Endlich mal eine richtig gute Produktion von Dark Castle: ein Jahr nach Ring bietet Gothika beste Horrorthrillerunterhaltung.
Vor gut acht Jahren erschien mit Stellas Versuchung (mit Robert Patrick und Malcolm McDowell) ein nicht unbedingt viel beachteter Film, in dem es um merkwürdige Vorgänge in einer Nervenheilanstalt ging. Man erkannte das Potenzial, mit einer Psychiatrie als Schauplatz, ein gruseliges und beklemmendes Ambiente zu schaffen. Auch wenn es, wie die Kritiker bemängeln, nicht wirklich gelang und das Leistungsvermögen zweier renommierter Schauspieler in einer billigen Produktion versiegte, erschien die Idee durchaus reizvoll.
Einige Jahre später also sollte der eher frische Regisseur und Drehbuchschreiber Sebastian Gutierrez in einem Gespräch mit Joel Silver, seines Zeichens Filmmogul und Mitbegründer der Horrorfilmproduktion Dark Castle, eben diese Idee in einer von ihm erdachten Story wieder aufgreifen. Eine Kriminalpsychologin, die in einem Frauengefängnis für mental gestörte Verbrecherinnen arbeitet, kommt abends auf ihrem Heimweg von der Straße ab. Nach drei Tagen im komatösen Zustand wacht sie auf - als Insassin in ihrer eigenen Anstalt. Sie soll ihren Mann in einem wahnhaften Anfall umgebracht haben und verstrickt sich bei ihren Ausführungen über die Ereignisse in Widersprüchen. Allmählich beginnen alle an ihrem Verstand zu zweifeln, denn beständig erzählt sie von merkwürdigen und metaphysischen Ereignissen. Obwohl sie sicher ist, nicht dem Wahn verfallen zu sein, muss nun auch sie erkennen, dass es keine Möglichkeit gibt, ernst genommen zu werden, wenn man für verrückt gehalten wird. Ihre einzige Chance, aufzuklären, was vor sicht geht, ist es auf eigene Faust zu handeln.
Bereits in The Gardener (ebenfalls mit Malcolm McDowell) wurde gezeigt, wie schnell man zum Opfer werden kann. Während auch dieser Film eher schwach abschnitt und nur wegen der überzeugenden Darstellung von McDowell interessant blieb, reichte alleine schon die Story, um den Film einigermaßen spannend zu gestalten. Gothika lebt von einer ähnlich hilflosen Situation, in der die Protagonistin die Oberhand zu verlieren droht und niemanden hat, dem sie vertrauen kann. Sie ist auf sich alleine gestellt und wird von schrecklichen Visionen und Ereignissen geplagt. Für diese Rolle konnte man Halle Berry gewinnen, die nicht erst seit ihrer Oscar-Verleihung zu Hollywoods talentierteren Darstellerinnen gehört. Sie gibt der Figur von Dr. Miranda Gray, die sie verkörpert, genau das, was es braucht, um die filmische Illusion zu erzeugen, die eine solche Inszenierung verlangt. Wirklich überzeugend bewirkt ihr Spiel, gepaart mit der gelungenen Kameraführung und der Qualität der Bilder, beklemmende und sogar mitfühlende Empfindungen des Zuschauers. Es ist eine Kunst, die gute Filme auszeichnet.
Doch nicht nur Halle Berry sorgt für die nötige Professionalität in dieser Projektion. Auch Robert Downey Jr., Hollywoods geheimer Liebling und gleichzeitig auch größtes Sorgenkind, beweist, dass Altmeister wie Robert Altman nicht irren können, wenn sie ihn in ihre Auswahl guter Schauspieler nehmen. Doch der größte Clou, so möchte man meinen, gelang Dark Castle bei der Auswahl des Regisseurs. Silver, der bereits viel von dem talentierten Franzosen Matthieu Kassovitz (La haine, 1995; Assassin(s), 1999; Die Purpurnen Flüsse, 2000) gehört hatte, ließ ein Treffen mit ihm einrichten. So etwas, bemerkte seine Assistentin, sei außergewöhnlich. Böse Zungen hätten dem Produzenten so viel Geschmack natürlich nicht zugetraut. Umso erfreuter kann man sein, dass mit dieser Mischung ein überaus fähiges Team zusammengefunden hat. Und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Wenn auch man bemängeln könnte, man habe den Mikrohalter nicht richtig schlafen lassen; so scheint es zumindest, wenn zur Mitte des Films in mehreren Szenen das Mikro auffällig oft am oberen Bildrand ins Bild taucht, schnell wieder hoch huscht, um dann allmählich wieder reinzusegeln...
Während man in Amerika den Film eher für lahm und langatmig hält, dürfte dem europäischen Publikum dieser filmisch ansprechende Touch eher gefallen. Kassovitz nimmt sich Zeit, wenn auch nicht arg zuviel, um gekonnt die packende Atmosphäre umzusetzen, die eine solche Geschichte mit sich bringt. So kommt es oft auch zu wirklich bemerkenswerten Stillen, die fesselnden Suspense bewirken, während in rein amerikanischen Produktionen an solchen Stellen gerne schrille Töne wie etwa Streichmusik ein Unheil verkünden. Doch Stille, so muss man bemerken, wirkt in solchen Szenen ungemein spannender - und auch realistischer. Und so bleibt an solchen Stellen oft die Luft weg, das Herz schlägt langsamer und die Lidschlagrate sinkt. Nichts möchte man verpassen und taucht völlig in die Bilder ein. Jeder, der Ring mochte und sich seitdem fragt, wann wieder ein guter Horrorthriller die Kinos erobert, wird mit der ersten brauchbaren Produktion von Dark Castle zufrieden sein können. Aber auch hier gilt: es ist definitiv kein Film für sensible Gemüter. Doch durch die sehr intensiven Suspense-Techniken und teilweise auch grotesken Bilder sollten sich sensible Gemüter nicht in den Film wagen.