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Tarantino setzte Mitte der 90er mit dem Nachfolger zu Reservoir Dogs - Wilde Hunde, einer weiteren, von schwarzem Humor übersäten, Gangstergeschichte neue Maßstäbe für Crime und Coolness im Kino.
"OK, los, erzähl mir nochmal von den Haschischbars." "Alles klar, was willst Du wissen?" "Der Stoff ist da legal, ja?" "Ja, schon legal, aber nicht hundertprozentig legal. Du kannst unmöglich in ein Restaurant gehen, Dir einen Joint rollen und dann drauf los paffen."
Das Kinopublikum hatte sich gerade von den Lachern über die spontane Entscheidung des Kleingaunerpärchens Pumpkin und Honey Bunny für einen romantischen Überfall erholt, als das vielleicht bekannteste Ganovenduo der 90er Jahre in Form von John Travolta und Samuel L. Jackson vorgestellt wurde: stylisch gekleidet in schwarzen Anzügen, Travolta mit schulterlanger Schmiermatte und Jackson mit Fast-Afro, beschäftigt mit aberwitzigen Unterhaltungen über Europas Fastfood-Ketten, Fußmassagen und die Vorzüge Hollands. Pulp Fiction ist berechtigterweise einer der erfolgreichsten Filme des letzten Jahrzehnts. Neben grandioser Inszenierung bot Tarantino in der Crime-Film-Sparte was Neues: Die Gangster sind nicht nur mit Gangster-Dingen beschäftigt, sondern reden bei ihrer Arbeit über belanglose Sachen wie du und ich. Tarantinos Filme werden von den Dialogen und interessanten Plots getragen, keine besonderen Special Effects, keine überdimensionalen Kulissen, keine großartige Action (zumindest bis Kill Bill - Volume 1).
Der Film hat drei Handlungsstränge, die mehr oder weniger beim Oberboss Marsellus Wallace, gespielt von Ving Rhames (Mission: Impossible), zusammenlaufen. Da sind einmal dessen besagte Handlanger Vincent und Jules, die vier verschüchterten Kleinkriminellen einen geheimnisvollen Koffer abnehmen sollen, dessen Inhalt dem Zuschauer konsequent vorenthalten wird. Vincent und Jules sehen sich gezwungen, drei von ihnen zu erledigen, dem Vierten schießt Vincent auf der Rückfahrt aus Versehen in den Kopf. Die Situation wie auch das Auto muss schnell gesäubert werden, mit Hilfe von Jules Freund Jimmy (Tarantino) und dem professionellen Gangster-Problem-Löser Winston Wolf, der von Leinwand-Ikone Harvey Keitel (Reservoir Dogs - Wilde Hunde) als die beunruhigende Ruhe selbst dargestellt wird. Der zweite Handlungsstrang dreht sich um Vincent und Marsellus Frau Mia (Uma Thurman; Kill Bill - Volume 1), mit der er von seinem Boss zwecks ihrer Beschäftigung zum Essen verabredet wird. Im Laufe des Abends kommen sich die Beiden näher, doch die Romanze nimmt eine schnelle Wendung, als Mia in Vincents Mantel Heroin findet und fast daran krepiert. Wieder ist Vincent auf Hilfe angewiesen, diesmal von seinem Dealer Lance (Eric Stoltz; Killing Zoe) und dessen Frau Jodie (Rosanna Arquette). Und dann ist da noch der Profiboxer Butch Coolidge, absolut überzeugend verkörpert von Bruce Willis (Stirb Langsam), der von Marsellus für eine geldbringende Niederlage im hoch-dotierten Boxkampf bezahlt wird, sich allerdings durch Sieg selbst bereichern und dann mit seiner französischen Freundin Fabienne (Maria de Medeiros) untertauchen will. Der Plan gerät durch ein zufälliges Zusammentreffen von Butch und Marsellus, das zu allem Überfluss auch noch von psychotischen Vergewaltigern unterbrochen wird, ins Wanken.
Als wäre das nicht schon genug Story für einen Film, hat Tarantino die gesamte Handlung in einige Kapitel aufgeteilt und zeitlich versetzt zusammen geschnitten. Dadurch kommt man in den Genuss eines Quasi-Happy-Ends mit Vincent und Jules, wobei man weiß, wie der Tag eigentlich enden wird. Zur Abrundung hat Tarantino speziell für Tim Roth (Planet der Affen) und Amanda Plummer noch die Rollen des Pärchens Pumpkin und Honey Bunny, deren 10-minütiger Auftritt mit einem Überfall am Anfang des Films beginnt und mit einem unfreiwilligen Zusammentreffen mit Vincent und Jules am Schluss des Films endet, geschrieben. Nicht weniger originelle Kurzauftritte haben Christopher Walken (Catch Me If You Can) als Kriegsveteran Capt. Koons und Steve Buscemi (Fargo - Blutiger Schnee) als Buddy Holly Kellner im Jack Rabbit Slims Restaurant, wo Mia und Vincent den wahrscheinlich jedem Zuschauer in Erinnerung bleibenden Twist-Contest bestreiten (tatsächlich ist später im Film eine Radiomeldung über den Diebstahl des Contest-Pokals im Hintergrund zu hören; sie haben also nicht gewonnen).
Neben Samuel L. Jackson (Unbreakable - Unzerbrechlich), dessen viel versprechende Karriere durch den Erfolg von Pulp Fiction untermauert wurde, profitierte vor allem John Travolta von dem Film. An seine frühen Erfolge mit Filmen wie Grease, Saturday Night Fever oder Staying Alive konnte er ab Mitte der 80er beim besten Willen nicht mehr anknüpfen. Tarantino brachte das auf den Punkt, indem er seinem ehemaligen Idol sagte, dass die Look Who's Talking-Schinken im Vergleich zu Travoltas frühen Werken als einer der größten Stars der 70er kaum zu entschuldigen wären. Travolta sah das ein, nahm die Rolle des drogenabhängigen Killers Vincent (sehr zum Leidwesen des zweiten Anwärters Daniel Day-Lewis) und startete so eine neue Karriere, die uns u.a. Face/Off, Operation: Broken Arrow, Schnappt Shorty, Phenomenon und Passwort: Swordfish bescherte. Und es gab noch einen Kandidaten für die Rolle, Michael Madsen, der Vic Vega in Reservoir Dogs - Wilde Hunde spielte. Wie die Nachnamen schon andeuten, handelt es sich bei Vincent und Vic um Brüder, basierend auf Tarantinos Konzept, eine Gruppe von Charakteren filmübergreifend zu nutzen. Nice Guy Eddie spricht in Reservoir Dogs - Wilde Hunde von einer Krankenschwester namens Bonnie, die in Pulp Fiction - wenn auch nur kurz - auftaucht; darüber hinaus gibt noch unzählige andere Referenzen wie z.B. die auch in True Romance und From Dusk Till Dawn beliebten Big Kahuna Burger.
Pulp Fiction hat eine Länge von zweieinhalb Stunden und wird keine Sekunde langweilig. Der Film ist so dermaßen gut umgesetzt, dass selbst nach 9 Jahren noch die Frische, die damals die Filmszene erschütterte, zu spüren ist. Auch wenn Tarantinos Stil oft zu kopieren versucht wird, die Dynamik und Sprachrhythmik, die ausgefeilten Charaktere, die unkonventionelle Kameraführung und die stimmungstragend beleuchteten Sets kann man in Perfektion nur beim Meister selbst erleben. Ein Meilenstein!
Zu dem ebenso berühmten wie grandiosen Retro-Soundtrack bleibt nicht viel zu sagen. Jeder Kundige hat irgendwann in einer Disco schon mal grinsen müssen, als "Everybody cool, this is a robbery" ertönte. |