Ein traumatisierter französischer Intellektueller reist immer weiter Richtung Osten bis ins zentralasiatische Kazachstan, wo er am heiligen Berg Khan Tengri sterben will. Unterwegs trifft er auf einen Wörter verkaufenden Schamanen (David Bennent) und eine Nomadin namens Ulzhan, die ihn mit allen Mitteln retten will. Volker Schlöndorff verfilmt das Drehbuch von Jean-Claude Carrière als allegorische Reise ins Nichts: Ulzhan - Das vergessene Licht.
Irgendwo in den endlosen Weiten der kazachischen Öde gibt das Auto von Charles (Philippe Torreton) den Geist auf. Der Franzose zögert nicht, das Gefährt, das ihn bereits durch ganz Europa gebracht hat, stehen zu lassen, eine Tasche zu schultern und weiter an der kerzengeraden Fernstrasse entlang in Richtung Osten zu laufen. Am Rande der Ölfördergebiete verschenkt er in einem Motel Teile seiner Garderobe wie etwas Geld und wacht nach einer durchzechten Nacht ohne Pass wieder auf. Bei der Überquerung der Ölfelder wird er als vermeintlicher Spion verhaftet und in der Hauptstadt Astana verhört. Hilfeangebote lehnt er kategorisch ab und zieht weiter in Richtung chinesischer Grenze, wo er erneut auf den fliegenden Händler und Schamanen Shakuni (David Bennent) trifft, mit der er kurz zuvor das Nachtlager geteilt hat.
Einer Bäuerin kauft er das Pferd der Tochter Ulzhan (Ayanat Ksenbai) ab, die zwar Französisch-Lehrerin ist, aber noch immer das Nomadenblut in ihren Adern spürt. Ulzhan kann nicht verstehen, warum Charles alles hinter sich läßt und scheinbar sinnlos umher irrt. Offensichtlich ist Charles doch hoch gebildet. Schliesslich sucht er nach einem bekannten Berg, auf den sich die Heiligen zum Sterben zurückziehen. Ulzhan bietet sich Charles als Begleitung an, doch der will nicht. Doch die junge Frau schliesst sich ihm trotzdem an. Erneut kreuzen sie den Weg des lebenslustigen Shakuni, der den Verkauf seltener Worte eingestellt hat und nun nach einer neuen Aufgabe sucht. Gemeinsam reisen sie auf den Berg zu, auf dem Charles beschlossen hat zu sterben. Doch sowohl Ulzhan als auch der Schamane hoffen, dass Charles seine Meinung noch einmal ändert...
Ende der Neunziger Jahre stürzte sich das Arthouse-Kino gierig auf Geschichten aus den exotischen zentralasiatischen Republiken wie Georgien, Kirgisistan, Kazachstan oder Usbekistan. Doch der Krieg in Afghanistan und Irak hat den Fokus der Kinogänger mittlerweile auf diese beiden Länder und deren martialische Themenfelder wie Kurdistan, Fanatismus oder Terrorismus verschoben. Statt Luna Papa, Der Flug der Biene oder Beschkempir erzählten mittlerweile Winterbottom (Road to Guantanamo, Ein mutiger Weg) oder Bahman Ghobadi (Schildkröten können fliegen).
Nun knüpft Volker Schlöndorff an die unterbrochene Tradition an und erzählt eine nachdenkliche wie allegorische Geschichte, die vor allem von der spektakulären Landschaft der weiten Steppen und zerklüfteten Gebirge der ehemaligen Sowjetrepublik profitiert. Bis an die kasachische Grenze nach China zum heiligen Berg Khan Tengri entführt Volker Schlöndorff seine Zuschauer, für die er sogar die Ruinen eines Atomtest-Geländes und die gewaltigen Ölfelder abfilmt. Schlöndorffs Erzählung ist das dürre Skelett einer Geschichte, die drei Figuren für kurze Zeit zusammenführt und den Weg als Ziel hat. Stoisch und unaufhaltsam drängt der traumatisierte Charles voran, um seine Trauer und sein Leben am Khan Tengri loszuwerden. Ihm steht nicht nur der sorglose und lebensfrohe Schamane gegenüber, dessen Weisheiten erst banal, doch bald grundlegend für das Verständnis des Werkes sind.
Das dramatische Dreieck wird von der jungen Ayanat Ksenbai in der Titelrolle vervollständigt. Ihre bedingungslose Zuneigung zu Charles und ihr Wille, ihn vor dem selbstgewählten Tode zu erretten, werden zur treibenden "Gegen"kraft zum Motiv der Reise und sorgt so für Spannung. Sie bilden ein Triumphirat des Guten Willens, die bie bedingungslos den Strapazen entgegengehen, um das Leben eines lieb gewonnenen Menschen nicht nur zu retten, sondern auch wieder lebenswert zu machen. Nur wenig erfährt man aus der Vergangenheit der Figuren und doch vielmehr als man dies für einen Film erwarten würde, der mit meditativen Bildern auf sich aufmerksam machen möchte. Im Allgemeinen sind üppige Landschaftsaufnahmen nicht notwendigerweise mit Meditation gleichzusetzen, aber Schlöndorff subsumiert die gewaltige Szenerie dankbar zu den Stilmitteln der Nachdenklichkeit. Dabei wirkt seine hintersinnige Konstruktion ganz deutsch, intellektuell und straff organisiert: So gibt es zwar Momente des Schweigens und der Stille, die er immer wieder vor Umblicke nutzt, und auch schöbne Einstellungen ihrer Reisen. Aber man hat immer das Gefühl, dass diese Pausen erzwungen sind, denn sobald die Gespräche wieder in Gang kommen, fliesst massive und alles erklärende Hintergrundsinformation. Bisweilen mag man das Werk statt meditativ bezeichnen, sondern beinahe als geschwätzig oder zumindest als erklärungswillig.
Anders als die vielen Exponate vorderasiatischer Filmkunst inszeniert Schlöndorff nach Plan, kühl und die Zuschauer streng bei der Hand nehmend. Der Kraft der eigenen Bilder traut er nicht und duldet keinen Zweifel an der Stoßrichtung seiner Agumentation. Er vermeidet die lebendigen Uneindeutigkeiten seiner lokalen Kollegen und verzichtet so auf die Faszination, die von den Werken des dortigen Kinos ausgeht. Schlöndorffs Ulzhan - Das vergessene Licht ist eine schnörkellose, portionsgerechte Inszenierung, die allenfalls mit den lokalen Gegebenheiten und Stilmitteln kokettiert, aber schliesslich die Konstruktion über die Erzählung setzt. So wirkt das offene Ende, das Hoffnung bis zuletzt ausdrückt, nicht als anregender Ausgang für die Reflexion der Zuschauer sondern eher wie dramaturgischer Kniff, der ins Konzept passt Schlöndorff kann eben nicht aus seiner Haut. Seine scharfe Analyse reduziert fernöstliche Meditation auf eine sekundengenaue Atempause und die liebevolle Huldigung des Lebens zur strammen Parade archaischer Rituale und hoffentlich exotischer Anreize. In seinem Diskurs wird auch die kleinste Logikschleife mit hartnäckigem Seziereifer auseinander genommen und mit Motiven der lokalen Filmsprache durchsetzt. Entsprechend entwickeln sich die Figuren nur wenig, tauschen lieber Argumente denn echte Geühle aus. Sie bleiben lieber ihrer Funktion im Dramaturgie-Dreieck.
Natürlich ist auch Schlöndorffs Strategie des kühlen Austauschs von Argumenten interessant und spannend. Allerdings besitzt dieses Vorgehen nicht dieselbe Ausdruckskraft wie die allegorische Beschreibung emotionaler Entwicklungen und Zustände. Diese Diskrepanz zwischen systematischer Konstruktion und organischer Entwicklung verhindert, dass das angestimmte Hohelied auf das fragile Leben wirklich tief bewegt. Dafür beschert das französische Drehbuch von Jean-Claude Carrière den Zuschauern ein Wiedersehen mit Philippe Torreton, der zuletzt in der Comic-Verfilmung Sky Fighters (nach Mick Tanguy) zu sehen waren und bereits 1995 den französischen Filmpreis César für seine Hauptrolle in Hauptmann Conan und die Wölfe des Krieges erhalten hatte. Darüberhinaus gibt es ein Wiedersehen mit Blechtrommel-Star David Bennent als weiser Schamane Shakuni, weshalb das Werk an sich schon ein Muß ist. Bennent, einst fleißiger Peter Brook-Jünger im legendären Theater Bouffe Du Nord, hat erst vor ein paar Jahren wieder Frieden mit der Kamera geschlossen und man darf hoffen, dass er als "gestandener" Schauspieler nun wieder öfters vor sein Können in internationalen Werken zeigt.