "Love Conquers All"-Cut existiert jedoch noch immer und wurde bereits des Öfteren im US-Fernsehen ausgstrahlt.

Brazil ist ein Film, den man nicht leicht vergisst und viele Genres vereinigt. Visuell beeindruckend gefilmt und bis in die Nebenrollen mit hochklassigen Schauspielern wie Michael Palin, Robert De Niro und Ian Holm besetzt, wird die Geschichte eines Mannes geschildert, der alles daran setzt seinen Traum zu verwirklichen und sich in der Folge vom Mitarbeiter zum Kämpfer gegen ein System entwickelt, in dem die persönliche Identität des Einzelnen dem menchanisch funktionierenden Ablauf einer Orwell'schen Überwachungsregierung untergeordnet wird, in dem Nummern mehr bedeuten als Gedanken und in dem das private Glück nur in einem Traum existieren kann. Glücklicherweise kann man die Entstehungsgeschichte von Brazil als direkte Widerlegung der filmischen Aussage betrachten. Widerstand ist nicht immer zwecklos, selbst wenn der Kampf noch so hoffnungslos erscheint.



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