Der umstrittenste Regisseur unserer Zeit, Dr. Uwe Boll, drehte seinen bisher besten und unterhaltsamsten Film Postal back-to-back zu dessen bösen Bruder, welcher auf den simplen Namen Seed hört. Dieser Film ist keine politisch unkorrekte Komödie, sondern ein fieser, kleiner, dreckiger und gerade deswegen sehr effizienter Horror-Schocker. Inszenatorisch gibt es zwar ein paar Kritikpunkte, doch muss man dem Film zugutehalten, dass er seine Aussage unmissverständlich an den Mann (oder die Frau) bringt, weswegen dieser Film beileibe kein Vergnügen darstellt... und somit sein Ziel erreicht.
Dr. Uwe Boll (Postal, Alone in the Dark, 1968 Tunnel Rats) - ein Name, welcher aus der Filmlandschaft eigentlich nicht mehr wegzudenken ist. Egal ob man den Mann mag oder nicht, es kann niemand behaupten, dass dieser Regisseur nicht weiß, wie man auf sich aufmerksam macht. Ob mit Boxkämpfen gegen Filmkritiker oder provokanten Internet-Auftritten: Seine Eskapaden und Interviews sind durchs Band sehr unterhaltsam, und wer so viel einstecken muss, darf sicherlich auch austeilen. Auf filmischer Seite blieb ihm dieser Erfolg auf der Unterhaltungsebene jedoch bisher meist verwehrt, und das obwohl in seinen Werken immer wieder merkliche Fortschritte zu erkennen sind. Zumindest konnte er mit seiner Anarcho-Komödie Postal bei einem großen Teil der Filmfans punkten, weswegen die Erwartungen an den bösen Bruder (O-Ton Uwe Boll) dieses politisch unkorrekten Werkes ungleich höher waren.
Der Film spielt in den 70er Jahren in den USA. Max Seed (Will Sanderson - Alone in the Dark, Bloodrayne) ist ein gesuchter Serienkiller, welcher über einen Zeitraum von sechs Jahren für 666 Opfer verantwortlich ist. Detective Matt Bishop (Michael Paré - Bloodrayne, Far Cry) ist Seed jedoch dicht auf den Fersen, und tatsächlich gelingt ihm - unter Hinnahme erheblicher Verluste seitens der Polizei - die Festnahme. Nachdem der elektrische Stuhl aber nach zwei Versuchen das erwünschte Ergebnis noch immer nicht herbeiführen konnte, und die Polizei aufgrund eines (für den Film erfundenen) Gesetzes den Mörder nach einem dritten Fehlschlag wieder auf freien Fuß setzen müsste, erklärt man Seed dennoch für tot und begräbt ihn kurzerhand bei lebendigem Leibe. Es kommt, wie es kommen muss und Seed befreit sich aus seiner misslichen Lage. Sein Ziel: Rache!...und zwar an allen Beteiligten und deren Angehörigen, allen voran natürlich Detective Matt Bishop.
Bereits in den ersten Minuten von Seed wird dem Zuschauer eines ganz klar gesagt: Die Welt, und vor Allem die menschliche Spezies, ist schlecht! Veranschaulicht wird dies mit von der PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) zur Verfügung gestellten Aufnahmen von authentischen Tierquälereien. An diesen ergötzt sich die Hauptfigur Max Seed während des Vorspanns, und bereits in diesem Moment fällt einem das Zusehen alles Andere als einfach. Gleich im Anschluss folgt eine Albtraumszene, welche ebenfalls mit einem Schock endet, und man ist sich sicher: Spaß soll dieser Film nicht machen! Auch im weiteren Verlauf gibt es immer wieder drastische Sequenzen, wie zum Beispiel eine vierminütige Szene ohne Schnitt, in welcher Seed ein weiteres Opfer bis zu dessen Tode mit einem Hammer malträtiert. Zwar macht diese spezielle Szene den Eindruck, sie würde nicht in die eigentliche Handlung passen, doch kann man genau diesen Umstand als Kritik an der Gleichgültigkeit mit welcher heutzutage solche Greueltaten teilweise zu Unterhaltungszwecken ausgeschlachtet werden verstehen. Je weiter die Geschichte vorangeht, umso mehr erkennt man auch die zweite Aussage, denn abgesehen davon, dass die Welt schlecht ist, wird immer deutlicher, dass das Gute verliert, ja im Grunde sogar verlieren muss.
Will Sanderson lässt vor allem seine Körpersprache sprechen: mit der nötigen Imposanz meuchelt er sich durch den oftmals minimalistisch ausgeleuchteten Film, wobei er immer wieder wie ein einfacher, neugieriger Junge wirkt, dessen Faszination der Tod ist. Ein klareres Motiv wird nie wirklich erkennbar, und genau dieser Umstand verleiht der Figur Max Seed etwas Unheimliches und Furchteinflößendes. Michael Paré trägt als typisch gezeichneter Detective (= immer mies gelaunt und alkoholabhängig) seinen Teil zur Effizienz des Filmes bei, und man spürt förmlich, wie er selbst zwischen Wut und Wahnsinn hin und her pendelt. Natürlich darf bei einem Film von Uwe Boll auch Ralph Moeller nicht fehlen, und somit darf auch er eine der vielen weiteren, kleinen Rollen bekleiden, bis auch für seine Figur der Zeitpunkt gekommen ist, das Zeitliche zu segnen. Nein, hier werden keine Gefangenen gemacht, und alles Schlechte sorgt für das Verschwinden von allem Guten.
Wie später in 1968 Tunnel Rats, ließ Uwe Boll auch schon in Seed die Dunkelheit immer wieder das Zepter übernehmen. Während Polizisten Max Seeds Haus durchsuchen, sieht der Zuschauer lediglich einen schwachen Lichtkreis einer Taschenlampe. Dazu das völlige Fehlen einer musikalischen Untermalung, was für eine sehr beklemmende Atmosphäre sorgt. Hin und wieder werden solche Stilmittel jedoch zu sehr ausgereizt, was für überflüssige Längen im Erzählfluss sorgt. Auf diese Weise läuft der Film das eine oder andere mal Gefahr, den Zuschauer aus dem ungemütlichen Geschehen zu werfen, bekommt aber glücklicherweise immer wieder die Kurve und bleibt seiner Linie dabei dennoch treu. Die Kameraführung ist außerdem sehr direkt, führt den Zuschauer mitten ins Geschehen und verfällt trotzdem nie in ein übermäßiges Schnitt-Stakkato, wovon man bei vielen anderen Horrorfilmen nur träumen kann. Allerdings sind in Kampfszenen häufig suboptimale Schnitte zu beklagen, welche die nötige Dynamik dieser Sequenzen immer wieder mal zunichtemacht. Das ist schade, fällt aber im Gesamtbild nur marginal ins Gewicht.
Seed ist kein Film, den man sich mal eben mit ein paar Freunden in einer lustigen Runde ansieht... außer, man will die Runde beenden. Vielmehr handelt es sich um ein schonungsloses Werk voller negativer Energie, welche sich in der Form eines sehr kranken Menschen auf dem Bildschirm entlädt. Mehr braucht der Regisseur und Drehbuchautor nicht als Handlung: Keine tiefschürfenden Dialoge und keine verirrten Teenies, vielmehr gibt es zum Abschluss nochmals einen eindrücklichen Schlag in die Magengrube. Seed ist weder unterhaltsam noch subtil, sondern nihilistisch und bezüglich seiner Aussagen leider nicht so weit von der Realität entfernt, wie man sich das wünscht. Jeder noch so unscheinbare Mensch könnte ein Monster sein, und was uns die Nachrichten in den letzten Jahren immer wieder bestätigen, wird uns hier knallhart vor Augen geführt. Genau aus diesen Gründen werden die meisten nicht besonders viel mit diesem weiteren Werk von Dr. Uwe Boll anfangen können, doch alleine aufgrund seiner Wirkungskraft ist er eindeutig im oberen Mittelfeld des Genres anzusiedeln, denn wer nach diesem Film gleichgültig und problemlos einschlafen kann, der sollte sich dringend ein paar Gedanken über seine eigene Person machen.
Dr. Uwe Boll mag mit Seed erneut kein Meisterwerk gelungen sein, doch wieder einmal hat er mit diesem Film bewiesen, dass er den Mut hat, die Dinge nicht nur beim Namen zu nennen, sondern auch explizit zu bebildern. For everything that arises shall perish...