Das "Ein Quantum Trost"-Fanspecial



England:
In „Casino Royale“ wird Bond mit realen Werten und Erfahrungen, wie zum Beispiel Abu Ghraib, in Verbindung gebracht. Das hat manche sehr verstört, wie hat sich Ihre Wahrnehmung von James Bond verändert?
Marc Forster:
Ich war dabei, mich für „Ein Quantum Trost“ zu interessieren und wollte schon immer generell bei der Bond-Reihe mitmachen. Daniels Interpretation von Bond in „Casino Royale“ brachte Bond wirklich in die reale Welt, verwandelte ihn aber auch selbst in ein menschliches Wesen, in das ich mich hineinfühlen konnte. Am Ende von „Casino Royale“ war Bond sehr verletzlich, was die perfekte Gelegenheit war, ihn auf neue Wege zu führen. Diese Verletzlichkeit inspirierte mich letztendlich zu „Ein Quantum Trost“.

Japan:
Wie unterscheidet sich Ihr James Bond von den anderen?
Marc Forster:
Ich musste meine eigene Version von Bond erschaffen und entschied mich für einen visuellen Ansatz. Ich habe dem Bond aus den 60ern, den ich ja selbst sehr liebe, eine Art modernisierte Version entgegengesetzt. Der jetzige Bond ist in meiner Vision ein Gegensatz zum damaligen Bond. Dasselbe gilt auch für den Look des Films: „Ein Quantum Trost“ hat einen gewissen Retro-Look, der von den Ken Adam-Designs wie zum Beispiel „Liebesgrüße aus Moskau“ oder „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ inspiriert wurde. Zugleich wurde dieser Look auch modernisiert nun stehen die beiden einander gegenüber. Der moderne, verwundbare Bond bringt auch einen neuen emotionalen Zustand mit sich, was interessant ist, denn James Bonds harte Schale hat sich ja nicht verändert.

Russland:
Woher kam der Titel des Films?
Marc Forster:
Die Produzenten Michael Wilson und Barbara Broccoli luden mich eines Tages in ihr Büro ein. Dort stand „Quantum of Solace“ auf einer Tafel, und sie fragten mich, was ich davon hielt. Ich war zunächst ein wenig überrascht, aber der Titel gefiel mir dann immer besser. „Ein Quantum Trost“ basiert auf einer Kurzgeschichte von Ian Fleming, dort erklärt der Gouverneur James Bond, was dieses Minimum an Trost ihm bedeutet, insbesondere in Beziehungsfragen. Ich denke, der Titel funktioniert großartig für unsere Geschichte und sagt aus, was der Film sagen will. Auch bekommt Bond am Ende sein persönliches Quentchen Trost, was die Sache abrundet.

Spanien:
Welche psychologischen Aspekte in der Figur des James Bond haben Sie besonders gereizt? Und planen Sie auch Bond 23 zu machen?
Marc Forster:
Seit „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ hatten wir keinen so verwundbaren Bond mehr wie am Ende von „Casino Royale“. Ich finde, das ist ein guter, interessanter Ausgangspunkt. Auch sollte man Bond nicht zu sehr beleuchten, da er eine mysteriöse Figur ist und genau das seine Faszination ausmacht. Da man aber immer mehr über Bond wissen will, haben wir Camille erschaffen, die sozusagen ein Spiegelbild von ihm darstellt. Auch bringt ein weiblicher Gegenpart, der ebenfalls von Rachedurst getrieben ist, eine sexuelle Spannung mit hinein. Die ist zwar nicht essentiell, aber Camille drückt ihre Gefühle auf völlig andere Weise als James Bond aus, wie er es für sich nie zulassen würde. Doch auf diese Weise, weil sie ja quasi sein Spiegelbild ist, kann man trotzdem ein wenig in ihn hineinsehen.

Und zur zweiten Frage: Ja, Barbara und Michael haben mir die nächste Regie angeboten, aber ich habe trotz der fantastischen Erfahrungen bei diesem Dreh abgelehnt, weil ich doch lieber wieder kleinere Filme drehen will.
Italien:
Ihr Film ist der einzige der ganzen Bond-Reihe, der eine direkte Fortsetzung ist. Wie stellt man die Kontinuität her?
Marc Forster:
Im Grunde fängt man auf der emotionalen Ebene an, auf der sich Bond befindet. Ich brauchte also nur die letzten drei Minuten, in denn Bond Vesper verliert, zu beachten. Was davor passierte, interessierte mich nicht, das hatten wir schon in 21 Bond-Filmen. Interessant wird’s erst, als er Vesper verliert, die einzige Liebe seines Lebens. Nur das ist wirklich wichtig für die Fortsetzung.

Frankreich:
Denken Sie nicht auch, dass die Bond-Filme etwas von ihrem besonderen Charme einbüßen, wenn sie nun kantiger und düsterer werden, mit immer mehr Action?
Marc Forster:
Es bestand tatsächlich die Gefahr, diese einzigartige Leichtigkeit einzubüßen, daher war es für mich sehr wichtig, soviel Witz wie möglich in den Film zu bringen. Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen, aber darf auch nicht in die Lächerlichkeit abgleiten. Es ist ein schmaler Grat, der Glaubwürdigkeit und Humor verbindet. Ich hoffe, dass ich es geschafft habe, den Humor im Film zu erhalten.

England:
Würde der Original-Bond von Ian Fleming in diesen politisch korrekten Zeiten überleben?
Marc Forster:
Ich denke nicht. Würde Ian Fleming heute schreiben, hätten seine Bücher nicht so eine breite Akzeptanz. Ich denke, als Fleming Bond erschafften hat, brauchte England eine Art Retter, und die Bücher von Fleming lieferten ihn. Auch hat sich die Rolle der Frau so stark verändert, allein schon deswegen würden solche Geschichten heute nicht mehr akzeptiert. Der Original-Bond war dermaßen sexistisch, dass das heute definitiv nicht mehr ankäme.

Japan:
Wie war die Arbeit mit Paul Haggis?
Marc Forster:
Zuerst haben wir uns zusammengesetzt und besprochen, was für eine Art Film ich gern machen würde. Ich war gerade dabei, Drehorte auszusuchen und bat ihn, diese in die Geschichte einzubauen. Wir hatten dafür sehr detaillierte Besprechungen. Dann schrieb er die erste Fassung des Drehbuchs, aber war zugleich auch schwer damit beschäftigt, seinen eigenen Film zu promoten. Das Drehbuch hatte noch Lücken, musste also noch vollendet werden. Das haben Daniel und ich bei intensiven Treffen gemeinsam erledigt.

Spanien:
Werden Sie den Bond, den wir kennen, nach und nach aufbauen, oder soll er von alleine wachsen?
Marc Forster:
Ich denke, er soll von alleine wachsen. Ja, das ist der richtige Weg.

Italien:
Wie war die Arbeit mit Giancarlo Giannini?
Marc Forster:
Fantastisch. Der Mann ist eine Legende. Ich liebe seine Filme: „Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal“ oder „Sieben Schönheiten“ und so weiter. Er macht ganz fantastische Filme und ist außerdem ein witziger, wunderbarer Mensch. Das tolle an Giancarlo ist, dass er sehr offenherzig ist und einfach genießt, was er tut. Es ist toll, einen Schauspieler zu treffen, der schon so viel gemacht hat und immer noch Spaß daran hat.

Frankreich:
Hat man Ihnen genug Raum gegeben, um Ihre eigene Vision von 007 zu verwirklichen?
Marc Forster:
Ja, absolut. Ich habe meine eigene Crew mitgebracht und war so in der Lage, visuell umzusetzen, was ich auf der Leinwand sehen wollte. Ich hatte wirklich jeden Freiraum, den ich brauchte, um den Film zu machen, wie ich ihn haben wollte.

© 2012 MovieMaze.de