Das vielfach ausgezeichnete Langfilmdebüt des spanischen Autors und Regisseurs Daniel Sanchez Arevalo erzählt von Liebe und Familie, Schuld und Selbstfindung. Der überzeugend besetzte und sensibel inszenierte Ensemble-Film hält geschickt die Balance zwischen Schwere und Leichtigkeit und erinnert dabei manchmal an die Werke Pedro Almodovars.
"Dunkelblaufastschwarz" - das klingt nach einem düsteren, deprimierenden Kinoerlebnis. Doch der Titel täuscht, was das angeht. "Dunkelblaufastschwarz" ist zum einen die Farbe eines Anzuges, den Jorge (Quim Gutierrez) in einem Schaufenster sieht. Er kann ihn sich nicht leisten und symbolisiert seinen Traum von einem besseren, erfolgreichen Leben. Zum anderen steht er für einen fließenden, nicht eindeutig auszumachenden Übergang und Wechsel. Je nach Blickwinkel und Lichteinfall variiert die Farbgebung um Nuancen. Die Veränderung ist dabei minimal, aber dennoch ist sie eine - so wie es die innere Wandlung einiger Figuren im Handlungsverlauf sein wird. Und auch der Film schwankt subtil und kaum merklich zwischen Drama und Komödie.
Jorge ist ein Unentschlossener, ein Fragender, wie es viele Mittzwanziger sind. Welchen beruflichen Weg soll er einschlagen? Er hat BWL studiert, arbeitet aber als Hausmeister und kommt mit seinen Bewerbungen nicht voran. Für welche Frau soll er sich entscheiden? Er fühlt sich hin und her gerissen zwischen Paula (Marta Etura), der Freundin seines Bruders (Antonio de la Torre, Volver - Zurückkehren), und seiner Jugendliebe Natalia (Eva Pallares). Und soll er weiterhin die Bedürfnisse und Ansprüche der Familie über die eigenen stellen? Zwänge engen ein, aber sie bieten auch Sicherheit, und mit der Befreiung aus ihrem Kokon ist zunächst auch Orientierungslosigkeit und Leere verbunden.
Die moralischen Konflikte und emotionalen Wechselbäder seiner Figuren inszeniert Arevalo mit leichter Hand und lockert die potentielle Schwere der Themen immer wieder mit Humor auf. Nach mehreren Kurzfilmen ist Dunkelblaufastschwarz sein Spielfilmdebüt als Regisseur und seine Erzählweise angenehm unaufdringlich und gekonnt ausbalanciert. Dass er bereits seit neunzehn Jahren als Drehbuchautor arbeitet, erklärt, warum die Dialoge gleichzeitig von einer bemerkenswerten Natürlich- und Vielschichtigkeit sind. Für all dies gab es neben zahlreichen weiteren Ehrungen den Goya - Spaniens Oscar - für Arevalo als besten Nachwuchsregisseur. Ebenso wurde Quim Gutierrez für seine erste Hauptrolle ausgezeichnet. Er spielt Jorge mit Zurückhaltung und Sensibilität, doch unter der kontrollierten Oberfläche spürt man eine permanente Anspannung, die sich später entladen wird.
Arevalos detailliertes und komplexes Charakterdrama entfaltet seine Stärke und Wirkung nicht anhand spektakulärer Entwicklungssprünge, sondern mittels kleiner, aber trotzdem bedeutsamer Ausscherungen von bislang eingeschlagenen Richtungen und Wegen. Es weicht nie von der Seite seiner Protagonisten, die alle eine fein ausgearbeitete und glaubwürdig verkörperte Dreidimensionalität besitzen und ermöglicht dem Zuschauer dadurch Verständnis und Empathie mit ihren Stimmungen und Gefühle. Diese wandeln sich, schlagen um, pendeln mal hier hin, mal dort hin - eben wie Variationen von Dunkelblau und fast Schwarz.