Eine schräge Vision des Heimatfilms, die als ein drei Generationen umspannendes Epos zu uns gelangt, liefert Oskar Roehler mit seinem stark autobiografisch geprägten Quellen des Lebens ab. Das Hinabsteigen zu den Wurzeln der eigenen Herkunft ist zugleich zu einer Retrospektive der jungen Bundesrepublik geworden. Angefangen bei der Nachkriegszeit, über Wirtschaftswunder und Studentenrevolten, bis hin zu Blumenkindern und Punk. Dem durchaus unterhaltsamen, von parodistischen Zügen durchzogenen Film gelingt es allerdings nicht immer, die einzelnen Teile seiner chronistischen Reise optimal zusammenzufügen. Und auch das provokative, extravagante Element, das Roehlers Filme immer auszeichnete, tritt weitaus weniger hervor.
Der deutsche Regisseur Oskar Roehler, den manche Insider gar als legitimen Nachfolger Rainer Werner Fassbinders ansahen, scheint den Spagat zwischen Himmel und Hölle nicht zu scheuen. Nach dem viel gelobten Elementarteilchen folgte Jud Süss - Film ohne Gewissen, von dem sich die meisten Kritiker mit Empörung abwandten. Nun kehrt der Filmemacher, der weder vor Kitsch noch vor Klischee und ebenfalls nicht vor manch einem Tabubruch Halt macht, und der es zuweilen selbst mit der historischen Exaktheit nicht allzu genau nimmt, mit dem Drama Quellen des Lebens zurück - der Familiengeschichte von Robert Freytag, die sich über mehrere Jahrzehnte hinweg erstreckt.
Roberts (Ilyes Moutaoukkil, später Leonard Scheicher) Großvater Erich (Jürgen Vogel) kehrt 1949 unerwartet, verwahrlost und krank aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Die Freude über die Rückkehr des ehemals systemtreuen Nazis hält sich bei seiner Familie in der fränkischen Provinz in Grenzen. Der heruntergekommene Heimkehrer lässt sich jedoch nicht so leicht abwimmeln und berappelt sich schnell. Schon bald ist er mit seiner neueröffneten Gartenzwerg-Fabrik Teil des deutschen Wirtschaftswunders. Sein Vorbild inspiriert indes nicht jeden. Sein Sohn Klaus (Moritz Bleibtreu) träumt von einer Akademikerlaufbahn und fühlt sich, trotz eher mäßiger Begabung, während in den 1960ern tiefgreifende gesellschaftlichen Umbrüche vonstattengehen, zum Literaten berufen.
Während dieser Zeit entflammt zwischen ihm und der weitaus talentierteren Gisela (Lavinia Wilson), die aus gut situiertem Haus stammt, eine leidenschaftliche Romanze, aus der alsbald ein gemeinsamer Sohn hervorgeht, der nach seinem Großvater, Robert, genannt wird. Das Kinderglück will aber nicht so recht in die Pläne und Träume der bohemen 68er Literatenkreise West-Berlins passen. Der kleine Robert wird daraufhin von seinen Eltern auf eine Odyssee quer durch die Reihen der eigenen Verwandtschaft und an die unterschiedlichsten Orte des jungen Deutschland geschickt. Dabei trifft er bereits im Kindesalter auf seine große Liebe, verliert sie jedoch wieder aus den Augen. Das Schicksal räumt ihm aber gnädiger Weise später noch eine zweite Chance ein.
Quellen des Lebens entstand parallel zu Roehlers autobiografischem Roman Herkunft. Der Regisseur, dem der Ruf als Provokateur des deutschen Kinos anhaftet, entwirft daraus ein opulentes Epos von beinahe drei Stunden Spielzeit, das über seine Funktion als Familienchronik im Nachkriegsdeutschland hinaus auch der Spiegel einer Zeit voller Umbrüche ist. Lobenswert sind vor allem Atmosphäre und Retroflair des Films, doch wollen sich die zeitlichen Sprünge leider nicht so recht zu einem homogenen Ganzen zusammenfügen. Somit funktioniert die rein dokumentarische Seite als Zeitdokument oft nur fragmentarisch oder episodenhaft, ohne einen ganzheitlich erzählerischen Bogen spannen zu können.
Die bunte inhaltliche Vielfalt und das ebenso unterhaltsame wie reichhaltige historische Potpourri verhindern zumindest, dass trotz der beachtlichen Spielzeit Quellen des Lebens zur zähen Angelegenheit ausartet. Vor dem "Stückwerk-Charakter" und der Gewöhnlichkeitshölle vermögen den Film letzten Endes aber nicht einmal die durchgehend überzeugenden Darsteller, allen voran Jürgen Vogel, der mit Maske stark verfremdet eine sehr beachtliche Performance abliefert, gänzlich zu bewahren.
Von wahrhaftiger gesellschaftlicher Provokation oder tiefgreifenden Tabubrüchen hat sich Roehler ebenfalls spürbar entfernt. Skurril, getragen von einer satten Portion schrägem, teils hintergründigem Witz und voll von reichlich Überzeichnung, ist sein Film zwar geworden; damit schrammt er zuweilen sogar scharf an der Grenze zur Parodie vorbei, orientiert sich mit dieser Art von Humor, als neue Form des Heimatfilms (oder besser der Heimatfilm-Farce), jedoch auch weitaus stärker an dem deutschen Mainstream und läuft Gefahr, sich in der Beliebigkeit wiederzufinden.