Milos Forman lässt Jack Nicholson über ein Kuckucksnest fliegen: In der Tragikomödie "One Flew Over the Cuckoo's Nest" herrscht der Wahnsinn - nur nicht dort, wo man ihn vermuten würde.
"Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten". Wenn wir uns Albert Einstein hinsichtlich dieser These anschließen wollen, beantwortet sich die Frage, wer in Einer flog über das Kuckucksnest den Wahnsinn verkörpert, im Grunde ganz von selbst. Basierend auf dem Roman von Ken Kesey, präsentiert uns der Film als Hauptfigur den rebellischen Randle Patrick McMurphy (genial gespielt von Jack Nicholson), der, wenn auch nicht einen völlig wahnsinnigen, so doch überdurchschnittlich durchgeknallten ersten Eindruck hinterlässt. McMurphy, ein sozial unangepasster Störenfried, landete, so erfahren wir zu Beginn, wegen wiederholten Tätlichkeiten und Verführung einer Minderjährigen im Gefängnis. Da das geschätzte Alter aufgrund der Optik des jungen Fräuleins laut ihm selbst aber mehr in den 30er Jahren als in der Nähe der tatsächlichen 15 anzusiedeln war, hält sich der Sympathieverlust seitens des Zuschauers für McMurphy ob des sexuellen Vergehens in Grenzen. Das muss er auch, denn sein Charakter wird dem Zuschauer natürlich als Identifikationsfigur angeboten, die die freie Entfaltung des Geistes ohne Repressionen repräsentiert, auch wenn diese Entwicklung nicht gerade einem normativen Verhaltensstandard entspricht. Andererseits - wer ist schon normal?
Von seinem kurzen Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen bekommt der Zuschauer jedoch schon nichts mehr mit, da McMurphy dort kurzerhand eine geistige Störung vortäuscht (angeblich) und so von der ungeliebten Zelle in die zunächst etwas lockerere Umgebung einer psychiatrischen Klinik verlegt wird, wo seine mentalen Parameter evaluiert werden sollen. Anders formuliert: Man will mal kucken, ob er tatsächlich nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Da die Gefängnisleitung an keine geistige Verwirrung glaubt und ihn der Simulation verdächtigt, tritt McMurphy den Beweis des Gegenteils an und stiftet wie erwartet Unruhe wo er nur kann. Mit den meist zurückhaltenden Patienten schließt er dabei schnell Freundschaft, und durch sein unkonventionelles Verhalten sowie seine absurden Aktionen mausert er sich nach einziger Zeit zum besten Heilmittel für die Kranken: Sie erwachen langsam aus ihrer Lethargie, entwickeln eigene Aktivität und schöpfen neue Lebensfreude.
Wie man sich denken kann, gehört zu einer chaotischen Figur wie McMurphy ein entgegengesetzt konstruierter Gegenpart. Für Zucht und Ordnung in der Anstalt sorgt auf der anderen Seite die konservative Schwester Mildred Ratched (Louise Fletcher), der McMurphys Kapriolen ein Dorn im Auge sind: Ihr Credo besteht vor allem in der kontinuierlichen Alltagsroutine, die den Patienten Sicherheit und geistige Stabilität gewährleisten soll. Dank des Oscar-prämierten Spiels von Nicholson und Fletcher entwickeln diese beiden oppositären Hauptcharaktere eine Dynamik, die über das übliche Maß hinausgeht. Während McMurphy vor Energie und Charisma förmlich zu platzen droht, strahlt die Figur der Schwester Ratched eine enorme Kälte, bisweilen sogar etwas Bösartiges aus. Explizit böswillige Absichten mag man ihr dabei nicht einmal unterstellen, denn vermutlich weiß sie es einfach nicht besser, doch man spürt, dass eine Genesung der Patienten unter McMurphys Herrschaft des Irrsinns zumindest wahrscheinlicher ist als unter dem Ordnungsdiktat der Oberschwester.
Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang auch das Nebendarsteller-Ensemble, welches die Insassen der psychiatrischen Klinik so intensiv darstellt, dass man nicht selten meinen könnte, man hätte es hier mit tatsächlichen Kranken zu tun. Unter anderem sind Christopher Lloyd (als Taber) und Brad Dourif (Oscar-nominiert für seine Nebenrolle als verschüchterter Billy Bibbit) in ihren ersten Filmrollen zu bestaunen, daneben Danny DeVito und Will Sampson als sprachloser Indianer "Chief" Bromden, der im Verlauf von McMurphys Odyssee des Wahnsinns zu seinem engsten Verbündeten und Erlöser wird. Diese Realitätsnähe ist zu großen Teilen sicher auch ein Regisseur Milos Forman anzurechnender Verdienst, der bei sämtlichen Szenen auf die Glaubwürdigkeit und Natürlichkeit der Darstellung besonderen Wert legte und Schau-Spiel im wahrsten Sinne des Wortes vermeiden wollte. Förderlich für dieses Method-Acting war auch, dass viele der Darsteller eine Weile gemeinsam in der (übrigens echten) Anstalt wohnten, die das Szenario für etwa 90% des Filmes stellte.
Die Handlung des Filmes ist vergleichsweise simpel und weist in sich keine nennenswerten Komplexitäten auf. Die Stärke von Einer flog über das Kuckucksnest liegt aber auch nicht im äußeren Geschehen, sondern im Inneren, in den mitreißend-lebensechten Figuren, deren Krankheit und Unglück nur darin besteht, sich nicht so verhalten zu können wie andere. Allen voran steht McMurphy als Mittler zwischen Normalität und Wahnsinn, dessen Charaktereigenschaften sich letztendlich zu einem menschlichen Grundbedürfnis transzendieren lassen - zu dem Wunsch, nicht normal sein zu wollen, nicht in einem Dschungel von vorgeschriebenen Normen und Verhaltensregeln unterzugehen, sich im wahren Wahnsinn eines gutgemeinten aber menschenverachtenden Systems zurechtzufinden und dabei die eigene Identität zu wahren. Nicht immer kann man es schaffen, aber doch zufrieden sein, wenn man wie McMurphy am Ende behaupten kann: "But I tried, didn't I? Goddamn it. At least I did that."