Mit Die Träumer wollte Bernardo Bertolucci speziell der 68er-Bewegung, die seiner Meinung nach in Frankreich maßgeblich vom Kino beeinflusst wurde, ein Denkmal setzen. Dafür erzählt er die streckenweise von der Außenwelt abgeschlossene Geschichte dreier Cineasten, die die sexuelle Revolution auf ihre ganz eigene Weise erfahren und sich in einer obskuren Dreiecksbeziehung verlieren. Das Medium Film ist dabei das entscheidende Bindeglied sowie Dreh- und Angelpunkt der interessanten Story, zu der immer wieder Parallelen durch Zitate großer Klassiker geschaffen werden. Das Endergebnis ist ein durchgehend stimmiges Meisterwerk mit grandiosen Darstellern, fantastischer Musik und bezaubernden, bis kunstvoll obszönen Bildern.
In seinem einzigen Film, den Bernardo Bertolucci (Der letzte Tango in Paris) im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts inszenierte, beschäftigt er sich mit dem Geist der 68er-Bewegung und den damit verbundenen Studentenunruhen in Paris. Bertoluccis vordergründiges Anliegen ist es, diese auch für ihn prägende Zeit in engen Bezug zum Zauber des Kinos zu stellen. Der politische Hintergrund wird allerdings schnell zur Nebensache. Stattdessen widmet sich der Film komplett seinen drei Protagonisten, die ihre Gemeinsamkeit in der Liebe zum Kino finden und sich immer mehr in einer absurden, beinahe schon surrealen Dreiecksbeziehung verlieren.
Der Stoff für den Film basiert auf drei Romanen des schottisch-britischen Schriftstellers Gilbert Aldair. Seine Werke "The Holy Innocents", "The Dreamers" und "Buenas Noches, Buenos Aires" fasste er für das Drehbuch von Die Träumer zusammen. Aldair, der in einem Cameo-Auftritt als Louvre-Besucher zu sehen ist, lebte selbst von 1968 bis 1980 in Paris und war ebenso wie Bertolucci fasziniert vom Esprit der 68er.
Die drei jungen Hauptdarsteller Michael Pitt (Last Days), Eva Green (Casino Royale) und Louis Garrel (Unruhestifter) fahren ihr komplettes Können auf und überzeugen mit schauspielerischen Glanzleistungen und einer gewagten Performance, die den Dreien einiges abverlangt haben dürfte. Denn Die Träumer ist alles Andere als zimperlich oder zurückhaltend. Ganz im Gegenteil: Es gibt viel nackte Haut zu sehen und einige Szenen, speziell alles, was hier zwischen Bruder und Schwester geschieht, können durchaus als obszön bezeichnet werden. Doch zu keinem Zeitpunkt verkommt die tragende Bedeutung der Sexualität zur reinen Fleischbeschau eines lüsternen Filmemachers oder zum primitiven Provokationsmittel. Auch sind entsprechenden Szenen stets handlungsdienlich und entscheidend für die Figurenentwicklung. In keinem Moment bekommt der Zuschauer das Gefühl im besten Ken Park-Stil durch fragwürdigen Voyeurismus von einer schwammigen, beziehungsweise längenbehafteten Story abgelenkt werden zu wollen.
Ein weiteres Plus des Films ist sein grandioser Soundtrack, der sich aus einer ausgewogenen Mischung aus französischen Chansons und populärer Musik der späten 60er zusammensetzt. Auch das Timing der entsprechenden Titel ist perfekt und trägt maßgeblich zur verträumt, sehnsüchtigen Grundstimmung von Die Träumer bei. Die wunderschönen, perfekt fotografierten Bilder, von denen viele schon für sich eigene Kunstwerke sind, verschmelzen mit der Musik. Bild- und Tonebene werden ein großes Ganzes und erklären dem Zuschauer, was gutes Filmemachen bedeutet.
Auch wenn Die Träumer sehr unterschiedlich aufgenommen wurde und die Liste der Gegner des Filmes recht lang sein dürfte; als Cineast und Ästhet wird man diesen Film lieben. Alles in allem handelt es sich hier um ein Meisterwerk, das man gesehen haben muss.