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Lars von Triers neuer Film ist ein Geniestreich, minimalistisch in seinem Erscheinungsbild und gigantisch in seiner Wirkung. Der Film entführt uns in ein verschlafenes amerikanisches Städtchen in den 30er Jahren, wo es jedoch nicht so harmlos zugeht, wie es zunächst den Anschein hat.
Dieser Lars von Trier ist schon so einer. Da sucht er monatelang nach seiner idealen Location um ein kleines Dorf in den Rocky Mountains zum Leben zu erwecken. Soll er in Schottland drehen, oder vielleicht doch in den Alpen? In Amerika kann er natürlich nicht drehen, denn er versteht sich ja als eine Art moderner Karl May, der zwar Amerika thematisiert, aber nie da war und nach eigener Aussage auch nie hin will. Also was macht der reisescheue von Trier? Er geht in ein Filmstudio in Schweden, lässt sich eine große Bühne bauen, mal mir Kreide die Grundrisse des Örtchens Dogville auf, drapiert das Ganze mit spärlichen Kulissen und fertig ist die Location, die perfekte Location wohlgemerkt.
Denn warum sollte das, was im Theater funktioniert nicht auch im Kino funktionieren? Mit dieser radikalen Reduzierung auf das Notwendigste setzt von Trier sein ganzes Vertrauen in das Publikum und in dessen Vorstellungskraft. Und es funktioniert. Schon nach wenigen Minuten ist Dogville keine Bühne mehr, es ist ein Ort, der vor unserem geistigen Auge lebendig geworden ist. Wir sehen nicht mehr die Wort "Dog" oder "Gooseberry" auf den Boden geschrieben, wir sehen den Hund oder den Stachelbeerstrauch. Und doch ist Dogville nicht mit einer Theaterübertragung aus dem Fernsehen zu vergleichen, auch wenn diese von Trier angeblich als Inspiration dienten. Es gibt zum Beispiel keine statische Kamera. Die Kamera schwebt über die Bühne, gerne setzt von Trier auch die Handkamera ein, scheucht sie durch die Stadt, zeigt uns wackelige, unscharfe Bilder, die an Dogma95 erinnern, von der sich von Trier zwar losgesagt hat, ihr stilistisch aber wohl doch nicht 100%ig entsagen kann. Und in Gesprächen geht er gerne extrem nah an die Gesichter heran, zeigt uns Close-ups, will jede auch nur noch so kleine Emotion einfangen.
Und damit wären wir auch schon beim eigentlichen Thema das Films: Den Menschen. Lars von Trier geht es einzig und alleine um die Menschen, um ihre Gefühle und darum, ihr Verhalten zu studieren. Deshalb auch die Minimalisierung des Sets, nichts soll von den Einwohnern Dogvilles ablenken. Und die sind eine eingeschworene Gemeinschaft, irgendwo in den Rocky Mountains, irgendwann in den 30er Jahren. Dogville ist nur über eine einzige Strasse zu erreichen, es gibt genau einen Arzt und einen Laden. Insgesamt zählt die Gemeinde 15 Einwohner, von denen der junge Mann Tom (Paul Bettany) noch zu den aufgeschlosseneren gehört. Er versteht sich selbst als Schriftsteller, als Philosoph und denkt am liebsten den ganzen Tag nach. Er ist es auch, der uns im Prolog des Films das Städtchen und die Bewohner vorstellt, relativ schnell lernen wir jeden einzelnen mitsamt seiner Marotten kennen. Und Tom ist auch der erste, der eines Nachts die schöne Grace (Nicole Kidman) entdeckt. Sie ist auf der Flucht vor Gangstern, verängstigt, aber auch geheimnisvoll, in erster Linie ist sie aber eine Fremde und den Bewohnern von Dogville somit suspekt. Doch mit Hilfe von Toms gutem Zureden entschließt sich die Gemeinde dazu, Grace aufzunehmen. Als Gegenleistung soll Grace den Bewohnern bei ihrer Arbeit unter die Arme greifen. Anfangs funktioniert das auch sehr gut, doch eines Tages kommt die Polizei nach Dogville und schlägt einen Suchbrief nach Grace an. Die Gemeinde beschließt, Grace weiterhin Schutz zu gewähren, jedoch unter der Vorraussetzung, das Grace mehr arbeitet. Und als schließlich auch noch das FBI nach Grace fahndet, ist das für die Bewohner Dogvilles eine Art Freifahrschein: Die Kinder machen mit Grace ihre Streiche, die Frauen malträtieren sie, wo sie nur können und die Männer befriedigen an Grace ihre sexuellen Gelüste.
Schonungslos zeigt von Trier die niedersten Stufen menschlichen Verhaltens, zeigt wozu eine Gemeinschaft fähig ist, wie jegliches Unrechtsbewusstsein schwindet. Die Erniedrigungen der gutmütigen Grace scheinen keine Grenzen zu kennen. Und diese Überschreitung der Schmerzgrenze mutet von Trier den Zuschauer gnadenlos zu. Aber auch wenn wir während Dogville teilweise schlucken müssen, so ist doch die Wirkung die von Trier erzielt genial. Wie Grace sind auch wir als Zuschauer in Dogville gefangen, emotional gefangen. Natürlich man muss diese Leistung des Films auch den Darstellern anrechnen. Das gesamte Ensemble ist sehr gut aufgelegt, auch wenn einige Stars wie Lauren Bacall oder James Caan hinter der Handlung etwas zu kurz kommen. Besonders hervorzuheben ist in erster Linie aber Nicole Kidman. Sie spielt sensationell und beweist, dass sie ihre Oscarprämierte Leistung aus The Hours - Von Ewigkeit zu Ewigkeit sogar noch toppen kann. Die Tour-de-Force, durch die Lars von Trier Nicole Kidmans Grace und den Zuschauer schickt, gipfelt in einem verstörende Ende, bei wir erleben, zu welchen Taten die Gemeinde von Dogville die herzensgute Grace durch ihre sadistische Behandlung getrieben hat.
Der Abspann der auf dieses Finale folgt, mag jedoch nicht so recht ins Bild passen. Hier zeigt von Trier uns Bilder der amerikanischen Depression, der Armut und des Elends, unterlegt wird dies mit David Bowies fröhlichem "Young Americans". Ich kann nur vermuten, dass dieser Abspann Hauptgrundlage für die Tatsache ist, dass man im Zusammenhang mit Dogville oft auch die Worte "Anti-amerikanisch" hört. Lars von Trier provoziert halt auch gerne, und ich sehe den Abspann ehr in diesem Kontext als darinnen eine konkrete politische oder sozialkritische Aussage zu erkennen. Denn der Film an sich ist nicht anti-amerikanisch, er dreht sich in erster Linie um die Menschen und um deren Taten und nicht um das Land, im dem diese Menschen leben. Denn auch ein Lars von Trier weiß ganz genau, dass es ein Dogville in jedem Land der Erde geben kann. |