Knastbruder Petey Greene (Don Cheadle) hat es sich in den Kopf gesetzt, Radio-DJ in Washington zu werden. Statt gepflegter weißer Unterhaltung liefert er Brachialtiraden übers Alltagsleben der schwarzen Bevölkerung und erobert die Leute auf der Straße mit seiner Authentizität. Die geschockte Sendeleitung ist im Zwiespalt, weil anno 1966 gerade die Bürgerrechtsbewegung "in" ist. Kasi Lemmons macht aus einem sozialpolitisch interessanten Biopic Talk to Me eine harmlose Komödienunterhaltung.
Mitten hinein in die Aufbruchstimmung der Bürgerrechtsbewegung 1966 platzt der großmäulige Knastbruder Petey Greene (Don Cheadle). Zwar war das Lotterleben als kleinkrimineller "Ghettobruder" ganz nett, aber nun will er Radio-DJ werden. Die Idee kam ihm, als der frisch ernannten Programmdirektor Dewey Hughes (Chiwetel Ejiofor) bei einem Gefängnisbesuch ihn zur Bewerbung beim Washingtoner Sender WOL-AM motivierte - allerdings um ihn los zu werden.
Jetzt steht Petey in voller Pimp-Ausrüstung laut plärrend auf den Fluren des Senders und verlangt seinen versprochenen Job! Die etablierten Moderatoren wie Nighthawk Terry (Cedric the Entertainer), die Sekretärinnen und das Management sind geschockt! Hughes muss um seinen hart erschleimten Job bangen. Zwar gibt man sich neuerdings tolerant gegenüber "Negern", "Schwarzen", oder wie man die Afroamerikaner nennen will, aber dieser unflätige Schwall aus Peteys Mund entbehrt jeglichen (weißen) Anstandes. Besitzer E.G. Sonderling (Martin Sheen) wirft den Ex-Knasti raus. Das stachelt Peteys Penetranz an. Also leiert er dem völlig angepaßten "Bruder" Dewey eine weitere Chance aus dem Kreuz. Mit Hinterlist gelingt der Radioauftritt und das schwarze Zielpublikum fährt voll auf die fiesen Brocken harter Wahrheiten aus Greenes Schnattermund ab. Zum eigenen Entsetzen gibt Sonderling dem verrückten "Pimp" einen Vertrag. Seine große Bewährungsprobe hat der Moderator, als Martin Luther King erschossen wird und Washington wie das ganze Land am Rande des Chaos steht...
Die Schauspielerin Kasi Lemmons setzt dem 1996 verstorbenen Washingtoner Kultmoderator Petey Greene ein Denkmal. Ihr Film Talk to Me reiht sich dabei ein in das schmale Subgenre von Filmen über Radio-DJs. Don Cheadle darf sich mit Ikonen wie Robin Williams (Good Morning Vietnam), Howard Stern (Private Parts), Eric Bogosian (Talk Radio) und Jeff Bridges (König der Fischer) vergleichen lassen. Lemmons Team, die Autoren Michael Genet und Rick Famuyiwa, Kameramann Stéphane Fontaine sowie die Produktionsdesigner Warren Alan Young und Gersha Phillips (Kostüme), standen aber vor der Wahl, das Leben ihrer Hauptfigur entweder als eine heitere Unterhaltungskomödie oder als ein gesellschaftspolitisches Drama zu gestalten. Natürlich entschied man sich für die harmlose Entertainment-Variante, da eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Historie noch nie die Sache von Hollywood war.
Das gereicht den herausragenden darstellerischen Leistungen des Oscar-Preisträgers Cheadle zum Nachteil, wenn es um besagten Vergleich mit den Kollegen innerhalb des Subgenres geht. Dabei möchte man meinen, den jungen Eddie Murphy in seinem Geschnatter zu hören. Mit unglaublichem Tempo sprudeln die hammerharten Sprüche (vor allem im Original) aus ihm heraus. Mit überdrehter Gestik und Mimik klamaukt er sich in die Herzen der Zuschauer, weil er immer noch rechtzeitig Gefühl und Leidenschaft zeigt, um nicht als Charge da zu stehen. In einem anderen Rahmen wären Cheadles Leistungen als herausragend zu bezeichnen. Gerade jene eigentlich düsteren Momente während der Siebziger Jahre, als Greenes Karriere und Schnauze an ihre Grenzen stießen, zeigt er große Souveränität und Überzeugungskraft.
Kasi Lemmons tut alles um Biopic zu einer lustvollen Unterhaltung zu machen, die auch außerhalb des Lokalkolorits funktioniert. Dafür nimmt sie in Kauf, dass ihre Inszenierung in vielen Momenten zur aufgeblähten Sitcom wird. Die Kostüme und das Enterieur wirken wie vom Broadway und jede Außenaufnahme pittoresk und nostalgisch. Realismus ist hier ebenso fehl am Platze wie thematische Relevanz. Lemmons Inszenierungsstrategie läuft dem Ansinnen einer Würdigung der Leistungen des echten Ralph Waldo Petey Greene zuwider. Die Realität der Sechziger Jahre wird zur harmlosen Reminiszenz reduziert. Einmal mehr wird Rassismus und Segregation als die Haltung einer unbekannten, abwesenden Minderheit beschrieben, wird die beständig brodelnde Ohnmacht der afroamerikanischen Bürger zugunsten eines modernen Mittelklasse-Ambientes verneint. Geschichtsunterricht sieht anderes aus.
Die Wut eines Petey Greene wird hier zur Clowneske und seine Vernunft, nicht mit Gewalt auf Gewalt zu reagieren, verkommt zur Pose des "guten Negers". Lemmons lässt so keinen Zweifel daran, dass ihr an hautfarben-neutralen Aufarbeitung nichts liegt. Dafür hebt sie das Konstrukt der beiden gegensätzlichen "Brüder" hervor und seziert zu gerne die ausdauernde Freundschaft zwischen Dewey und Petey. Das ist ebenfalls interessant und viel unverfänglicher als an Gedanken vonn gesellschaftsveränderndem Potenzial zu rühren. So werden die nicht umsonst wilden 60er in ein rosarotes Poesiealbum gepresst und alles Unangenehme stillschweigend unter den Teppich gekehrt. Von Authentizität und Respekt - Merkmale, die Petey Greene bekannt gemacht haben - finden sich in Talk to Me keine Spuren.