Fast 20 Jahre ist es nun her, dass John McTiernans Stirb Langsam die Menschen in die Lichtspielhäuser lockte. Mittlerweile gilt der Film, der den damals noch verhältnismäßig unbekannten Bruce Willis über Nacht zum Star machte, als Meilenstein des Action-Kinos.
Erschöpft lehnt John McClane an der Wand eines Computerraumes in einem der oberen Stockwerke des Nakatomi Plaza. Sein schweißnasses Ripshirt ist blutverschmiert, sein Körper weist bereits zahlreiche Blessuren auf. Vor den Toren des monströsen Wolkenkratzers treffen gerade mehrere Dutzend Streifenwagen ein. Via Walkie-Talkie setzt McClane einen der Beamten darüber in Kenntnis was sich in den letzten Stunden im Inneren des Gebäudes abgespielt hat: Am frühen Abend platzte eine Gruppe von Terroristen in die besinnliche Weihnachtsfeier des Hauses und nahm den Chef des Konzerns Joseph Yoshinobu Takagi, sowie dessen Mitarbeiter als Geiseln. Ziel der Eindringlinge ist der hervorragend gesicherte Safe, in dem sich Wertpapiere in Höhe von $640.000.000 befinden. Der Streifenpolizist versichert McClane: "L.A.'s finest are on it. So light 'em if you got 'em.". "Way ahead of you, partner.", antwortet McClane und steckt sich gemächlich eine der französischen Zigaretten an, die er kurz zuvor einem von ihm getöteten Terroristen mit den Worten "Mm, these are very bad for you." entwendet hatte. In dieser Szene des Action-Krachers Stirb Langsam wirkt der von Bruce Willis dargestellte New Yorker Cop so dermaßen cool, so durch und durch lässig, dass man als Zuschauer fast den Eindruck bekommt, dem guten Mann war in diesem Moment vollkommen bewusst, dass er gerade im Begriff ist, das Action-Genre von Grund auf zu revolutionieren.
Was Stirb Langsam auszeichnet ist sein einfaches, wie brillantes Konzept. Ich vermeide hier zunächst ganz bewusst Begriffe wie "Geschichte", "Handlung" oder "Drehbuch", auch wenn all diese Dinge natürlich auf eben jenem Konzept basieren und deren sorgsame Ausarbeitung letztendlich dafür verantwortlich ist, dass es sich bei Stirb Langsam um einen dermaßen runden, in sich geschlossenen und funktionierenden Film handelt. In erster Linie ist Stirb Langsam jedoch ein Konzept-Film. Er erzählt seine Geschichte ausgehend von einer ganz simplen Grundidee: Zwei gegnerische Parteien treffen auf engstem Raum aufeinander. Auf der einen Seite haben wir die unbarmherzigen Terroristen, die es auf das große Geld abgesehen haben, auf der anderen Seite den einsamen Helden, der sich ihnen in den Weg stellt. Sie alle befinden sich in einem hermetisch abgeriegelten Wolkenkratzer. Niemand kann hinein, niemand kann hinaus. Dadurch erstreckt sich die gesamte Handlung des Films auf nur wenige Schauplätze, was beim Zuschauer bereits von Beginn an das unangenehme Gefühl heraufbeschwört, sich in einer ausweglosen Situation zu befinden. Sowohl die Drehbuchautoren, als auch die Protagonisten innerhalb des Films haben ausgehend von dieser Prämisse natürlich nur einen sehr begrenzten Handlungsspielraum, in dem sie sich bewegen können, wodurch der Film rasch eine äußerst beklemmende, fast schon klaustrophobische Atmosphäre entwickelt, die Regisseur John McTiernan mit Hilfe seines Kameramanns Jan de Bont in jeder Einstellung des Films eindrucksvoll einzufangen und zu unterstreichen versteht.
Ein weiterer Clou des Films ist natürlich seine unkonventionelle Hauptfigur. John McClane ist zwar der Held der Stunde, aber nicht weil er bereits als Retter der Menschheit geboren wurde, sondern weil es die Situation einfach verlangt. Bereits von Beginn des Films an legt das Drehbuch großen Wert darauf, McClane als einen Menschen mit vielen Ecken und Kanten zu charakterisieren. Er ist verletzlich, sowohl körperlich, als auch emotional und er hat eigentlich überhaupt keinen Bock auf den ganzen Mist. Aber was bleibt ihm schon anderes übrig, als den Bösewichten die Stirn zu bieten. John McClane ist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Er ist der Prototyp des Antihelden und damit eine großartige Identifikationsfigur für das Publikum. Klar fällt es einem als Zuschauer viel leichter, mit einem John McClane mitzufiebern, als mit einem für das Genre eigentlich üblichen, unverwundbaren Superhelden, dessen unantastbare Übermacht zu keinem Zeitpunkt angezweifelt wird. Mit dem damals vor allem dem Fernsehpublikum bekannten Bruce Willis als Hauptdarsteller bewiesen die Produzenten letzten Endes auch ein äußerst glückliches Händchen, spielt er seine Rolle doch mit solch einer Überzeugung, dass er nach diesem Film viele Jahre brauchen sollte, um sich von seinem Image als Action-Held zu lösen. Es verleitet fast zum Schmunzeln, wenn man bedenkt, dass Willis eigentlich nur die fünfte Wahl für die Besetzung der Hauptrolle war. Zunächst ging das Angebot an Arnold Schwarzenegger, später dann an Sylvester Stallone, Burt Reynolds und Richard Gere. Ob Stirb Langsam wohl der selbe Charme innewohnen würde, wenn sich ein Stallone durch die engen Ventilationsschächte des Nakatomi-Gebäudes hätte zwängen müssen, oder ein Satz wie "Yippee-ka-yay, motherfucker." aus dem Munde eines Schwarzeneggers gekommen wäre? Es ist zumindest anzuzweifeln.
Stirb Langsam hat aber nicht nur einen ungewöhnlichen Helden, sondern auch einen großartigen Bösewicht zu bieten. Alan Rickman spielt Hans Gruber, das Oberhaupt der Terroristen-Gruppe (die in der Originalversion überwiegend aus Deutschen, in der hiesigen Synchronisation aus nicht weiter bezeichneten Europäern besteht) mit einer beeindruckenden Eiseskälte und unbarmherzigen Kompromisslosigkeit, durch die Rickmans Figur bereits vom ersten Moment an als gleichwertiger Gegenspieler des Protagonisten etabliert wird. Dies ist nicht nur deshalb so schön, weil man sich an Rickmans intensivem Spiel kaum satt sehen kann, sondern weil das dadurch geschaffene Gleichgewicht zwischen Agonist und Antagonist einen ganz entscheidenden Beitrag zur Dramaturgie des Films, genauer gesagt zur Entstehung und Aufrechterhaltung dieser elektrisierenden Spannung, die während der gesamten Laufzeit herrscht, liefert. Kurzum, nicht nur mit seinem brillanten Konzept, sondern auch in Sachen Besetzung weiß Stirb Langsam voll zu überzeugen. Darüber hinaus hat der Film auch alles andere zu bieten, was ein Action-Fanatiker von einem Film dieses Genres erwartet. Von schweißtreibenden Verfolgungsjagden, über wilde Schießereien bis hin zu einer Vielzahl von grandiosen Stunts, ist alles dabei, was das Herz des Adrenalin-Junkies begehrt. Nicht zu vergessen natürlich die zahlreichen zitatwürdigen One-Liner, die mittlerweile zu einem festen Bestandteil der Popkultur geworden sind.
Dem konservativen Cineasten mag es vielleicht schwer fallen, ein Action-Feuerwerk wie Stirb Langsam im gleichen Atemzug wie Citizen Kane oder La Strada zu nennen und ihn gleichermaßen als Filmklassiker zu akzeptieren. Dennoch ist seine filmhistorisch bedeutsame Position unumstritten und sein enormer Einfluss auf nachfolgende Filme des Genres - und auch darüber hinaus - nicht von der Hand zu weisen. Bereits in den ersten Jahren nach der Veröffentlichung von Stirb Langsam wurde das Erfolgskonzept des Films von vielen anderen Regisseuren übernommen und auch heute noch zählt es zu den häufigen, weil eben gut funktionierenden, Grundrissen des Action-Genres. Viele der Nachfolgefilme waren natürlich nur lahme Aufgüsse, was meist daran lag, dass einige essentielle Zutaten des tollen Rezepts einfach vernachlässigt wurden, dennoch gelang es einigen Filmemachern auch, die Stirb Langsam-Formel erfolgreich in ein anderes Szenario zu transferieren und mit eigenen, weiterführenden Ideen zu verfeinern. Natürlich ließen sich auch die Produzenten von Stirb Langsam nicht die Butter vom Brot nehmen und schickten aufgrund des großen Erfolges ihres Films in den folgenden Jahren einige Fortsetzungen ins Rennen, von denen jedoch eigentlich nur das erste Sequel Stirb Langsam 2 auf dem ursprünglichen Konzept beruhte, wohin gegen sich bereits der dritte Teil Stirb Langsam: Jetzt erst recht trotz einiger inhaltlicher Referenzen an den ersten Film vornehmlich auf das Potential der bekannten und beliebten Hauptfigur stützte und eine vollkommen andersartig gestrickte Geschichte erzählte.