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Ein Film wie eine Fahrt durch den Schlachthof: Fernando Meirelles' hoch gelobter Milieufilm über das von Gewalt regierte Armenviertel Rio De Janeiros.
Die grausamste Filmszene, die es seit längerem zu sehen gab, involviert eine Gruppe von Drogen dealenden Kindern, die vom jugendlichen "Boss" der Szene und seinen Kumpanen beinahe wie zum Spaß aufgerieben und gehetzt wird. Einige der Kinder entkommen, zwei von ihnen werden jedoch von den johlenden und belustigten Gangstern an eine Häuserwand gedrückt. Der "Boss", der in der englisch untertitelten Fassung von City of God den Spitznamen L'il Zé trägt, drückt einem seiner Gefolgsleute, nicht älter als vielleicht elf oder zwölf Jahre, einen Revolver in die Hand, der im Verhältnis zum kleinen Körper des Jungen so groß ist, dass man zunächst denkt, er würde ihn kaum halten können. L'il Zé befiehlt ihm, sich einen der vor ihm zusammengekauerten Jungen auszusuchen, und ihm - allein zur Belustigung - entweder in den Fuß oder in die Hand zu schießen. Zögerlich hebt er die Waffe und als wir noch fest mit einer Übermannung des Jungen durch seine eigenen Hemmungen und Skrupel rechnen, schießt er dem kleineren der beiden vor ihm stehenden Kinder in den Fuß und ein Schwall von Blut spritzt aus dem Turnschuh des allenfalls sechsjährigen Jungen. Während dieser schreiend und weinend in sich zusammensinkt und alle vorherige Prahlerei auf einmal das von Tränen überdeckte und verkrampfte Gesicht der Realität annimmt, befiehlt L'il Zé, dass sich sein "Schützling" nun einen von beiden auszusuchen und töten solle und ohne größere Regung schießt dieser dem anderen der beiden Jungen in die Brust. In diesem Film gibt es kein Niederlegen der Waffe verbunden mit einem gestammelten "Ich kann das nicht tun". Die Charaktere aus City of God können es längst tun; man möchte fast sagen: Sie müssen es tun. Denn in der "Stadt Gottes", dem Armenviertel der Metropole Rio De Janeiro, schlägt der Tod wahllos zu. Das "Ich-oder-die" regiert kalt und gnadenlos nach einem fast schon darwinistischen Prinzip: Die Herrschenden töten die (noch) Schwachen, um zu verhindern, dass diese vielleicht dereinst ihren Platz gefährden könnten.
City of God ist kraftvolles, hartes Kino aus Brasilien, einem Land, das trotz seiner schwierigen und damit für interessante sozialkritische Filme beinahe prädestinierten Gesellschaftssituation nach dem Tode Glauber Rochas im Jahr 1981 und dem faktischen Ende des "cinema novo" lange Zeit auf der großen internationalen Bühne wenig präsent war, zuletzt jedoch vor allem mit den bekannten Walter-Salles-Filmen Central Station (1998) und Hinter der Sonne (2001) wieder verstärkt ins Rampenlicht rückte. Nun also City of God: Ein wahres Epos in seinen erzählerisch drei Dekaden umspannenden Ausmaßen, vor allem von der amerikanischen Kritik euphorisch gefeiert als Geburtsstunde als einen neuen internationalen Regietalents: Fernando Meirelles. Meirelles, der selbst nicht aus den Armenvierteln Rios stammt, und als Brasiliens erfolgreichster Werbefilmer auch sicherlich nicht der ärmeren Schicht der brasilianischen Bevölkerung zuzuordnen ist, arbeitete für City of God mit der 36-jährigen Katia Lund als Co-Regisseurin, die - wie sie in einem letzten Monat erschienen Interview mit dem brasilianischen Online-Magazin "Brazzil" verriet - während ihrer Kindheit und Jugend in Sao Paulo einige Male in Kontakt mit den "favalas" (den Slums) gekommen ist. Lund, die schon die Regieassistenz bei Salles' Central Do Brasil hatte, soll maßgeblich daran beteiligt gewesen sein, dass City of God wie ein Film wirkt, der direkt "von der Straße" kommt - mit aller Grobheit, Schonungslosigkeit und Hässlichkeit, aber auch mit jener leisen Poesie des versuchten Ausbrechens aus den Kreisen von Gewalt und Drogen. Das Resultat ist zuweilen großes, ehrliches Kino; fernab der Ansichtskartenidylle, in der man hierzulande die brasilianische Metropole noch oftmals sehen möchte.
Der Film erzählt (zumeist in Rückblenden) die Geschichte von Rocket, der uns als Erzähler aus dem Off und als aktiver Teil der Handlung durch den Verlauf des Films begleitet. Rocket ist ein Junge, der in der "Stadt Gottes" geboren wurde, in ihr aufwächst und schnell zu einem Bekannten, teils auch zum Freund der diversen Gangs, Dealer und Kriminellen des Viertels wird. Die auf einer wahren Begebenheit basierende Erzählung des von der Photographie und dem Traum, einmal professioneller Photograph zu werden besessenen Jungen beginnt in den 60er-Jahren und umreißt die kriminellen Anfänge des späteren "Bosses" L'il Zé, der sich damals - im Alter von etwa elf Jahren - noch den Spitznamen L'il Dice gab. L'il Zé war während der 60er-Jahre, die Meirelles durch einen den Szenen fast eine mythische Aura verleihenden Gelbfilter darstellt, quasi ein "Anhängsel" des so genannten "Tender Trios", das drei der führenden jugendlichen Kleinkriminellen des Viertels vereinte. In prägnanten, von einer sengenden Sonne geschwängerten Bildfolgen beschreibt der Film, wie sich die drei Mitglieder des Trios zusammen mit L'il Zé mit kleineren Überfällen (zum Beispiel auf einen Lastwagen, der der mit Gas gefüllte Behälter transportiert) über Wasser halten und schließlich, beim missglückten Versuch, ein Bordell auszurauben, auseinander getrieben werden. Ihre Auflösung endet für zwei von ihnen auf tragische Weise tödlich und der einzige, der aus ihrer Vereinigung noch innerhalb der kriminellen Kreise verweilt und übrig bleibt, ist ausgerechnet L'il Zé - einer der faszinierendsten und zugleich erschreckendsten Charaktere, der man zuletzt auf der Leinwand sehen konnte. Der Film beschäftigt sich fortan mit dem Aufstieg von L'il Zé und seinem Freund Benny zu den gefürchtetsten und mächtigsten Jugendkriminellen in der "Stadt Gottes" während der 70er- und 80er-Jahre und wie Rocket sich letztlich zwischen den Fronten eines brutalen Bandenkrieges wieder findet; akribisch dokumentierend mit seiner Photokamera. Der schon als Kind von der reinen Lust am Töten besessene L'il Zé wird in Rockets Bildern zum Symbol für eine Gesellschaft, aus der eine erdrückende Armut jegliches Wertesystem herausgepresst hat: Aufgestiegen unter Zuhilfenahme radikalster und rücksichtslosester Gewalt; und am Ende geschlagen von seinen eigenen Mitteln und der Gesellschaft, die er mitgeformt hat. Ein von Kugeln durchsiebter Teenager, über dessen Leiche sich der nächste "Boss" bereits erhebt.
City of God ist ein Film, der sich seiner Vorbilder durchaus bewusst ist: Die aus dem Off erzählte Geschichte von Aufstieg und Fall eines Gangsters erinnert an Scorsese und besonders an sein Epos Goodfellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia (1990), während sich Meirelles stilistisch und in der Wahl seiner formalen Mittel eher in der Nähe von Quentin Tarantino und David Fincher bewegt, ohne jedoch des letztgenannten Hang zum Formalismus als Selbstläufer in ansonsten oft recht banalen Filmen aufzugreifen: Meirelles nutzt Standbilder, Splitscreens, ungemein schnelle Schnittfolgen und Kamerafahrten, Zeitlupen und Zeitraffer und wie Tarantino lässt er manche Handlungsabschnitte sich immer wieder wiederholen, um sie aus verschiedenen Perspektiven erzählen zu können und um dabei - und hier wiederum ganz im Stile Scorseses - die einzelnen Charaktere durch kurze für sie jedoch prägnante und zusammenfassende Handlungen zu definieren. Und obwohl Kenneth Turan in seiner Kritik zu dem Film in der "Los Angeles Times" nicht ganz zu unrecht anmerkt: "City of God has a lot more dazzle than social realism is known for", so sind es doch die besten Szenen des Films, wenn Meirelles seine cineastischen Vorbilder quasi ineinander laufen lässt, und Sequenzen kreiert, in denen Scorsese und Tarantino / Fincher quasi zusammenkommen, wie in jenem Abschnitt des immer wieder in anders titulierte Erzählungssegmente unterteilten Films, der mit "Das Apartment" überschrieben wird: Hier treffen sich einige der Gangster nach längerer Zeit im Apartment eines Dealers wieder und Meirelles nutzt faktisch jeden Satz und jede Bewegung, die die Protagonisten vollziehen, um von dem ebenfalls anwesenden Rocket immer wieder neue kleine Geschichten über die einzelnen Figuren und ihren Verbleib in der Zwischenzeit einbringen zu lassen. Vier- oder fünfmal sicherlich wird die Szene wiederholt und jedes Mal wieder neu akzentuiert und auf erstaunliche Weise variiert. In diesen Momenten wird zweierlei deutlich: Zum einen, dass City of God mehr Geschichten zu erzählen hat, als sich in einem Film verarbeiten ließen; zum anderen, dass Meirelles' gewagte, zeitweilige Videoclip-Ästhetik keineswegs bloße Form ist, sondern dem Film zusammen mit den verschwitzten, aggressiven Bildern von Kameramann César Charlone erheblichen zu seinem immensen, fast an Sambarhythmen erinnernden Tempo verhilft, das sich schon in der ersten Einstellung des Films - ein Messer wird eilig auf einem Schleifstein gewetzt - ankündigt.
Die Publikums- und Kritikerrezeption von City of God in Brasilien war phänomenal: Über drei Millionen Kinobesucher, selbst der Präsident lobt den Film in höchsten Tönen und nennt ihn einen "dringenden Ruf nach Veränderung" und Katia Lund führt in ihrem Interview mit "Brazzil" eine kleine Anekdote aus, die für sie das Wichtigste beinhaltet, was City of God bisher hat erreichen können:
"The coolest thing is that it is being watched by people from all different classes. People who have never been to the movies before - perhaps they did not see themselves or did not identify themselves in a movie - are going to watch it. And everybody is talking about it! One day I was at the hairdresser and it was wicked, I saw the manicures, the girls who serve coffee and the madams all discussing the scenes and the whole social problematic. I have been noticing that the movie has helped democratize discussion."
Es ist zwar davon auszugehen, dass Meirelles' und Lunds Film in Europa nicht jener revolutionäre Charakter zugestanden werden wird, den er in Brasilien erfuhr, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass die europäischen Gesellschaften auf breiter Fläche besser informiert sind über die soziale Problematik in der Welt (während viele Brasilianer vor allem aufgrund der unzureichenden Information durch die Medien gar nicht gewahr darüber sind, dass eine Stadt wie Rio faktisch zweigeteilt ist, die Gesetze in den "favalas" weitgehend keine Geltung erfahren und hier durchaus tagtäglich Kinder von Kindern getötet werden). Jedoch ist City of God ein hochklassiges Beispiel für ein leidenschaftliches, modernes Kino der Kritik und des Wandels, das sich dennoch immer darüber im Klaren ist, dass ein solches Kino vor allem eines leisten muss: Die Menschen erreichen. |