Wenn ein Schauspieler mit solch einer exzellenten Galavorstellung aufwartet, wie der Protagonist im vorliegenden Fall, dann ist das gewiss zum großen Teil ein Verdienst des Regisseurs. Der muss sich im gleichen Atemzug jedoch den Vorwurf gefallen lassen, dass es ihm nicht gelingt, dem Zuschauer die Geschichte zu vermitteln, die er erzählen will: nämlich die eines Manisch-Depressiven.
Das Lieblingswort vom Brenninger Franz aus Wasserburg am Inn, dessen Eisenwarengeschäft (genau wie er selbst) kurz vor dem unabwendbaren Ruin steht, lautet unangefochten: Oarschloch. Das schleudert er jedem so locker und selbstverständlich aus dem Handgelenk entgegen, als wäre John-Wayne-Selig mit seinem Colt auferstanden; dem Bankleiter, der ihm keinen Kredit mehr gewähren kann; dem Lieferanten, der nur noch gegen Vorkasse den Laderaum öffnet; seinen beiden Kindern, die sich Sorgen um ihn machen. Oarschloch hier, Oarschloch da. Die ganze Welt, ausnahmslos: ein Oarschloch! Ich habe mitgezählt: 84 Verballeichen in 99 Minuten. Respekt!
Ja, er ist beileibe kein netter Mann, dieser vierschrötige Kerl, der sich wie ein Dampfkessel durchs Leben schimpft und allezeit kurz vor der Implosion steht. Stets nimmt er den ganzen Raum für sich alleine ein. Ansonsten interessiert ihn nur wenig. Vielleicht noch am Rande seine Frau Mucki, die an einer Augenkrankheit leidet, zuhause im Bett liegt und ihren Franzl irgendwie stoisch erträgt (oder liebt?), auch wenn er ihr frei heraus gesteht: "Deine Cartier-Uhr habe ich verkauft und das Geld verfickt."
Wäre nicht die Leinwand zwischen der Hauptfigur und mir, ich würde gewiss den Saal verlassen und zum Abschied den Mittelfinger heben. So aber bleibe ich sitzen und verfolge fasziniert diese überaus fulminante Einmannshow, die Josef Bierbichler (Hot Dogs, Winterschläfer) hier abliefert. Er beherrscht jede Szene so eindringlich, dass sogar Hanna Schygulla (Die Ehe der Maria Braun, Lili Marleen) zur unscheinbaren Randfigur verkommt. Von Sibel Kekilli (Gegen die Wand) ganz zu schweigen. Die bleibt so blass und leblos wie ihr Teint. Trüge sie nicht einen quietschgelben Mantel, würde sie sich wohl wie Nebel in nichts auflösen.
Begleite ich den Hauptdarsteller gerne, so vermag mich die Geschichte nur in der ersten Halbzeit zu fesseln, so lange, bis die völlig überflüssige Kenia-Episode ihren Lauf nimmt. Brenninger lässt sich nämlich auf ein dubios-dämliches Angebot ein und überweist 50.000 Euro, die er von seinem Sohn für die Operation seiner Frau bekommen hat, auf ein afrikanisches Konto. Naja, die Kohle ist natürlich weg, und so fliegt er selbst hin zum fremden Kontinent, um es dort auf eigene Faust zu richten. Und das macht er dann auch. Er überfällt mitten in der unendlichen Steppe einen Unbekannten (oder ist das gar der gesuchte Übeltäter?) und entwendet 200.000 Dollar. Die gibt er seiner Dolmetscherin Leyla. Für seine Mucki. Dann geht er in die Büsche. Und Leyla lässt ihn ziehen! Und zwei Schüsse fallen. Und die Lok zischt zum letzten Mal.
An dieser Stelle würde ich eigentlich schließen, mit einem Daumen steil nach oben und einem schräg nach unten. Aber halt, halt, halt. Ich habe mir die DVD ausgeliehen und das Bonusmaterial angeschaut. Und dort erklärt Regisseur Hans Steinbichler (Hierankl), dass es sich um die Geschichte eines Manisch-Depressiven handelt. Also nicht einfach bloß ein Kotzbrocken, der ob seiner persönlichen Insolvenz zerbröselt und zetert und weint, sondern ein Kranker! Ups. Und tatsächlich: Die Filmmusik von Franz Schubert kreist um genau dieses Thema. Das weiß doch nun wirklich jeder. Außerdem durchlebt Brenninger hin und wieder durchaus traurige Phasen. Ganz ehrlich, ich hätte es merken müssen. Oder zumindest ahnen. Allerdings, auch ganz ehrlich: vielleicht hätte es der Regisseur deutlicher und verständlicher in eine bis zum Schluss adäquate Handlung einbauen sollen!
Und so bleibt letztlich umso entschiedener ein dickes, fettes SCHADE. Denn ich hätte mir die komplexe Krankengeschichte eines Manisch-Depressiven, mit all ihren Notwendigkeiten und Konsequenzen im ureigensten Umfeld, wirklich gerne angeschaut - besonders bei diesem genialen Hauptdarsteller. Aber der muss sich ja unbedingt in Kenia zum Seitenausgang hinaus schleichen...