Dieses neuseeländische Export-Produkt zeigt in unglaublich schönen Bildern die Geschichte eines jungen Maori-Mädchen, die sich gegen ihren Stamm und den eigenen Großvater behaupten muss. Ein anspruchsvoller Film, der jeden Cent des Eintrittsgeldes wert ist!
"Wow! Einfach unglaublich beeindruckend!", das waren meine ersten Gedanken als das Licht wieder heller wurde und sich der Vorhang langsam schloss. Hatte ich doch eigentlich einen Film gesehen, von dem ich mir auf Grund der Story absolut nichts erwartete und dann so vereinnahmt wurde, von der ebenso unvergleichlich berührenden wie tiefgründigen Geschichte eines jungen Mädchens. Jetzt, einige Tage nach dem Film, bin ich noch mehr davon überzeugt, dass wir es hier mit einem Werk (ich verwende absichtlich nicht das Wort "Film") zu tun haben, welches in der heutigen Zeit seinesgleichen sucht.
Action, Horror, Thriller, Korruption, Comedy - das sind die Genres dieser Zeit und doch gibt es ab und an wieder Filme, die es schaffen, nicht den Vorstellungen eines Mainstream-Filmes und dieser Genres zu genügen und dennoch das Publikum zu fesseln. Whale Rider ist sicherlich einer dieser, leider sehr raren, Filme und ist, obwohl man ihn als typischen Festival-Film bezeichnen könnte, auch für jeden verständlich und schafft einen Zugang für die wirklich interessante Welt des Filmes abseits von Der Terminator, Der Herr der Ringe - Die Gefährten und Harry Potter und der Stein der Weisen. Natürlich haben auch diese ihre Daseins-Berechtigung und fesseln auf ihre eigene Art und Weise, aber dennoch ist Whale Rider etwas ganz Besonderes.
Die Maori-Bewohner eines kleinen neuseeländischen Küstenortes, führen ihre Herkunft auf einen Walreiter, namens Paikea, zurück und so gibt es die Tradition, das in jeder Generation ein männlicher Nachfahre diesen Namen trägt und als Anführer fungiert. Als nun aber der Zwillingsbruder und die Mutter stirbt, bleibt nur eine Tochter übrig, die der Vater auf Paikea tauft. Der bisherige Anführer des Stammes ist deren Großvater und glaubt, dass die Geburt seiner Enkelin Unglück über den Stamm brachte.
Einige Jahre später liebt die 12-jährige Pai(kea) ihren Großvater mehr als alles Andere, doch er glaubt nicht daran, dass sie seine Nachfolge antreten könnte und so ruft er alle männlichen Erstgeborenen der Dorfes zusammen, um den Auserwählten zu finden. Ab diesem Zeitpunkt kämpft Pai gegen die Diskriminierung, Tradition und die Anerkennung und Liebe ihres Großvaters.
Die Neuentdeckung Keisha Castle-Hughes, welche die Rolle der Pai spielt, ist neben den anderen sehr guten Darstellern, ein wahrer Augenschmaus. Sie spielt mit einem solch unglaublichen "unverbrauchten" Ausdruck und überträgt die Gefühle des kleinen Mädchens direkt auf den Zuschauer, der von den ersten Minuten an in den Bann des Filmes gesogen wird. Bemerkenswert ist auch die Tiefe der Charaktere, die nicht durch irgendwelche unnötigen Handlungselemente, sondern reine Darstellungskunst erzeugt wird und dadurch den Zuschauer noch mehr die Zwiespältigkeit der Situation fühlen läßt.
Mit Whale Rider ist den Neuseeländern ein Exportprodukt gelungen, das sich so schnell nicht wiederholen lassen wird. Denn der Konflikt zwischen Tradition und Diskriminierung wird mit einer solchen Detailgetreue und Überzeugung gezeigt, dass man sogar im modernen Mitteleuropa, welches immer mehr von Traditionen abweicht, ein Gefühl dafür bekommt, was es bedeutet gegen Traditionen ankämpfen zu müssen. Ein weiteres außergewöhnliches Merkmal ist sicherlich, dass trotz der tiefgründigen Geschichte, in keiner Sekunde sich Unverständnis oder gar Langeweile einstellt. Tim Sanders (The Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring) produzierte hier ein Meisterwerk aller erster Güte, welches zum Glück für alle Filmfans auch der breiten Masse und nicht nur wenigen Festival-Besuchern gezeigt werden wird!