Als Schauspielerin wurde Maria Schrader vor allem für ihre Darstellung einer lesbischen Jüdin zur Zeit des Nationalsozialismus in Aimee und Jaguar mit Preisen und Anerkennung überschüttet. Für Liebesleben, einem Film nach dem gleichnamigen Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev, hat sich Schrader erstmals hinter die Kamera getraut. Der Regisseurin und Drehbuch-Mitautorin ist ein tiefschürfendes Portrait einer verlorenen jungen Frau gelungen, die durch eine ungeheuerliche Affäre lernt, sich von ihren inneren Ketten zu befreien.
Ein ganz klein wenig verrückt wirkt sie, diese Jara. Ein Hauch von Hysterie umgibt sie ständig. Eine chronische Unentschlossenheit und eine verblüffenden Unsicherheit halten sie gefangen. Doch eine Begegnung mit ihren Eltern Hannah und Leon verrät vieles. Vater Leon scheint mit Scheuklappen durch sein Leben zu laufen, während die verbitterte Mama einen Nervenzusammenbruch erleidet und mit purem Hass reagiert, als Arie, ein alter Studienfreund von Leon, anlässlich dessen 60. Geburtstag vor der Tür steht. Der charismatische Fremde führt Jara allein durch seine Blicke vor Augen, wie unzufrieden sie eigentlich mit ihrem Leben und ihrer Ehe ist. Und obwohl, oder gerade weil, Arie mit der Frau, die seine Tochter sein könnte, genüsslich gemeine Spielchen treibt, verfällt Jara ihm. Als Jara ihr so geordnetes Leben aus den Händen gleitet, kommt sie einigen Geheimnissen auf die Schliche, die ihr auch Antworten auf eigene quälende Fragen geben werden.
Dass etwas mit Jara nicht völlig in Ordnung ist, wird schon in den Anfangsminuten von Liebesleben klar, als sie in panischer Angst zum Haus der Eltern hastet, den Bus aber aus Angst vor einem Anschlag meidet. Diese Angst, die in Jerusalem in Zeiten des blutigen Krieges zwischen Palästinensern und Juden zum Alltag geworden sein muss, thematisiert Maria Schrader jedoch stets nur am Rande, dafür umso eindrücklicher. Nicht nur in diesen Szenen wird deutlich, dass die Regisseurin ein Gespür dafür zu haben scheint, mit wenigen Worten viel zu sagen.
Das Verhältnis zwischen Jara und Arie bleibt bis zum Ende des Films skurril. Jara wirft dem vom Leben gelangweilten Mann vor, es ihr nicht zu danken, dass sie für ihn ihr bisheriges Leben völlig umgekrempelt habe. Die Art, wie Arie die junge Frau behandelt und sie dennoch stets zu ihm zurückkehrt, muss auf den Zuschauer befremdend wirken, doch die Affäre steuert schnurstracks auf die Auflösung der Konfusion hin. Diese kommt letztlich wenig überraschend, spielt jedoch geschickt mit dem vielfach erprobten Gedankenspiel, was geschehen wäre, wenn Entscheidungen aus längst vergangenen Zeiten anders getroffen worden wären.
Für die Protagonisten hat die Auflösung die Wirkung einer Befreiung, freilich mit ganz unterschiedlichen emotionalen Konsequenzen. Für den Kinogänger ergibt sich die Möglichkeit, ganz am Schluss doch noch eine Bindung zu Jara aufzubauen, selbst wenn diese ihm bis dahin fremd geblieben sein sollte.