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Spike Lee inszeniert meisterlich die letzten 24 Stunden eines verurteilten Drogendealers in Freiheit.
Vögel zwitschern. Saftig grüne Pflanzen umrahmen eine friedlich im Hintergrund stehende Marmorstatue. Genau an diesem idyllischen Fleckchen Erde möchte man gerne ein paar Minuten verweilen. Wenn da nicht im Vordergrund ein junger Mann brutalst niedergeschlagen würde...
Spike Lee ist ja bekannt für seine kreative Ader. Bilder, Ton und Handlung passen perfekt zusammen - und widersprechen sich doch. Hat man seine eigentümliche Art, die Dinge zu inszenieren, erst einmal lieb gewonnen, kann man sich voll auf den filmischen Leckerbissen 25 Stunden einlassen. Lee ist einer der ersten Regisseure, der New York so zeigt, wie es heute ist. Keine Spur von vertuschten Tatsachen, denn eine direkte Darstellung war schon immer sein Ziel. Und das ist sehr gut so.
Man wird Zeuge, wie der verurteilte Drogendealer Monty seine letzten 24 Stunden in Freiheit verbringt, bevor er für sieben Jahre in den Knast wandert. 24 Stunden sind nicht sehr viel - gerade genug Zeit, um sich von seinen Freunden zu verabschieden und herauszufinden, wer ihn bei der Polizei verpfiffen hat. Dabei verdichtet sich ein Verdacht, den er so gar nicht wahrhaben will. Eigentlich könnte man bei einem derartigen Countdown sehr viel Action, Spannung und ein Happy End erwarten. Doch davon ist 25 Stunden weit entfernt. Statt Action gibt es tiefsinnige Dialoge, wie man sie wahrscheinlich selbst in so einer Situation führen würde. Spannung kommt nur kurzweilig auf, denn im Prinzip steht bereits zu Beginn fest, wie das Ende sein wird. Aber wer braucht schon schnöde Unterhaltung, wenn er dafür einen großartigen Ensemblefilm sehen kann?
Es fällt schwer, einen Darsteller besonders zu erwähnen, denn als Team funktionieren sie perfekt. Jeder Einzelne verleiht seiner Rolle die nötige Tiefe, um den Eindruck zu erwecken, dass die Figuren eine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besitzen. Natürlich brilliert Edward Norton wie immer in der Rolle des Monty. Grandios vereint er die abgebrühte Kälte eines Drogendealers mit den Emotionen eines Mannes, der Angst davor hat, Verantwortung für seine Taten zu übernehmen, und vor den Dingen, die ihn im Knast erwarten.
Gelegenheit zur schauspielerischen Entfaltung bekommt er von Spike Lee in seinem anklagenden "Fuck You"-Monolog, in dem auch Spike Lee selbst die Möglichkeit zur Provokation nutzt. Monty würde die Schuld gerne auf die Gesellschaft schieben - aber dazu ist ihm zu sehr bewußt, dass er ganz alleine für seine Entscheidungen geradestehen muß. Doch auch Philip Seymour Hoffman, Barry Pepper und Rosario Dawson erwecken ihre Charaktere zum Leben. Jeder von ihnen macht sich Gedanken über ein Leben ohne Monty, ohne dabei eine gewisse Eigenschuld an seinem Schicksal zu vernachlässigen. Und auch sie plagen gewisse Fragen, die sie über ihre Grundhaltung nachdenken lassen.
25 Stunden ist ein wundervolles Drama über Freundschaft, Verrat, Schuld und Verantwortung, das auf dem Roman von David Benioff basiert. Was Spike Lee aus dem Stoff macht, ist eine atmosphärisch dichte und äußerst menschliche Geschichte, die man auf sich wirken lassen sollte. Man mag den Kinosaal verlassen, ohne ein direktes Urteil abgeben zu können. Wenn sich der erste Eindruck jedoch gesetzt hat, wird man den Film lieben - oder auch nicht. |