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 Betreff des Beitrags: Der Untergang
BeitragVerfasst: 11.09.2004 15:27 
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Beiträge: 146
Wohnort: Eching
Da der Film gerade in allen Medien diskutiert wird, wundert es mich, dass es hier noch kein Topic dazu gibt. Darum mache ich den Anfang.

Viele sagen bei dem Film besteht die Gefahr, dass man Sympathie für die NS-Führer empfindet. Ich sehe das nicht so. Jeder normal denkende Mensch kann da doch differenzieren und wird nie im Leben Sympathie für einen dieser Kriegsverbrecher haben.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 11.09.2004 15:29 
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Autsch.

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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 11.09.2004 16:25 
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Definiere bitte normal-denkender Mensch. Davon gibt es in diesem Lande ja auch sehr viele.

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"If it can be written, or thought, it can be filmed."
(Stanley Kubrick)


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 11.09.2004 16:44 
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Beiträge: 146
Wohnort: Eching
Ich weis was ihr meint! War vielleicht etwas schlecht ausgedrückt. Ich meine damit, dass doch unsere Gesellschaft die Grausamkeit des Nationalsozialismus kennt! Dieser Film wird niemanden zu einem Hitler-Fan machen. Kein Deutscher geht unbefangen ins Kino und sagt sich: "Jetzt schau ich mal, wie das damals war und bilde mir dann meine Meinung" sondern man kennt die schrecklichen Hintergründe.

Es geht hier ohnehin nur um die Figur des Albert Speer, der leichte Sympathien wecken könnte. Für alle anderen wie Goebbels, Hitler oder Himmler kann man bei diesem Film unmöglich Sympathie aufbringen!


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 11.09.2004 17:05 
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Beiträge: 13689
Es geht für mich eigentlich um die Frage weswegen dieser Film gemacht wurde. Ob irgendeine Aussage dahinter steckt, und ob der Film dem Zuschauer etwas mitteilt was dieser noch nicht kennt.

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(Stanley Kubrick)


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 11.09.2004 18:17 
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Wenn ich davon ausgehe, dass der Film eine non-fiktionale und keine belletristische Basis hat, was ich aus den Medien entnommen habe, dann erschließt sich mir der Grund für diesen Film auch nicht gänzlich...


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 11.09.2004 18:18 
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Manschmal hab ich das Gefühl, deutsche Kinofilme finden nur noch internationale Beachtung, wenn sie von der Zeit zwischen 1933 und 1945 handeln.
Kann das sein?...


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 11.09.2004 22:54 
Moderator
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Beiträge: 3841
Wohnort: Berlin
Ja, das ist leider so.
Dabei befindet sich der deutsche Film gegenwärtig in ausgesprochen guter Verfassung. Nur leider merkt das keiner und dadurch gelten eben auch Leute wie Hirschbiegel oder gar Herbig weithin als das Beste, was es hier so gibt.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 12.09.2004 18:02 
Zuschauer
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Beiträge: 24
Also ich glaube auch die Zeit von 1960 - 1990 spielt eine große rolle beim deutschen Film. Goodby Lenin, und der neue "DDR" Film weiss jetzt den namen nicht und auch sonst spielt die "Deusche Trennung" eine recht hocheingestufe Rolle.

Um nochmal auf die Sympathien mit Albert Speer zu sprechen zu kommen. Ich glaube ihr kennt bestimmt den Film "Nichts als die Wahrheit" und auch da konnte man sehr schnell viel Mitleid und Verständniss für den Protagonisten aufbringen. Es wurde dort sehr Klug mit den Emotionen des Menschen umgegangen und ich finde das hat wirklich interessante Aspekte um über sich, diese Zeitepoche und das Geschehene nachzudenken.

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Brot kann schimmeln ... was kannst du ?

Kiffen macht gleichgültig, aber das ist mir egal.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 12.09.2004 21:23 
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Beiträge: 146
Wohnort: Eching
Stewart hat geschrieben:
Manschmal hab ich das Gefühl, deutsche Kinofilme finden nur noch internationale Beachtung, wenn sie von der Zeit zwischen 1933 und 1945 handeln


Also ich glaube auch "Good Bye Lenin", "Das Wunder von Bern" oder auch "Lola rennt" (zwar schon länger her aber immerhin) waren nicht in dieser Zeit angesiedelt.

Ich verstehe eure Vorbehalte gegen den Film nicht.
Kann sie mir vielleicht einer erklären?


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 12.09.2004 21:39 
Regisseur
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Beiträge: 1214
Wohnort: Coburg
... weil der "populäre" deutsche Film regelrecht in Bedeutungsarmut versinkt. Ich lasse mich aber gerne von Hirschbiegel eines besseren belehren. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 12.09.2004 21:45 
Regisseur
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Beiträge: 2430
Wohnort: Sunshine
Stewart hat geschrieben:
Manschmal hab ich das Gefühl, deutsche Kinofilme finden nur noch internationale Beachtung, wenn sie von der Zeit zwischen 1933 und 1945 handeln.
Kann das sein?...


Schuh des Manitu, Goodbye Lenin...

[edit]
Notiz an mich: Thread lesen, dann posten.

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Don't let me falter, don't let me hide,
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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 14.09.2004 17:30 
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Beiträge: 432
Der Film muss ja nix sagen oder?

Also ich schau mir den an :)

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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 17.09.2004 14:57 
Zuschauer
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Beiträge: 6
Ich finde der Film ist einer der besten deutschen Filme überhaupt. Die Schauspieler haben eine Glanzleistung abgelegt und der ganze Film war so gut gemacht wie man ihn besser hätte nicht machen können. Mich hatte vor allem bei diesem Film interessiert, daß er aus einem völlig neuen Blickwinkel gedreht wurde.

Die Bedenken, daß man Sympathie für Hitler empfinden könnte sind mir schleierhaft. Auch wenn hier einige menschliche Züge an ihm zu sehen sind, so weiß doch jeder wofür er verantwortlich war. Außerdem konnte man sich doch auch so denken, daß er nicht 24 Stunden am Tag Mordpläne schmidete sondern auch sowas wie ein Privatleben hatte.

Was mich noch wundert, wieso fragen hier einige nach einer Moral oder Botschaft? Das ist ein historischer Film noch einer wahren Begebenheit. Die einzigste Moral oder Botschaft ist in der Geschicht selbst zu finden. Habt ihr wirklich einen erhobenen Zeigefinger am Ende des Films erwartet?


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 21.09.2004 12:15 
Zuschauer
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Beiträge: 1
Ich war gestern in dem Film und ich muss sagen das er einfach unglaublich ist.

Unglaublich deswegen, weil die Schauspieler authentisch gecastet sind. Man erkennt jeden auf anhieb.
Unglaublich deswegen, weil er auch die Menschlichen Züge der Parteibonzen, Offiziere und natürlich des Führers selbst zeigt.
Dies ist deshalb wichtig, weil es für ein korrektes historisches Verständniss sicherlich sinnvoller ist, zu begreifen das keine Monster oder Tiere für die Geschichte verantwortlich sind, sondern einfach nur Menschen.
Unglaublich deswegen, weil der Film die Menschen dazu zwingt sich mit ihren Emotionen und der jüngeren Vergangenheit zu beschäftigen, welche sonst 24 Std. mit einem Brett vorm Kopf rum rennen.

Unglaublich deswegen, weil ich mich keine sekunde gelangweilt habe und am Ende echt erschüttert war.
Es war einer der seltenen Momente, wo das komplette Kino mehr oder minder schweigend den Saal verlassen hat.

Wirklich zu empfehlen. Und politisch in solchen Zeiten wo Politische Aufklärung Mangelware ist, sicherlich sinnvoll (siehe nur die Entwicklung von bestimmten Wahlergebnissen ;)).


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 22.09.2004 21:57 
Nebendarsteller
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Beiträge: 292
Als ich den Film gesehen war eine Gruppe rechtsextremer im Saal und haben bei jeden Dialog Hitlers applaudiert, das habe ich als sehr störend Empfunden.
Dann wurde die Polizei gerufen und die Gruppe Rechtsextremer wurde dem Saal verwiesen, wobei alle anderen Zuschauer applaudiert haben.
Deswegen glaube ich das ich mir den Film nocheinmal ansehen werde und dann hoffentlich ohne weitere Störungen.
Aber ansonsten war der Film von der Schauspielerichen Leistungund der Authenzität sehr gut.
Obwohl ich denke, dass die Produktion der SS-Helme, wie man sie am Ende des Filmes sieht, schon 1943 eingestellt wurde und dann nicht mehr getragen wurden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 26.09.2004 15:42 
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Beiträge: 14451
Also ich versteh den ganzen Rummel um diesen Film nicht, vor allem die Diskussionen Hitler "menschlich" darzustellen, denn mit 1-2 Ausnahme war dies zu keinem Zeitpunkt wirklich der Fall. Auch sonst muss ich sagen, dass mich der Film nicht überzeugt hat, warum? Zum Einen empfand ich die Inszenierung relativ misslungen, so gab es dutzende Schnittfehler und reinhängende Mikrofone gabs immer wieder zu sehen. Sehr gelungen waren hingegen die Darstellung der Szenen im Führerbunker die sehr erschreckend wirkten und durch die wirklich tollen Leistungen des kompletten Darstellerensembles (allen voran natürlich der grandios spielende Bruno Ganz) noch verstärkt wurden. Ein Kritikpunkt wäre bei mir noch, dass der Film an manchen Stellen viel zu weit ausufert und es vielleicht besser gewesen wenn man ihn eine gute halbe Stunde kürzer gehalten hätte. Insgesamt bin ich jedoch mit Hirschbiegels Film nicht 100 %ig zufrieden, obwohl er sicherlich teilweise sehr gute Szenen und großartige Darstellerleistungen aufweisen konnte.

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Life ain't about how hard you can hit. It's about how hard you can get hit and keep moving forward.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 30.09.2004 08:29 
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Beiträge: 4090
Die Wiederkehr
The Return of Hitler hieße Bernd Eichingers »Der Untergang« unter Filmkennern.

Von Dietrich Kuhlbrodt


»Vergibt Deutschland Hitler doch noch?«
(Daily Mail über Der Untergang)


Im September startete das Nazi-Endspiel, aber schon einen Monat zuvor war eine Mordskampagne angerollt. Die Hitlerpresseführer »Spiegel«/Springer stiefelten als erste los und verhalfen dem Film in einer konzertierten Offensive zum medialen Durchbruch. Der »Spiegel« räumte der Hitlertitelstory 20 Seiten ein und war sich »schon jetzt sicher, daß ›Der Untergang‹ Furore machen wird«, da nun das »Drama ein reales Gesicht« bekommen habe; nein, nicht nur das Drama, auch Hitler selbst habe »ein Gesicht« erhalten – »Hitler als Mensch«, posaunte die »Welt«, die dann ergriffen vom »Antlitz« raunte: »Wir schauen in ein Antlitz, das vor Milde schimmert.« Das »Hamburger Abendblatt« brachte gleich das deutsche Abendland zum Klingen und titelte: »Bruno Ganz – vom ›Faust‹ zum ›Führer‹«.
Im Film selbst werden wir gewarnt, einem anderen als dem Führer ins Antlitz, pardon, ins Gesicht zu schauen: »Sieh dem Russen nie ins Auge«, rät der Dialog (Bernd Eichinger). Die Protagonistin, Traudl Junge, sieht folgsam weg.
Gleichwohl folgt »Der Untergang« der eigenen Empfehlung. Er sieht »den Russen« nur als Masse: als humanoides Material, das in diversen Totalen als Alieninvasion deutschen Menschen Leid antut. Und als statistische Größe, über die besorgte Uniformträger im Führerbunker Daten austauschen. Wir sind die Opfer, die Russen die Täter.
Aber nur selten werden uns plakative Massenszenen zugemutet, gedreht in St. Petersburg. Wir bleiben zweieinhalb Stunden lang im Bunker, genauer: die letzten zwölf Tage, die das Führerantlitz zu schauen ist. Und wer den Film gesehen hat, dem hängt jetzt wieder ein Führerbild in der guten Stube wie zu Zeiten der Eltern- und Großelterngeneration. – »Der Untergang« ist lang genug, daß sich das Bild einbrennt.
Der Film ist, von den Einschubtotalen abgesehen, ein Kammerspiel, in dem Köpfe aus Uniformkragen kucken. Wer wer ist, kriegt man nicht mit, weil die Herren keinen Namen am Uniformspiegel haben und die Dialoge überwiegend unverständlich sind. Liegt es an der versauten Tonmischung? An der österreichisch-bayerischen Kunstsprache, der sich der Filmhitler befleißigt? Oder daran, daß es aufs Verständnis gar nicht ankommt, sondern nur auf das Bild, das wir uns vom Führer machen sollen, auf das milde Schimmern seines Antlitzes und auf seine »Scheu und Liebenswürdigkeit«, die die »Welt« besonders beeindruckt hat? Jedenfalls nehmen wir, und so hat Eichinger sich das ja auch gedacht, den Blick und das Staunen der Identifikationsfigur auf, eben der Sekretärin Traudl Junge, die vom Führer bis zuletzt fasziniert ist und selber nicht weiß, warum.
Wir sollen das auch jetzt nicht wissen. Wir sollen staunen. Und das ist langweilig – um so mehr, als im bis zum Anschlag ausgeleuchteten Studio nicht der Bunker, sondern das einschlägige TV-Film-Format zu erkennen ist. Was auch sonst? Wer außer Joachim Fest (dessen Buch Der Untergang hier verfilmt wurde), der Hitlerpresse und den einschlägigen Herren interessiert sich schon für Details der Militärstrategie des April 1945? Warum soll das grade jetzt wichtig sein? Die Fakten sind bekannt, die Führerbunkergeschichten tausendmal erzählt. Warum also dieser Film?
Ein Blick in das neue »Buch zum Film« hilft weiter. Fest führt darin seinen Nachweis, daß Hitler nicht gut genug war. Da ist einer noch größer als der Gröfaz: »Überdeutlich tritt sein (Hitlers) Unvermögen hervor, über die engsten militärischen Zwecke hinauszudenken.« Ja, hätte er nur auf den Joachim gehört, denn wer so akribisch militärstrategische Details betrachtet, kennt auch den »Zusammenhang, in dem alles jederzeit mit allem steht« und weiß um die »Erkenntnisgewinne, die keine Detailbetrachtung erbringen kann«. Die wären? »Eine denkbar weite Perspektive«, insbesondere »die Trauer über soviel Sinnlosigkeit ..., die sich bei aller Betrachtung des unaufhörlichen Vernichtungstreibens einstellt, aus dem die Geschichte besteht«.
Dann war Hitler zwar einerseits tatsächlich kein Denker vom Range Fests, andererseits ist es dann aber auch nicht sein (Hitlers) Vernichtungstreiben gewesen, sondern das der Geschichte, das den Holocaust bescherte. Dann allerdings wird auch verständlich, warum die Judenvernichtung im Hitlerfilm nicht vorkommt. Weil sie da nicht hingehört. Allerdings ist in den Eichingerdialogen doch ein subtiler Hinweis auf sie versteckt. Hitler ist stolz auf seinen Vorrat an Zyankali-Ampullen: »Himmler hat mich Gott sei Dank gut versorgt.« Sekretärin Traudl kriegt eine ab. Hitler: »Tut mir leid, daß ich Ihnen kein schöneres Geschenk machen kann.« Mutter Goebbels schiebt die garantiert schmerzlosen Sterbekapseln in die Münder der schlummernden sechs Kinder und drückt die Kiefer sacht zusammen. Auf der Tonspur hören wir, diesmal vernehmlich, das Glas splittern, aber wir können uns entspannen bei einlullender Hintergrundmusik.
Das war’s, und das war es doch auch wieder nicht. Denn wir wissen jetzt, daß Himmlers Zyankali nichts als fürsorgliche Sterbehilfe war. Dankbar müssen wir sein. Denn Zyankali schützt vor den gesichtslosen Untermenschen.
Wenn wir aufgepaßt haben, haben wir also gelernt, daß in Fests/Eichingers Welt der Holocaust im globalen Vernichtungstreiben keinen Namen braucht. Das freilich könnte ein wunder Punkt beim internationalen Vertrieb des Films werden. Unsere Kampagnenführer haben das vorbedacht und legitimatorische Argumente gestreut. Selbst für die »Zeit« ist die Ausklammerung des Holocaust zwar nicht geschichts-, so doch »naturgemäß«. Aber die »Qualitäten« der Filmsprache böten da Ersatz: »Der eigenhändige Mord, den Magda Goebbels an ihren Kindern vollzieht, ... wirkt ... wie ein Spiegel des millionenfachen Judenmordes im Kleinen. So gelingt es, den Holocaust, der naturgemäß in der Bunkergeschichte selbst keinen Platz hat, doch in einer Abbreviatur und in der Mentalität des Vernichtungsfanatismus erschreckend aufscheinen zu lassen.«
So wird von einem, der es wohlmeint, mit dieser Interpretationshilfe das Gegengift in die Szene hineingeträufelt – aber es wird nicht wirken. Denn die gerühmte Bildsprache des Films zeigt dazu einen Hitler, der Kinder liebt und der sichtlich gerührt auf die schlummernden Goebbelskinder blickt, ihnen, so müssen wir annehmen, eine stille Nacht wünschend. Auch wir sollen gerührt sein. Über die »Abbreviatur« des Holocaust? Das können nur Lehrer einer Schulklasse oder die »Zeit« ihren Lesern erzählen.
Was aber ist die Botschaft des Films? Die »Welt« bringt es fertig, auf ein und derselben Seite zweierlei Antwort zu geben. Einerseits gehe es dem Film darum, »Hitler als Mensch darzustellen« (charmant, scheu, liebenswürdig), mit dem man auch »Mitleid« (Bruno Ganz) haben solle. Andererseits: »Daß die Frage nach der ›Botschaft‹ bei diesem Film so offenkundig ins Leere geht, macht einen Teil seiner verstörenden Wirkung aus.«
Also noch mal: Warum gerade jetzt dieser Fest-Film und die offensive Hitlerkampagne? Was soll das bewirken, außer Zuschauern und Quote? Die immerhin sind sicher; dafür sorgt schon die Presse: Zunächst leiert man im Meinungsteil die Kampagne an, dann mimt man den Nachrichtenredakteur und berichtet über die »gewaltige mediale Resonanz« (»Welt«). Danach geht’s in den Kommentar, zur »Tagesschau« und zu »Sabine Christiansen«. Man landet in der Politik. Der Film hypet sich jetzt von selbst und sorgt für einen weiteren rechtskonservativen Ruck, der durch Deutschland gehen soll – »Schwung« heißt das bei Hitler (»Es muß wieder Schwung in die Sache«).
Eichinger ist nicht nur ein nützlicher Idiot. Er wird mit dem Film auf seine Kosten (14 Millionen Euro) kommen. Und er ist stolz darauf, statt Intellekt ein untrügliches Gefühl dafür zu haben, was sich dem Zuschauer gut verkaufen läßt. Deswegen greift das Fazit der »Zeit« zu kurz: Der Film sei »nicht dumm. Er ist aber auch nicht klug«. – Richtig ist: Der Film ist schlau.
»Der Untergang« holt den Führer wieder heim ins Reich. 2004: endlich mit allen Schikanen wieder deutsch sein dürfen. Großproduzent Eichinger hat erfühlt, was die Kampagnenführer wollen: »Wir haben diesen Film in deutscher Sprache gedreht, mit deutschen Schauspielern und mit einem deutschen Regisseur, ausschließlich aus eigener Kraft auf die Beine gebracht. Im Ausland wird ›Der Untergang‹ nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln laufen.« Und weiter: »Meine Alptraum-Vorstellung war ein Film aus Hollywood, der uns per Import zeigt, wie es bei uns zugegangen ist.« Das sind Töne, die man hierzulande sehr gern hört. Und eine herrische Anmaßung ist es auch. Hitlers menschliches Antlitz im »Untergang« hätte einen prominenten Platz verdient im prächtigen Devotionalienbuch The Nazis, 1999 von Piotr Uklanski, New York, herausgegeben, eine unkommentierte Aneinanderreihung von Nazidarstellern in imposanter Pose.
Sind wir einer filmreifen Conspiracy auf der Spur? Oder paranoid? Da ist die »Welt« vor. Sie wird ungewohnt explizit: »›Der Untergang‹ ist ein Zeichen der Emanzipation ... Das ordnet sich ein in einen allgemeinen Perspektivenwechsel, der etwa seit der Jahrhundertwende im deutschen Geschichtsbewußtsein stattfindet und vielleicht einmal als die entscheidende politische und kulturelle Signatur des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden wird. In der anschwellenden Flut der Familienliteratur wird ein Bedürfnis wenn nicht nach Versöhnung mit der ›Tätergeneration‹ so doch nach Verständnis bearbeitet; Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg werden als Leidensgeschichte erinnert und der politischen Instrumentalisierung entrissen; der Erste Weltkrieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts kehrt langsam auch ins Bewußtsein der Deutschen zurück.«
Was da anschwillt, wird im Film von einem verkörpert, zu dessen Ifflandring-Verleihung der Laudator Botho Strauß seinen »Bocksgesang« anstimmte. Die Tätergeneration: ab in die Anführungszeichen. Täter gibt es nicht mehr; die »Urkatastophe« (»Welt«) respektive das »Vernichtungstreiben« der Geschichte (Fest) hat schuld. Wie bestellt, liefert »Der Untergang« die Emotionen zur anschwellenden Selbstentlastung. »Naturgemäß« ist es offenbar, aus dem gefühlvollen Bunker auszubrechen und deutsche Opfer im Lazarett zu zeigen. Über und über mit Blut besudelt sägen dort treue Wehrmachtsärzte Wehrmachtssoldaten Beine ab und werfen die zum Kämpfen doch durchaus nützlichen Körperteile in eine im Vordergrund plazierte Wanne, die schnell gefüllt ist. Versteht sich, daß die Szene den Vorgang nur kurz zeigt. So kann der Film für Kinder ab zwölf Jahren freigeben werden. Auch kommt er dann zur Primetime ins Fernsehen.
Es funktioniert. Die Presseoligarchen, die mit ihren Mitteln den Film wirkungsmächtig machen wollten, benutzen ihn nun als Beweismittel für einen »allgemeinen Perspektivenwechsel«. Die »Entscheidungsschlacht« für eine »entscheidende politische und kulturelle« Veränderung ist eröffnet. Wer entscheidet? Und worüber? Vorläufig sind Politik und Kultur bei uns ressortmäßig noch getrennt. Wenn im Feuilleton geredet und gesungen wird (»Adolf Hitler, ... der Inkommensurable, (ist) uns durch Bruno Ganz ein Gran näher gekommen, auf daß uns das Rätsel Hitler dennoch bleibe und weiterhin ruhelos mache« – »Welt«), wird im Wirtschaftsteil ohne großes Tamtam Politik gemacht. Was wir aber jetzt schon wissen, ist, daß Hitler uns nah ist. Beim Fest-Akt des »Untergangs« werden die Zuschauer mit Hitler abgefüllt, bis der Leibarzt kommt. Hitler! Und er hat doch gesiegt.
Falschfalschfalsch. Es geht auch andersrum. Statt Hitler als Menschen zu zeigen, hat Christoph Schlingensief die Deutschen als Hitler gezeigt – in der urdeutschen und allen Zuschauern sehr vertrauten Sentimentalität des Weihnachtsschwulsts: »100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker«. Das war 1989, dem Jahr des hundertsten Geburtstags, und daß der immer noch begangen wird, hielten wir (ich spielte im Film den Goebbels) für angezeigter, als das ebenfalls sentimentale Fest der Wende zu feiern, von dem sich bald herausstellen sollte, daß, was Hitler betrifft, nichts gewendet wurde. Im Gegenteil. Vielleicht ist die von »Welt« ausgerufene Wende »des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts« tatsächlich »die entscheidende«. Falls die Hitlerpressekampagne zum Sieg führt. Und keiner mehr die Klappe halten muß.
Außerhalb Deutschlands kriegt man’s unverblümt gesagt. Seit langem. Anfang der fünfziger Jahre, auf Autostop durch die Sahara, saß ich in Französisch-Algerien auf einer Sanddüne, südlich von Ouargla, zusammen mit einem Araber, der so schlecht französisch sprach wie ich. Aber da waren die Gesten. »Du aus Norden«, bedeutete er mir, »wir im Süden. Die Juden.« Und dann zerquetschte er den imaginären Feind zwischen seinen Handflächen. Wenn er mir das mit Worten hätte sagen und ich das verstehen können, wäre der Satz draus geworden: »Wir werden den Feind in einer riesigen Zangenbewegung zerquetschen« (er macht mit den Händen die entsprechende Geste). Genau so redet und quetscht Hitler jedenfalls im »Untergang«, ein halbes Jahrhundert nach meinem Saharaschock.
Der Film wird meinem Araber und all seinen Gesinnungsgenossen aus der Seele sprechen. Der Judenvernichter Hitler ist heute im Nahen und Fernen Osten populärer denn je. Sind wir damit wieder bei Fest? Und bei der Kampagne? Nein, weil da ja eben vom Holocaust nicht die Rede ist.
Hier hält man noch den Deckel drauf, offiziell, wenn auch »Der Untergang«, die »Signatur des 21. Jahrhunderts«, nun mitteilt, daß man endlich sagen darf, was man immer hatte sagen wollen. Hitler ist nicht untergegangen. Im Gegenteil. »Der Untergang« feiert seine Wiederkehr.

(Quelle: konkret 10/04)


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 01.10.2004 00:48 
Meine Güte, Dietrich Kuhlbrodt - was so herauskommt, wenn man ideologisch verbrämt Filme rezensiert... :-?

Ganz ehrlich, ich weiß nicht genau, was ich von dem Film halte. Ich hab nun schon einige Nächte darüber geschlafen, vieles fand ich eindringlich, über manches habe ich den Kopf geschüttelt - allem voran über die Szene in der Fr. Lara mit dem Jungen in eine sonnige Zukunft radelt, das war so unnötig wie ein Kropf...

Insgesamt hat mich der Film verstört, sehr verstört. Das lag aber keinesfalls daran, daß ich ihn als Hitler verherrlichend oder die Greuel der Naziherrschaft relativierend empfand! Wer das aus diesem Film heraussieht, schaut meiner Meinung nach durch heftige Filter!

Ich habe die letzten Zuckungen eines menschenverachtenden Apparates gesehen, mit einer erbärmlichen, sich in Selbstmitleid suhlenden Führungsriege, fanatisch bis zum Schluß oder versucht ihr Mäntelchen in den neuen Wind zu hängen. Das sie nicht rund um die Uhr als die Inkarnation des Satans agierten, das sie auch positive Charakteranteile hatten, muß doch jedem denkenden Menschen klar sein. Macht das ihre Taten weniger grausam oder gar entschuldbar? Nein! Jeder sollte wissen, was diese Menschen getan haben und ihre Menschlichkeit schmälert nichts an der Ungeheuerlichkeit ihres Tuns!

Ich bin übrigens auch froh, daß dieser Stoff nicht von Hollywood verfilmt wurde. Ich habe letzte Woche auszugsweise "Hitler - Aufstieg des Bösen" gesehen. Das war lächerlich! Hitler als bitterböse Bilderbuchschablone des "Führers". Zwar vermutlich jenseits der Realität, aber so wie man ihn sehen will.

Das der Holocaust im "Untergang" nicht erwähnt wird, liegt wohl daran: "Die letzten Tage im Führerbunker". Ich vermute mal nicht, daß das dort Thema war...

Das die heranrückende Rote Armee im Film Angst und Schrecken auslöst ist für mich auch keine Verunglimpfung der Sowjets, sondern spiegelt die damaligen Gefühle und oftmals auch Erfahrungen der Deutschen. Nazi-Deutschland hatte in der Sowjetunion böse gewütet. Als sich das Blatt endlich wendete, wandte sich auch die gesäte Wut gegen die Deutschen.
Zu dem "Guck keinem Russen in die Augen", das galt wohl hauptsächlich für Frauen. Vergewaltigung durch meist alkoholisierte Soldaten war damals leider keine Seltenheit, was meint ihr, wieviele Opfer heute noch leben. Diese Frauen haben das lange Jahre verdrängt, aber im Alter holt es sie wieder ein, insbesondere in Stadien der Demenzerkrankung. Redet mal mit Pflegekräften im Altenheim...
Aber auch Männer werden sich zweimal überlegt haben, ob sie Soldaten -insbesondere in der Gruppe- anstarren. Viel zu leicht kann sowas als Provokation empfunden werden. Wer das nicht nachvollziehen kann, darf gern den Selbstversuch mit einer beliebigen Teeniegang wagen. Ich übernehme allerdings keinerlei Verantwortung...

Wie man allerdings die Vergiftung der Goebbelskinder als vermeintlichen Gnadenakt angesichts der Bedrohung durch barbarische Russen gedeutet sehen kann, geht nicht in meinen Kopf. Hier kommt klar heraus, daß es sogar Fluchtmöglichkeiten für die Kinder gegeben hätte, die Mutter sie aber in einem anmaßenden Akt selbstherrlichen Kadavergehorsams skrupellos ermordet, weil sie eine Welt ohne Nationalsozialismus für Dreck hält und ihre Kinder nicht an so ein Leben verschwendet werden sollen!

Vielleicht werde ich mir den "Untergang" noch mal ansehen, um ein klareres Bild davon zu kriegen wie ich diesen Film letztlich finde. In einem bin ich mir allerdings jetzt schon sicher - er ist nicht so, wie Herr Kuhlbrodt ihn sehen wollte.


  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Der Untergang
BeitragVerfasst: 02.10.2004 18:36 
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Wohnort: Karlsruhe
Beast hat geschrieben:
[...]
Wer das nicht nachvollziehen kann, darf gern den Selbstversuch mit einer beliebigen Teeniegang wagen. Ich übernehme allerdings keinerlei Verantwortung...
[...]


Du ahnst gar nicht wie recht du hast. Vor 2 Wochen hat einer aus meiner Klasse eine Flasche über den Kopf gezogen bekommen und musste daraufhin wegen einer Hirnblutung operiert werden. :angryfire:

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Does it come in black ???


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