Unbeantwortete Beiträge | Aktive Themen
| Autor |
Nachricht |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 27.05.2006 19:02 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Dienstag, 23. Mai 2006:
Catch Me If You Can – Steven Spielberg, 2002 (DVD)
Spielbergs Geschichte von einem, der davonlief, um verfolgt zu werden, weiß auch nach mehrmaligem Ansehen zu gefallen und ist ein gutes Beispiel für einen exzellenten Unterhaltungsfilm mit Anspruch. Kann man gut als Gaunerkomödie zwischendurch konsumieren, kann man bei Bedarf aber auch mit Blick auf Abagnales Identitätsflucht angesichts einer für ihn unmöglichen Wahl – leben mit dem Vater oder der Mutter – ansehen und eine gelungene, eher traurige Beschreibung von familiärem Zerfall und Einsamkeit finden. Kein herausragender Film, aber gerade Tom Hanks hat in letzter Zeit schon weitaus schwächere gedreht. Ich nenne keine Titel. The Da Vinci Code
7,5/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 28.05.2006 17:42 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Mittwoch, 24. Mai 2006:
L'Auberge espagnole – Cédric Klapisch, 2002 (DVD)
Eine rundum gelungene und sympathische Studentenkomödie mit internationalem Flair und unaufdringlichem Humor, die die stumpfe Riege amerikanischer Teenie-Klamotten weit hinter sich lässt. Erzählt aus der Sicht des Wirtschafts-Studenten Xavier, der die französische Heimat, Mutter und Freundin verlässt, um im Rahmen des Erasmus-Austauschprogramms ein Jahr lang Teil einer bunt zusammengewürfelten Euro-WG in Barcelona zu sein.
Klapischs muntere Regie, die mühelos Übergänge zwischen Situationskomik, romantischen, traurigen und tiefsinnigen Momenten schafft, schlägt zu keiner Zeit einen falschen Ton an, fängt mit wunderbarer Leichtigkeit und völlig unverkrampft das Lebensgefühl einer jungen Generation ein, die keine Berührungsängste mit anderen Kulturen kennt und vermittelt dabei das schöne Gefühl, für kurze Zeit Teil einer Wohngemeinschaft gewesen zu sein, die sich vor allem durch Aufgeschlossenheit und Toleranz gegenüber dem Fremden auszeichnet. So ist man am Ende fast ein wenig traurig, dass man "ausziehen" und wieder in den Alltag zurückkehren muss. Aber es gibt ja noch ein Wiedersehen in St. Petersburg.
Ein schöner und gut unterhaltender Film, mit dem man im Grunde nicht viel verkehrt machen kann. Und gerade Audrey Tautou hat in letzter Zeit schon in wesentlich schwächeren Streifen mitgespielt. Ich nenne keine Titel. The Da Vinci Code
7,5/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 31.05.2006 00:13 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Dienstag, 30. Mai 2006:
For Love or Money – Barry Sonnenfeld, 1993 (DVD)
Geld oder Liebe? Diese Frage muss sich Michael J. Fox in dieser Quasi-Nacherzählung von The Secret of My Success (siehe weiter oben) stellen. Als ob wir ihm die Antwort nicht schon nach der ersten Minute geben könnten. Dass er sich für die Liebe entscheidet und das Geld trotzdem bekommt, versteht sich natürlich von selbst.
Ich bin weder eine Frau noch interessiere ich mich sonderlich für die feministische Bewegung, aber Gabrielle Anwars Figur kann nur als Karikatur einer bescheuerten Hohlbrot-Tussi aufgefasst werden und stellt den Kehrwert einer starken Frauenrolle dar. Der weinerliche Jammerlappen nervt konsequent durch den ganzen Film hindurch und lässt sich ein ums andere Mal von einem schmierigen, stinkreichen, widerliches Süßholz raspelnden Dandy-Kotzbrocken zum Narren halten, bis ihr zum Schluss eine Art Licht aufgeht. Eher ein schwaches Glimmen in der Finsternis ihres Hirns. Bis dahin ist es zu spät und man hat längst nur noch Verachtung für sie übrig, so dass man nicht ganz den Verdacht abschütteln kann, dass Fox' Concierge mit einer Gummipuppe intellektuell doch besser beraten wäre.
Der Film fällt mit Fox' vollkommen unnachvollziehbarer Faszination für diese Dumpfbacke leider komplett auf die Schnauze und hinterlässt einen schalen Nachgeschmack von lustloser Hollywood-Fließbandware. Kurz: Schrott.
3,5/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 03.06.2006 14:43 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Donnerstag, 01. Juni 2006:
United 93 – Paul Greengrass, 2006 (Kino)
Vorgestern direkt nach United 93 fiel mir kein zufriedenstellender Ansatz für einen Text zu diesem Film ein. Ich habe ein paar Zeilen geschrieben und dann brach der Gedankenfluss entweder ab oder verzettelte sich in alle möglichen Richtungen, die keinen zu verschriftlichenden Zusammenhang mehr hatten. Ist im Grunde immer noch so. Als ich gestern gefragt wurde, wie ich den Film fand, bekundete ich in einem unbedachten Moment meine Zweifel an der Notwendigkeit seiner Existenz, was in eine Grundsatzdiskussion über die Notwendigkeit von Filmen überhaupt mündete.
Manche Leute sind der Ansicht, dass es noch zu früh für eine filmische Auseinandersetzung mit dem Thema 9/11 sei, weil dieses Trauma erst noch verarbeitet werden müsse. Keine Ahnung inwiefern, vermutlich kollektivpsychologisch oder in einer ähnlichen Form. Ich empfinde Kunst eigentlich als hervorragendes Mittel um Traumata zu verarbeiten, von daher teile ich diesen Standpunkt nicht unbedingt. Aber auch der Begriff der "Verarbeitung" ist schwammig definiert. Man könnte ihn vielleicht als eine transformierende Bearbeitung eines belastenden Zustandes verstehen; als Verschiebung auf eine andere Bewusstseinsebene um dort anders damit umgehen zu können, so dass er keine Ängste und Krisen mehr hervorruft, sondern vielleicht sogar produktiv genutzt werden kann.
Paul Greengrass wechselt mit seinem Film keine Ebenen. Er bewegt sich auf genau der Ebene, die während des 11. September zur Genüge ausgelatscht wurde, nämlich die der Realität. Der Film versucht eine teilweise spekulative Realität abzubilden und bedient sich dabei eines dokumentarischen Stils, der sehr auffällig darauf bedacht ist, die Charaktere als Individuen darzustellen und jedem Verdacht einer Typisierung aus dem Weg zu gehen. Tatsächlich gelingt das auch; über die Passagiere erfährt man in etwa genau so viel, wie man während eines echten Fluges über sie erfahren würde. Also das, was man aus ihrem Erscheinungsbild und ein paar Gesprächsfetzen ableiten kann. Man fragt sich vielleicht, wo genau der Prozess der Verarbeitung einsetzt. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung.
Film hat von allen Kunstformen das größte Potential einer wirklichkeitsgetreuen Abbildung, weil Film die meisten Sinne bedient und die Darstellungsform stark mit unserer visuell geprägten Alltagswahrnehmung korrespondiert. Wenn Kunst als Verarbeitung funktionieren soll, muss die Realitätsebene aber vielleicht verlassen werden, weil sonst die ewig gleichen Emotionen hin und her geschoben, aber nicht transformiert werden. Das macht Film zu einem gleichzeitig sehr gut und sehr schlecht geeigneten Mittel für eine derartige Verarbeitung. Sehr gut, weil auf Grund der Realitätsnähe eine hohe Wirkung erzielt werden kann. Sehr schlecht, weil die Gefahr einer manipulativen Realitätsimitation besteht. Verabeitung scheint in jedem Fall eine bestimmte Distanz vorauszusetzen, damit man überhaupt erkennen kann, was man da gerade verwandelt und worin. United 93 fühlte sich stellenweise verdächtig nah an.
Diesseits aller theoretisch-distanzierten Betrachtung ist es nahezu unmöglich, von diesem Film nicht irgendwie bewegt zu werden. Als die Passagiere des Flugs 93 ihre letzten Telefonate führen, fällt immer wieder ein Satz: Ich liebe dich. In einer Sequenz mehrmals hintereinander, und mit jedem neuen Ausspruch wird offensichtlicher, dass dieser eine Satz das ultimative Statement darstellt, wenn sonst alles gesagt ist. Neben der Unerträglichkeit des Absturzes bleibt als dominierendes Gefühl nach United 93 hängen, dass diese Menschen jemanden hatten, den sie liebten. An den sie dachten, als sie starben. Egal wieviel Fiktion in diesem Film steckt, es fühlte sich wahr an. Und vielleicht ist dieses Gefühl nicht mehr zu verarbeiten, weil es keine höhere Ebene als die Liebe gibt.
Zu der Frage, ob dieser Film nötig war, habe ich leider immer noch keine Meinung. Ich fand ihn jedenfalls nicht schlecht. Er bezieht seine Wucht aus der authentisch wirkenden Darstellung einer möglichen Variante einer Tragödie, was einige vielleicht unethisch finden. Ganz sicher geht er an die Nieren und dürfte kaum jemanden kalt lassen.
7,5/10
Zuletzt geändert von Daniel am 18.06.2006 00:24, insgesamt 2-mal geändert.
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 06.06.2006 00:02 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Sonntag, 04. Juni 2006:
Mars Attacks! – Tim Burton, 1996 (DVD)
Mars Attacks! war beim zweiten Ansehen genauso krank wie ich ihn in Erinnerung hatte, nur viel lustiger. Der absurd-komische Edeltrash inkorporiert prototypische Elemente des Sci-Fi-Genres von War of the Worlds bis Plan 9 from Outer Space und stattet das Resultat mit pechschwarzem Humor und gewollt stereotypen Figuren aus, an denen der kulturelle Schock der Begegnung mit einer außerirdischen Zivilisation abprallt als wären sie mit Intelligenz-Teflon beschichtet. In einer gnadenlos albernen Vernichtungsorgie ereilt sämtliche US-Administrationsorgane der Tod durch Laser-Grillen; am Ende bleiben zwei sympathische Teenager übrig und irgendwie ist man froh, dass die Welt vielleicht nochmal einen Neuanfang mit unverdorbenen Gehirnen (und mit Tom Jones) erleben darf. Ein makabres Funfest, dessen scheinbarer Nonsense-Humor mit der Zeit reift wie guter Wein.
7/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 08.06.2006 00:50 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Sonntag, 04. Juni 2006:
a perfect circle –aMOTION – Video CollectionRecht wilde Video-Mischung der Art-Rock-Band um Tool-Sänger Maynard James Keenan (siehe auch Constantine- Soundtrack: " Passive"). Finchers Judith-Video lässt in seinen destruktiven Bildmanipulationen noch Überreste der Seven-Dreckästhetik erkennen, ist an sich aber reichlich unspektakulär. Das Video zu 3 Libras kann mit der Qualität des Songs leider nicht ganz mithalten, ist aber immer noch nett anzusehen. Am besten gefiel mir Weak and Powerless der Strause-Brüder (siehe Bild), die sonst eigentlich mehr im Digital-Effekte-Bereich wirken und u.a. auch bei den X-Files aktiv waren. Der Körper einer nackten Frau wird langsam von einem größer werdenden Loch "aufgefressen", während sie ein anderes Loch im Erdboden mit Insekten und sonstigem ekligem Gewürm aufzufüllen versucht. Das geht schief. Widerlich, aber beeindruckend. Der Rest ist… interessant. Das wütende Lennon-Cover Imagine hätte man visuell sicher effektiver umsetzen können. Im Grunde wird einem von genau den Bildern ins Gewissen geredet, die man erwartet. Sehr geile psychedelische Lichtspielchen beim Live-Video zu The Noose. Insgesamt empfehlenswert für alle Anhänger von etwas anspruchsvollererem Alternative-Rock.
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 08.06.2006 15:31 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Montag, 05. Juni 2006:
Finding Nemo – Andrew Stanton & Lee Unkrich, 2003 (DVD)
Gut, dass es Pixar gibt, sonst wäre der US-Animationsfilm wahrscheinlich schon seit Jahren tot. An Finding Nemo gibt es im Grunde nichts auszusetzen. Kinder bekommen einen intelligenten, leicht verständlichen, witzigen und herzerwärmenden Film mit liebevoll herausgearbeiteten Figuren und wunderschönen Farben, der zudem eine nette und kitschfreie Botschaft über Vertrauen und Nestflucht enthält. Der erwachsene Zuschauer bekommt das Gleiche, darf sich aber zusätzlich an beeindruckenden Animationen und der Hintergründigkeit mancher Gags erfreuen. Nicht so frech wie Shrek und etwas kindgerechter konzipiert als die Incredibles, ist Finding Nemo die perfekte Familienunterhaltung für alle Altersklassen.
8/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 08.06.2006 19:56 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Donnerstag, 08. Juni 2006:
The Third Man – Carol Reed, 1949 (DVD)
Enttäuschende Klassiker. A pain in the ass. The Third Man muss ich glücklicherweise nicht zu dieser Gruppe hinzurechnen, im Gegenteil.
Holly Martins (Joseph Cotten), finanziell klammer Autor von Drei-Groschen-Western-Romanen, reist auf Veranlassung seines Freundes Harry Lime aus den Staaten ins Nachkriegs-Wien, wo neue Verdienstmöglichkeiten winken. Dort angekommen muss er feststellen, dass er gerade noch rechtzeitig zu Freund Harrys Beisetzung ankommt, die nach einem tödlichen Verkehrsunfall nötig geworden ist. Weil nicht alle Teile des Puzzles zusammenpassen, fängt Martins an in Limes Vergangenheit zu wühlen und stolpert über die ein oder andere Leiche in dessen Keller.
Die Figur des Harry Lime hat Orson Welles als den idealen "Star Part" bezeichnet. Das sind die Rollen, über die das Publikum sich zunächst eine Stunde lang den Kopf zerbricht, bevor die Figur dann erstmals auftaucht und von dem um sie aufgebauten Mysterium profitiert. Tatsächlich hat es unverkennbaren "Magic Moment"-Charakter, wenn sich die Schatten um den totgesagten Harry Lime in einer dunklen Gasse lüften und Welles' verschlagen grinsende Züge offenbart werden. Und spätestens nach seinem denkwürdigen Italien/Schweiz-Vergleich hat er einen diabolischen Charme entfaltet, dem man kaum widerstehen kann.
Die Hauptrolle im Finale von The Third Man spielt aber weder Welles noch Cotten, sondern das weitläufige Wiener Kanalsystem, Schauplatz der entscheidenden Verfolgungsjagd und derart grandios in Schwarz-Weiß photografiert, dass man fast Lust bekommt dort einzuziehen. Vorausgesetzt, man hat genügend Duftbäumchen parat. Geboten wird ein ästhetischer und kunstvoller Einsatz von Licht und Schatten, der in zeitgenössischen Filmen, insbesondere im Thriller-Genre, leider viel zu häufig zu Gunsten von Pseudo-Suspense erzeugenden Plot-Gimmicks vernachlässigt wird. Dabei kann ein Film allein in seinen Bildern schon eine ungeheure Spannung transportieren, was in The Third Man auch effektiv praktiziert wird.
Ein nahezu makelloser Film von Carol Reed, nach dem ich mir nun fast sicher bin, dass sich in dessen Filmographie noch die ein oder andere Perle versteckt hält.
9/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 09.06.2006 00:41 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Donnerstag, 08. Juni 2006:
Das Wunder von Bern – Sönke Wortmann, 2003 (DVD)
Zitat: "Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Brasilien ist schon wieder Weltmeister!" Sollte am 9. Juli 2006 dieser Satz ertönen, wird es wieder viele lange Gesichter in Deutschland geben. Weil Deutschland halt schon wieder nicht Weltmeister geworden ist. Dabei ist das gar nicht so wichtig. Aber ich fange besser von vorne an. Zitat: […] der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Diese Weisheit stammt ausnahmsweise mal nicht von Sepp Herberger, sondern von Friedrich Schiller. Schillers Begeisterung für Fußball hielt sich meines Wissens in Grenzen, er war glaube ich auch kein Anhänger von American Sports. Der olle Fritz war vielmehr der Ansicht, dass im Menschen zwei Triebe wirken, denen er die hübschen Bezeichnungen Stofftrieb und Formtrieb gab. Der Stofftrieb ist an die physisch erfahrbare Welt geknüpft und setzt den Menschen in die Zeit, wo er sich von seinen unendlichen Entfaltungsmöglichkeiten eine aussuchen sollte. Der Formtrieb strebt nach der Freiheit des Menschen und versucht eine harmonische und absolute Persönlichkeit zu kreieren, die für alle Zeit gültig ist, nicht in sich zerrissen. Eine formale Idee des Selbst. Der Stofftrieb beschäftigt sich also eher mit dem, was ist (dem vorhandenen Lebensstoff), der Formtrieb eher mit dem, was sein soll (der idealen Form, in die die Stoffe gegossen werden). Weil nun eine allzu einseitige Ausrichtung nicht so großartig ist, müssen die beiden Triebe unter einen Hut gebracht werden. Denn wer sich während der Fußball-WM nur mit seinem Kasten Bier beschäftigt, der ganz stofflich vor ihm steht, wird genauso außen vor bleiben wie der, der vor lauter Nachdenken über mögliche Spielkonstellationen und ideale Taktiken vergisst den Fernseher einzuschalten. Also brauchen wir den Spieltrieb, der Stoff und Form vereint, damit das Bier maßvoll genossen werden kann während das Spiel geschaut wird. Ist der Spieltrieb aktiv, wird sich der Mensch zugleich seiner aktuellen wie absoluten Existenz bewusst, der Moment wird im Hinblick auf die Ewigkeit ausgenutzt. Das "Spiel" in dieser Definition ist schließlich gekennzeichnet durch die Abwesenheit sowohl von Zufälligkeit als auch von purem Zwang. D.h. es gibt abstrahierte, formgebende Regeln, die eine ordnende Struktur etablieren, aber ich spiele letztendlich, weil ich es will, nicht weil ich muss. Zitat: Indem es mit Ideen in Gemeinschaft kommt, verliert alles Wirkliche seinen Ernst, weil es klein wird, und indem es mit der Empfindung zusammentrifft, legt das Notwendige den seinigen ab, weil es leicht wird.
Mit Spielen wie Fußball, also dem, was man normalerweise unter "Spiel" versteht, hat Schillers Gedankengekröse nicht mehr viel zu tun. Für ihn wäre das Herumkicken der Schwarz-Weiß gemusterten Pille wahrscheinlich viel zu trivial gewesen. Aber wir erfahren im Wunder von Bern (den ich unterm Strich übrigens ganz OK fand) trotzdem ein paar erhellende Dinge über den Menschen, denen wahrscheinlich auch Schiller zugestimmt hätte. Etwa dass permanente Unfreiheit, also die ständige Anwesenheit von Zwang, einen Menschen zum Schlechten hin verändern kann. Dass sie ihn traurig, ängstlich und verschlossen machen kann. Und dass die einzige Rettung in einer derartigen Gefangenschaft die Welt der Ideen ist, wo man sich mit dem beschäftigt, was sein sollte, nicht mit dem, was ist. Bis man irgendwann vielleicht wieder frei ist. Dann muss man das Spielen wieder erlernen; die unverkrampfte Kombination von Realität und Idee. Nie aber sollte das Spiel selbst zum Zwang, zum erdrückenden Ernst werden. Weil es dann seine Anziehungskraft verliert und hässlich wird. Deshalb am besten nicht zu verkrampft auf den Sieg schielen. Das Ziel heißt: Ein gutes Spiel abliefern. Dann hat man schon gewonnen.
6,5/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 13.06.2006 23:54 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Freitag, 09. Juni 2006:
28 Days Later... – Danny Boyle, 2002 (DVD)
Dieser postapokalyptische Thriller von Danny Boyle überzeugt mit einer gut abgeschmeckten Mischung aus fataler Endzeitstimmung und geschickt eingesetzten Horror-Momenten. Das allegorische Potential des Gewalt-Virus, das die infizierten Menschen ihrer Menschlichkeit beraubt und sie auf tobsüchtige Aggressionsbündel reduziert, wird leider nicht vollkommen ausgereizt; das war wahrscheinlich aber auch nicht die Absicht von Boyle. Während der Militärbasis-Sequenz glaubt man irgendwann ein mondernes Echo von Pasolini und seinen 120 Tagen zu vernehmen, was sich aber relativ schnell zu Gunsten einer herkömmlichen Actionhandlung auflöst. Gegen Ende des Films verfällt Jim (ein großartiger Cillian Murphy, den ich erstmals in Batman Begins bewusst und sehr positiv wahrgenommen habe) in einen der Virusinfektion ähnelnden Gewaltrausch, der aber überraschend mühelos zur Seite gewischt und übergangen wird. Hier wird deutlich, dass 28 Days Later... seine Gesellschaftskritik nur halb ernst meint und in erster Linie als spannende Unterhaltung funktionieren soll. Das tut er auch; dankbarerweise mit angemessenem Tiefgang und Charakteren, um die man sich tatsächlich sorgt. Wem der Schluss nicht gefällt, darf sich eines der vierhundertneunundsiebzig alternativen Enden aussuchen, die entweder tatsächlich gedreht oder zumindest per Storyboard visualisiert wurden.
7,5/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 17.06.2006 17:58 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Montag, 12. Juni 2006:
Strangers on a Train – Alfred Hitchcock, 1951 (DVD)
Als Guy Haines, erfolgreicher Tennisstar, während einer Zugfahrt die Bekanntschaft des zwielichtigen Bruno Anthony macht, erzählt der ihm von seiner Theorie des perfekten Mordes. Um das Motiv, den ermittlungstechnischen Schlüssel zur Täterfindung, unkenntlich zu machen, sollten zwei Personen ihre Opfer einfach austauschen. A schaltet den ungeliebten Mitmenschen von B aus und umgekehrt. Da Bruno seine Theorie mit etwas zu praxisnahem Engagement vertritt, wird Guy ihn schnell wieder los. Als ihm seine zukünftige Ex-Frau aber massive Steine in den Weg zu einer neuen Liebe legt, erinnert er sich an Bruno und seine Theorie…
Jeder kennt dieses Gedankenspiel: Manchmal machen einem andere Leute bei der Verfolgung eines bestimmten Ziels das Leben schwer und für einen kurzen Moment hält man es für eine recht treffliche Entwicklung, wenn diese Person mit unauffälliger Nachhilfe vor einen fahrenden Zug stolpern oder auf sonstige Art ihre Existenz verflüchtigen und damit den Weg zu besagtem Ziel ebnen würde. Normalerweise kommt man kurz danach aber auch zu dem Schluss, dass diese Maßnahme etwas zu extrem wäre und man sucht einen Umweg zum Ziel oder gibt es ganz auf. Guy Haines offenbart sich in Strangers on a Train eine derartige unmoralische Abkürzung und in einem schwachen Moment geht er einen kleinen Schritt dort entlang, schreckt dann aber vor den Konsequenzen zurück – unglücklicherweise geht er gerade so weit, dass der weniger skrupellose Bruno ihn schon kommen sieht und mit der Einlösung seines Teils des Deals fortschreitet.
Hitchcock entwickelt eine schmetterlingseffektartige Ereigniskette, die mit einer zufälligen Berührung anfängt und sich mit lebensverändernden Folgen für Guy Haines fortsetzt. Eine Reihe von in sich geschlossenen Einzelsequenzen, deren Spannungskurve sich wie ein Mini-Movie aufbaut (darunter am erwähnenswertesten ein Tennismatch, das möglichst schnell gewonnen werden muss), werden mit wie immer sicherem Timing zu einer Thrillerhandlung verknüpft, der man mit voyeuristischem Genuss folgt. Brunos gestörtes Verhältnis zu seiner Familie und besonders der ödipal schimmernde Umgang mit der Mutter ruft sofort Assoziationen zum Überwerk Psycho wach, in dem dieser Mutterkomplex zu einem ganzen Film ausgebaut wurde. Der von Robert Walker beeindruckend gespielte, verführerische Wahnsinn Brunos scheint tatsächlich darauf abzuzielen, den Vater aus dem Weg zu räumen um dessen Platz einzunehmen.
Dass Haines ungeschoren davon kommt und ein neues Leben anfangen kann, da er letztenendes doch von Brunos Mord profitiert, fühlt sich tendenziell ungerecht an, zumal er lange Zeit die Wahrheit verschleiert. Aber er ist natürlich unschuldig, weil er den falschen Weg nicht gegangen ist. Das hat jemand anderes für ihn erledigt.
8/10
Zuletzt geändert von Daniel am 17.06.2006 20:02, insgesamt 1-mal geändert.
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 17.06.2006 19:17 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Freitag, 16. Juni 2006:
Talk Radio – Oliver Stone, 1988 (DVD)
Die Erstsichtung dieses Films riss mich ziemlich vom Hocker, leider zählt Talk Radio jedoch zu den Werken, die mit wiederholtem Ansehen deutlich schwächer werden. Das liegt zum geringen Teil an der Frisur von Eric Bogosian während der Rückblende, während der man eigentlich nur noch Haare auf der Leinwand sieht und man sich ungläubig fragt, ob dieser Kopfdschungel ernst gemeint ist, vor allem aber an Ellen Greene, die als biedere Ex-Frau vollkommen fehlbesetzt ist und, man muss es so deutlich sagen, einfach kacke spielt. Möglicherweise reißt hier aber die Originalfassung nochmal was raus. Die deutsche Synchronisation von Bogosian ist zwar exzellent, schlechter kann das Gequietsche seiner Ex im Original aber kaum sein. Auch die Charakterisierung Champlains und seines hasserfüllten Weltbildes hätte etwas detaillierter ausfallen können.
Ungünstig auf den Gesamteindruck wirkt sich auch der Auftritt von Michael Wincotts "Kent" gegen Ende des Films aus, der den typischen, kaputten amerikanischen Jugendlichen darstellen soll. Kent ist eine viel zu extreme Figur und erinnert an eine Realfilmversion von Beavis ohne Butt-Head und scheint auch eher Mitte 30 zu sein als der Teenager, den man dem Zuschauer verkaufen will.
So werden Barry Champlains weiterhin beeindruckende Verbalsalven leider von einigen negativen Details überlagert, die mich zu dem Schluss bringen, dass Talk Radio vermutlich doch nicht der beste Film von Oliver Stone ist. Dafür hat er zu viele Schwächen.
7,5/10
Zuletzt geändert von Daniel am 23.06.2006 19:14, insgesamt 1-mal geändert.
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 18.06.2006 01:54 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Freitag, 16. Juni 2006:
Ghost Busters – Ivan Reitman, 1984 (DVD)
Die meisten Filmfans haben ja diese Lieblingsfilme, deren Tapes im Kindesalter zum immer und immer wieder Sehen rauf und runter genudelt wurden bis man jeden einzelnen Frame aus dem Gedächtnis nachzeichnen und die Dialoge auswendig mitreden konnte. Einer dieser Filme ist für mich Ghost Busters. Oft ist es eine ziemlich ernüchternde Erfahrung, wenn man diesen Filmen in späteren Jahren einen erneuten Besucht abstattet, weil die damalige kindliche Faszination leicht von der erschütternden Erkenntnis zerbröselt werden kann, dass die filmische Ex-Flamme ein paar unschöne Macken aufweist. Wer früher Chuck-Norris-Geprügel gut fand und seinen cineastischen Geschmacksnerv zwischenzeitlich auch nur ansatzweise trainieren konnte, kann sich auf diese Art schon fast die komplette Fernsehkindheit nachträglich ruinieren.
Da habe ich mir meinen präpubertären Liebling doch schon ganz gut ausgesucht, wie ich feststellen durfte, denn Ghost Busters finde ich auch noch mit Mitte 20 durchaus lustig und sehenswert. Von Venkmans Kaugummi ausspuckendem Telepathietest-Opfer über einige wirklich gruselige Szenen im Mittelteil (aus dem Fernsehsessel emporschießende Dämonenarme, anyone?) und den allseits beliebten Marshmallow-Mann hat sich Ghost Busters über rund 20 Jahre hinweg gut gehalten und ist auch heute noch ein prima unterhaltender Film, der einfach Spaß macht, und in den man sich auch ganz gut erneut verlieben kann. Am Ende gibt's eben keine Zweifel darüber, an welche Crew man sich wenden kann, wenn in der Nachbarschaft was faul ist.
8/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 23.06.2006 19:12 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Sonntag, 18. Juni 2006:
Janghwa, Hongryeon (A Tale of Two Sisters) – Ji-woon Kim, 2003 (DVD)
Was filmischen Gruselthrill anbelangt, würde ich mich als relativ hartgesotten bezeichnen. Ich zähle da nicht zu den schreckhaften Naturen; der Exorcist hat mich ebenso kalt gelassen wie der Amityville Horror von 2005, auch Haute tension, 28 Days Later… und The Descent konnten mich nicht so wirklich aus den Socken schocken. Als ich am Sonntag aber A Tale of Two Sisters ansah, war die Spannung besonders an einer bestimmten Stelle dermaßen hoch, dass ich schon versucht war die Stop-Taste zu drücken um dieser nervlichen Tortur ein Ende zu bereiten. Seltsamerweise kündigte sich der bewusste Schockeffekt schon eine ganze Weile vorher an, was für mich normalerweise ein echter Spannungskiller ist, aber nicht so hier. Zur dieser sagenhaften Gänsehautatmosphäre trug zum großen Teil auch das Sounddesign bei, das ich bei Horrorfilmen als enorm wichtig empfinde und das hier ganz ausgezeichnet war.
A Tale of Two Sisters hebt sich auch durch eine ausgeklügelte Story von eher banalen Schockern ab. Die symbolsprachlichen Details sind so zahlreich, dass man sie beim ersten Ansehen gar nicht alle erfassen kann und eine Zweitsichtung fast Pflicht ist. Ich bin mir nicht sicher, ob der Clou der Geschichte als Überraschungseffekt gedacht war, da zumindest die deutschen Untertitel einen Teil der Pointe sehr schnell verraten und ich nicht den Eindruck hatte, dass großartig versucht wird " es" zu verschleiern.
Als Beschreibung der albtraumhaften Wiederkehr eines verdrängten Schuldgefühls reiht sich A Tale of Two Sisters ein in die Reihe so wuchtiger Filme wie The Machinist, Narren und Mulholland Dr. und verdeutlicht einmal mehr, dass sich das Kino wie kaum eine zweite Ausdrucksform für die Veranschaulichung des menschlichen Kampfes mit der eigenen Psyche eignet.
8/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 24.06.2006 14:11 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Montag, 19. Juni 2006:
The Great Escape – John Sturges, 1963 (DVD)
Der Gefängnisfilm ist die große Metapher des Kinos für die Unbezwingbarkeit des menschlichen Überlebenswillens. Im Gefängnis ist der Mensch auf seine Funktion als Gefangener reduziert, vollständig seiner Selbstbestimmung beraubt und von außen determiniert. Dadurch ist man gezwungen, neue, alternative Sinninhalte für sich zu schaffen, die einen vor dem Wahnsinn bewahren. Die Kriegsgefangenen in The Great Escape scheint dieses existentielle Problem weniger zu belasten, sie haben eine klar definierte Pflicht: Ausbrechen und Aufruhr in den Reihen des Gegners stiften; seine Konzentration von den Kriegshandlungen ablenken und seine Gefechts-Ressourcen minimieren, indem man ihn dazu nötigt, Arbeitsleistung für die Ergreifung der Ausgebrochenen aufwenden zu müssen.
The Great Escape beginnt recht vergnügt. Das Stalag Luft III scheint eher einem Feriencamp zu gleichen als einem Nazi-Gefangenenlager. Tatsächlich hat sich der Befehlshabende von Luger eine vergleichsweise humanistische Lebenseinstellung bewahrt und begegnet den ideologieinfizierten Vertretern des Hitler-Regimes mit offener Verachtung. Er will sich, seine Unterstellten und die Gefangenen nur heil durch den Krieg bringen; Fluchtversuche in abtransportierten Heuladungen werden zunächst nur mit fast freundschaftlichem Mistgabel-Pieken vereitelt, die Todesstrafe scheint weit entfernt. Während der ersten Minuten hatte ich daher den Verdacht, dass mich hier so etwas wie eine Gefängnisausbruchs-Komödie erwartet.
The Great Escape hat zwar keine wirklich niederschmetternde Wirkung und behandelt sein Thema oft mit unterhaltsamer Leichtfüßigkeit, aber es wird zum Ende hin doch unmissverständlich klargemacht, dass Kriegsgefangenschaft eine Sache um Leben und Tod ist und ein erfolgreicher Fluchtversuch leider eine Ausnahme bleiben muss. Am Beispiel von McQueens unkaputtbarem "Cooler King" wird allerdings ebenso deutlich, dass es die innere Einstellung ist, mit der man sich über alle Widrigkeiten hinweg die geistige Gesundheit bewahren kann. Wenn McQueen am Schluss mit seinem Baseball zum x-ten Mal gut gelaunt in seine Zelle marschiert und man das Klatschen des Balls gegen die Wand hört, weiß man: Sein Wille wird nicht brechen. Nicht so lange er lebt.
8/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 24.06.2006 15:21 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 08.07.2006 14:40 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Sonntag, 25. Juni 2006:
Obchod na korze (The Shop on Main Street) – Ján Kadár & Elmar Klos, 1965 (DVD)
1942 wird der Handwerker Tono im Zuge der "Arisierung" einer slowakischen Kleinstadt von seinem Schwager dazu berufen, das Kurzwarengeschäft der jüdischen Witwe Rozalie Lautmann zu übernehmen. Der nationalsozialistischen Kontrolle eigentlich kritisch gegeüberstehend, kann Tono der Verlockung einer gewinnbringenden Position doch nicht widerstehen und tritt etwas unbeholfen seinen neuen Posten an. Die vorgesehene Rollenverteilung gestaltet sich nicht wie geplant; Tono findet sich eher als Assistent der sympathischen alten Dame wieder, deren leichte Altersverwirrung eine vollständige Erfassung der drohenden Deportationsgefahr verhindert. Als das Pogrom seinen traurigen Höhepunkt erreicht, muss sich Tono zwischen der eigenen Sicherheit und der Auslieferung der liebgewonnenen Frau entscheiden.
"Ein Toter ist eine Tragödie, eine Millionen Tote eine Statistik." Ein bekanntes Zitat von Stalin, das ich leider oft als zutreffend empfinde. In einer Zeit breiter medialer Erfassung von Völkermorden, Naturkatastrophen und Menschenopfer fordernder Kriegshandlungen habe ich mittlerweile eine ziemlich kühle Abwehrhaltung gegenüber Schreckensmeldungen aller Art entwickelt, die mich manchmal selbst befremdet. Leider wohl ein weit verbreitetes Phänomen – das Abstumpfen gegenüber dem Grauen. Anders sieht es aus, wenn Personen betroffen sind, die einem persönlich nahe stehen. Wenn der beste Freund bei einem Autounfall stirbt oder die Tochter sich eine Überdosis spritzt, wird die eigene Lebenserfahrung Teil der Statistik und damit ungleich erschütternder.
Der Völkermord an den Juden ist in diesem Zusammenhang das vielleicht am schwersten zu begreifende Grauen, wenn man nicht persönlich betroffen ist. Ich denke, wenn man das tatsächliche Leidensausmaß rational auf einen Schlag erfassen könnte, würde es einen wahrscheinlich seelisch vernichten. Manchmal gibt es Momente, während denen sich die Realität hinter dem Begriff "Völkermord" für kurze Augenblicke in mir entfaltet, ähnlich einer Meditation über das Böse. Das hält nicht lange an, weil ich mir die schiere Menge der Opfer nicht länger als ein paar Sekunden vorstellen kann. Oder nicht will, ich weiß es nicht.
The Shop on Main Street erzählt bewusst von einem Einzelschicksal, wie Jan Kadár betont. Nicht ohne Humor; Kadár und Klos finden auch in der unendlich traurigen Situation des Holocaust Situationen, die irgendwie komisch sind, manchmal auf absurde Weise. Am Ende hatte ich jedoch den betrübenden Eindruck, dass der tierische Überlebensinstinkt des Menschen, angestachelt durch trunkene Bewusstseinsvernebelung, unvermeidbar seine zerstörerische Wirkung entfalten wird. Um so tragischer, wenn das während eines lichten Augenblicks der Klarheit geschieht.
8/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 09.07.2006 14:51 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
The L Word (Season 3) – Created by Ilene Chaiken, 2004-20??
Vom Gesamteindruck her etwas schwächer als die zweite Staffel, aber immer noch gut anzusehen. Allerdings gibt es bei den Autoren ein durchaus erstaunliches Qualitätsgefälle. Auf die bis dato beste Episode der Serie, Losing the Light, folgt die nur knapp durchschnittliche Last Dance, die das emotionale Potential der Ereignisse nicht auszuschöpfen weiß und stattdessen an einer Stelle mit völlig deplatziertem Kitsch überrascht, bei dem meine Gesichtszüge leicht in Richtung ungläubiges Staunen entgleisten. Ein paar 180°-Charakter-Kehrtwendungen wirken nicht ganz glaubwürdig; leider sind auch manche Entwicklungen der letzten Episode arg konstruiert und bewegen sich an der Grenze zum Soap-Style. Insgesamt haut die 3. Staffel wohl zu sehr auf die Pauke und lässt subtilere Entwicklungen vermissen. Die 4. Staffel hat qualitätstechnisch wieder Enwicklungsspielraum nach oben.
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 15.07.2006 12:49 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Mittwoch, 12. Juli 2006:
Dawn of the Dead – Zack Snyder, 2004 (DVD)
Das Dawn-of-the-Dead-Remake ist so ein Film, den niemand so wirklich braucht, weil es vergleichbare bessere Filme gibt, der aber trotzdem ganz nett anzuschauen ist. Die Spannungsschraube wurde nicht übermäßig angezogen, Snyder setzt eher auf Ekelschock als auf überraschende Schreckmomente. Interessant natürlich, dass der apokalyptische Showdown – wie schon im Original – in einer Shopping Mall stattfindet, dem einzigen angemessenen Ort für ein postmodernes Zombie-Get-Together. Die beste Szene war ganz klar das Prominentenschießen. Da dachte ich schon vor der Auflösung: "Hey, der sieht aus wie Jay Leno." *bang*, Leno ist tot.
7/10
|
|
|
|
 |
|
Daniel
|
Betreff des Beitrags: Re: Creating real, unnecessary, neurotic problems for myself Verfasst: 16.07.2006 13:07 |
|
| Moderator |
 |
Beiträge: 3285 Wohnort: Six Feet Under
|
Donnerstag, 13. Juli 2006:
Se7en – David Fincher, 1995 (DVD)
Auf die konzeptuelle und technische Qualität von Seven möchte ich eigentlich gar nicht lange eingehen, da ich dann keine andere Wahl hätte, als mich in exzessiven, langweiligen Lobeshymnen zu ergehen. Daher dazu nur so viel: Seven zähle ich zu dem verschwindend geringen Bruchteil an filmischem Output, den ich als perfekt empfinde. Jede Kameraeinstellung, jede darstellerische Nuance, jeder Musikeinsatz, der Erzählrhythmus, das Set-Design, alles sitzt auf den Punkt, millimetergenau. Bei vielen meiner Lieblingsfilme gibt es ein winziges Detail, das mich stört; das ich persönlich weggelassen oder gerne etwas anders umgesetzt gesehen hätte. Hier gibt es absolut nichts dergleichen. Es stimmt einfach alles.
Stattdessen ein paar Gedanken zur Thematik des Films. Die Thematik ist der angenommene Niedergang unserer Gesellschaft bzw. deren Moral unter dem Gesichtspunkt eines religiösen Wertemaßstabes. Wie Daniela Sannwald in ihrem Text Im Herzen der Finsternis: SE7EN (In: David Fincher; Bertz) treffend herausgestellt hat, sind die Motive John Does denen religiös-fundamentalistischer Terroristen sehr ähnlich:
Daniela Sannwald hat geschrieben: Die einen wie der andere haben die Verbrechen jahrelang geplant und geduldig auf den richtigen Zeitpunkt zum Zuschlagen gewartet. Sie wollten Aufsehen erregen und sind stolz darauf, dass ihnen das gelungen ist. Sie sind bereit, das eigene Leben zu opfern, um die diabolische Perfektion des Plans erst richtig zur Geltung kommen zu lassen. Sie bezeichnen sich als Werkzeuge Gottes. Sie sind überzeugt davon, dass die Opfer den Tod verdient haben. Sie prangern die Dekadenz der Gesellschaft an, die ihnen Unterschlupf gewährt hat – alle sieben Todsünden können im Grunde unter dem Begriff der Dekadenz zusammengefasst werden. Und schließlich scheinen ihre Motive ein Moment von Wahrheit zu enthalten. Die verführerische Qualität des John Doe, einer identitätslosen, selbsternannten Bestrafungsinstanz, besteht in diesem Moment von Wahrheit. Zieht man religiöse Tugendkategorien heran, dürfte es schwerfallen, ihm nicht zumindest in dem Punkt Recht zu geben, dass Todsünden mittlerweile tatsächlich an jeder Ecke lauern. Auch wenn man nicht den theologisch besetzten Begriff der "Todsünde" benutzt, ist die manchmal übermächtig erscheinende Existenz des Schlechten (oder Bösen) in der Welt doch kaum abzustreiten. Auch scheint das Rechtssystem nicht so beschaffen zu sein, dass eine (subjektiv!) gerechte Bestrafung der Verursacher dieses Schlechten in jedem Fall praktikabel erscheint. Zu viele juristische Schlupflöcher gibt es, die das Gesetz oft eher im Sinne der Täter als der Opfer auszulegen scheinen. Und wenn die Tat nur "extrem genug" ist – sagen wir etwa Kindesmisshandlung – landet der Täter schnell in einer psychiatrischen Heilanstalt, während man doch das starke Bedürfnis verspürt, ihm das Leid seiner Opfer am eigenen Leib spürbar werden zu lassen. Die Sünde gegen den Sünder zu kehren. Unter diesen Voraussetzungen ist ein Funke des Sympathisierens mit John Does Bestrafungsmaßnahmen schnell geschlagen. Und ein Punkt erreicht, an dem man sich entscheiden muss, ob man die eigenmächtige Durchsetzung emotional motivierter "Gerechtigkeitsmaßnahmen" auf der Basis subjektiver Einschätzungen gutheißen kann, oder ob man auf ein Rechtssystem setzt, das trotz seiner Unvollkommenheit und Korrumpierbarkeit zumindest in die Richtung einer abstrakten und letztlich unerreichbaren Objektivität zielt und um Gerechtigkeit bemüht ist, wenn auch mit unbefriedigenden Ergebnissen. Ich persönlich setze auf das Rechtssystem. Ein John Doe mag für kurze Zeit einen Impuls der Zustimmung auslösen. Aber seine Argumentation ist fundementalistisch, insofern sie auf das Fundament einer gottgewollten, sündenfreien Existenz des Menschen aufbaut und die komplexen Gegebenheiten einer Gesellschaft ignoriert, die das religiös-dualistische System von Gut und Böse durch die intellektuellen Lichtblicke des Menschen überflüssig gemacht hat. Daniela Sannwald hat geschrieben: Da John Doe am Ende stirbt, gibt es keinen wirklichen Sieger. Aber es gibt eine Figur, die relativ unbeschadet - oder eher: nicht wesentlich beschädigter als zuvor - aus den Ereignissen hervorgeht, und das ist Somerset. Sein unbedingter Wille zu verstehen hat sich einmal mehr als einziger Weg erwiesen, das Böse wenn schon nicht verhindern, so doch voraussehen zu können. Das hilft unmittelbar weder ihm selbst noch der Gesellschaft, zu deren Schutz er sich verpflichtet hat. Aber wenn es überhaupt einen Hoffnungsträger gibt am Ende dieses hoffnungslosen Films, dann ist es Somerset. Sein rationales Konzept der Verbrechensbekämpfung durch Verständnis, Bildung und wissenschaftliche Methoden auf (weitgehend) solidem gesetzlichen Fundemant ist der diffusen Emotionalität Mills' und der dumpfen Religiosität John Does weit voraus. Somerset will Licht ins Dunkel bringen, wie es die Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts taten. Sein Kampf richtet sich gegen Aberglauben, Vorurteile und Autoritätsdenken, die immer noch und mehr denn je die Wurzeln des Bösen sind - kurz: gegen den Fundamentalismus. Aber: "Lang ist der Weg und beschwerlich, der hinaus ins Licht führt aus der Hölle."
Der strafende Gott ist tot, und im Sinne der Gerechtigkeit sollte er es auch bleiben.
10/10
|
|
|
|
 |
|