Das auf der diesjährigen Berlinale ausgezeichnete Dokumentarfilm-Debüt von Bettina Blümner über drei 15-jährige Mädchen aus Kreuzberg ist ein ebenso leichtfüßiges wie nachdenkliches Portrait deutscher Teenager. Es beleuchtet diverse heitere und schmerzliche Aspekte des Jungseins und Älterwerdens, erzählt aufschlussreich von Liebe, Freundschaft und Familie.
"Halt's Maul und lass dir erstmal 'nen Penis wachsen." Der Satz, der den Film eröffnet, lässt vermuten, dass nun ein typisches Portrait von drei toughen fünfzehnjährigen Gören aus dem so genannten "sozialen Brennpunkt" Kreuzberg folgt. Was nur zum Teil stimmt. Klara, Mina und Tanutscha, seit ihrer Kindheit befreundet, entsprechen an der Oberfläche durchaus den Klischees, die viele von den Bewohnern des Berliner Stadtteils im Kopf haben: Sie nehmen kein Blatt vor den Mund und sind nur mit einem Elternteil aufgewachsen, die Väter waren überwiegend abwesend. Zwei von ihnen tun zu wenig für die Schule, und alle drei trinken Alkohol, bevor die Sonne untergeht. Was Bettina Blümners ausführlich recherchiertes und mitreißend umgesetztes Langfilmdebüt aber auszeichnet, ist, dass es sich hiervon nicht blenden lässt und genauer hinsieht, in die Tiefe geht und differenziert.
"Mit Mina werde ich immer befreundet sein", behauptet Klara mit einer felsenfesten Überzeugung, wie man sie in dieser Absolutheit wohl nur als Teenager kennt. Im Laufe des Films kristallisieren sich Momente heraus, die vermuten lassen, dass dies vielleicht doch nicht der Fall sein könnte. Klara ist auf einer "Schwänzerschule", wie sie selbst sagt, während Mina sehr darum bemüht ist, beim Abi erfolgreich abzuschneiden. Und auch was das Thema Männer angeht, scheinen sich die beiden in unterschiedliche Richtungen zu entwickeln. Mina ist in einer festen Beziehung, Klara fühlt sich immer wieder zu häufig wechselnden "Arschlöchern" hingezogen. Und zu Türken, weil die ihr im Gegensatz zu Deutschen nicht erlauben würden, abends alleine wegzugehen. Sie mache es natürlich trotzdem, wolle aber jemanden haben, der ihr sage, was sie dürfe und was nicht. "Dafür ist ja deine Mutter da", kontert Mina schlagfertig. Die scheint allerdings nicht immer so da gewesen zu sein, wie Klara es rückblickend gerne gehabt hätte und beinah stolz darauf zu sein, ihrer Tochter nur zwei Dinge verboten zu haben: Heroin und Schwangerschaft.
Auch wenn man hier als Zuschauer dazu tendiert, zum Freizeit-Therapeuten zu werden und aus dem Mangel an Autorität seitens des Elternhauses, Klaras Suche nach dieser in ihren Beziehungen zu schlussfolgern, Blümners Dokumentation tut dies wenn, dann nur indirekt und subtil. Sie konzentriert sich in erster Linie darauf, Situationen und Gespräche so wirklichkeitsnah wie möglich einzufangen und festzuhalten, sie nicht zu deuten oder zu psychologisieren. Ihr Portrait dreier unterschiedlicher junger Frauen macht trotz aller Ernsthaftigkeit der Themen, die zur Sprache kommen, darunter Drogen, Kriminalität und Gewalt, auch sehr viel Spaß. Wenn die drei Mädchen - jedes für sich eine eigenständige, faszinierende Persönlichkeit - von HipHop-Beats begleitet durch ihr Viertel ziehen und vorbeilaufende Jungs verbal zur Schnecke machen, dann ist das allein schon aufgrund ihres speziellen Slangs sehr witzig und unterhaltsam. "Story" ist eines ihrer Lieblingsausdrücke, wenn jemand Blödsinn redet. "Du Muschi" - wohl ein Pseudonym für das antiquierte "Weichei" - folgt gleich an zweiter Stelle.
Blümners Portrait präsentiert die Gefilmten sowohl mit ihrer Reife und ihren Stärken als auch mit ihren Schwächen und Widersprüchen, stellt sie aber nie bloß oder nimmt eine überlegene Position ein. Sie lässt die Mädchen posen und cool sein und nach außen die Abgebrühten spielen, fächert aber gleichzeitig mit Fingerspitzengefühl die Verletzungen und Enttäuschungen auf, die manchmal darunter liegen. Dabei hält sie immer einen respektvollen Abstand ein und scheint ihnen nichts zu entlocken, was sie nicht von sich aus preisgeben wollen. Das, was die drei offenbaren, ist aber schon erstaunlich viel und hoch spannend.