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Zwei britische Killer werden nach einem Hit nach Brügge verfrachtet, wo sie als Touristen für einige Zeit untertauchen sollen. Während der Jüngere (Colin Farell) entsetzt über das dröge belgische Versteck ist, klappert der Ältere (Brendan Gleeson) mit Enthusiasmus alle Sehenswürdigkeiten ab. Doch ihr Boss (Ralph Fiennes) hat sie nicht umsonst in die "beschissene" belgische Provinz geschickt. Martin McDonagh überrascht mit einer heftigen Killerthriller-Komödie über Ganovenehre, Ignoranz, Schuld und Sühne sowie dem Verhältnis von Briten und Belgiern.
1998 überraschte Madonnas späterer Ehemann Guy Ritchie mit der Ganoven-Ballade Bube, Dame, König, grAS und ließ ihr zwei Jahre später noch Snatch - Schweine und Diamanten folgen. Beide Werke definierten durch ihre Mischung aus ätzendem Brit-Humor, explosiver Gewalt und ironischer Nutzung von Genremechanismen eine neue Form der Krimikomödie.
Zehn Jahre später ist es etwas ruhig um diese bisweilen deftige Unterhaltungsform geworden. Nun knüpft Martin McDonagh mit der ironischen Killerkomödie Brügge sehen... und sterben? an die eingeschlafene Brit-Tradition an und überrascht mit hanebüchenen Dialogen und heftigen Gewaltausbrüchen. Dabei verzichtet er auf Ritchies tableauartige Erzählform und erzählt lieber schnörkellos vom Aufenthalt zweier britischer Killer im belgischen Brügge.
Vor allem der jüngere, einfach gestrickte Ray (Colin Farrell) ist darüber entsetzt, dass ihr Versteck nach einem Hit nicht irgendein verlassenes Haus mit Matratzen und Alkohol ist sondern eine zierliche Pension im Herzen der belgischen Provinzstadt. Unter der Fürsorge der hochschwangeren Marie (Thekla Reuten) sollen die beiden nach Ansicht ihres Bosses Harry (Ralph Fiennes) die spätherbstliche, märchenhafte Atmosphäre in der mittelalterlichen Stadt genießen. Der gestandene Ken (Brendan Gleeson) ist über die Abwechslung hocherfreut und macht sich mit Feuereifer ans Abklappern der touristischen Attraktionen. Sein einziger Wermutstropfen ist Rays ignorante und missmutige Attitüde und die Erinnerung, dass beim letzten Hit nicht alles nach Plan lief. Seine Vermutung, dass sie nicht grundlos ins verhasste Belgien geschickt wurden, bestätigt sich bald, wenn auch nicht so wie erwartet: Harry befiehlt Ken, den jungen Ray zu entsorgen...
Brügge sehen... und sterben? rauscht als vollausgestattete Mixtur aus Actionkomödie und Killerthriller in die Kinos - ironische Brachialphilosophien, herrliche Shoot-Outs, absurde Konfrontationen und die maximal mögliche Anzahl von Flüchen inbegriffen. Martin McDonagh hat sich nicht nur eine sehenswerte Geschichte ausgedacht. Sein Panoptikum an schrägen Figuren und seinen noch schrägeren Dialogen sorgen für ein lustvolles Kontrastprogramm zur eruptiven Gewalt, der er genauso inbrünstig frönt wie der Verballhornung zahlloser Vorurteile und Klischees.
Allein die Nebenhandlung, in der sich Ray in die Kleindealerin Chloë (Clémence Poésy) an einem Filmset verliebt und den kleinwüchsigen Star des Streifens (Mark Donovan) kennenlernt, ist Stoff für einen eigenen Film. Mit geradezu unübersetzbaren Dialogen stürzt sich McDonagh in die simplifizierte Gedankenwelt eines Ganoven, der todessehnsüchtig Leben, Liebe und Denken für sich entdeckt.
Wie Laurel und Hardy stehen Ken und Ray als Schiessbudenfiguren da. Dank ihres kriminellen Jobs stehen sie außerhalb der Gesellschaft und erhalten urplötzlich in Brügge die Möglichkeit in eine "beschissen märchenhafte" Bürgerlichkeit einzutauchen. Das klappt natürlich nicht wirklich und ist fortwährend Grund zum Amüsement. Ken tut das einzig Richtige, wenn er als Tourist das normale Leben bestaunt. Ray hingegen, der sich zuerst querstellt und die Welt des Verbrechens mit seinen Mechanismen verteidigt, öffnet sein Herz und verliert prompt die Kälte des Verbrechers, als er die Wärme eines konventionellen Lebens entdeckt. Dumm nur, dass ihm das intellektuelle Format fehlt, um dieser Welt mit adequaten Umgangsformen zu begegnen.
Der dritte im Bunde ist natürlich Harry, der das Versteckspiel hinter einer gutbürgerlichen Maske so perfektioniert hat, dass man fast von Schizophrenie sprechen kann. Da gibt er zuhause den distingierten Familienvater und lässt im Business zornbebend der kalten Wut in Gewalt und Flüchen freien Lauf. Ihnen steht vor allem die schwangere Wirtin Marie gegenüber, die als Stimme der Vernunft nie bis in die Welt des Mordens eindringen kann. Gleichzeitig erfährt sie von all jenen, die Mitglied dieser blutigen Welt sind, einen respektvollen Schutz, der anzeigt, dass die Sehnsucht nach Konvention und Normalität selbst im fiesesten der Gauner steckt.
Treibende Kraft und Prunkstück der Komödie sind die wahnwitzigen Dialoge, die vor allem von dem farbenfrohen Wort "beschissen" (engl. natürlich "fucking") durchtränkt sind. Allein Ralph Fiennes patzige Frage angesichts einer Utzi, ob er denn ein "beschissener Nigger in einem beschissenen Van bei einem beschissenen Drive-by-Shooting im beschissenen Los Fucking Angeles sei" ist das Eintrittsgeld wert. Trotz inflationärer Nutzung zeigen die Flüche keinerlei Verschleißerscheinungen und bleiben bis zum bitteren Ende als Teil der Ganovensprache fortwährend unterhaltsam.
Das Gleiche gilt für die erstaunlich offene Zurschaustellung von Ignoranz und Vorurteilen. Sobald sich einer der Protagonisten in die Kriminellenwelt begibt, färbt sich sein Ton rassistisch und unflätig. So sind zum Beispiel Rays peinliche Versuche aus seiner proletigen Rolle in ein normales Gespräch zu kommen, immer wieder von heftigen verbalen wie physischen Ausrutschern begleitet. Gerade Kleinwüchsige, Belgier, und Amerikaner müssen hier einiges aushalten. Virtuos provoziert und ironisiert der Filmemacher hier mit Wort und Tat.
Auch wenn Brügge sehen... und sterben? eher als klein budgetierter Film firmiert, so ist er dank exzellenter Darsteller und beinharter Dialoge eine hervorragende Erwachsenenunterhaltung, eine perfekte Mischung aus Thriller, Action, subversivem Brit-Humor und romantischer Ode ans konventionelle Leben. Ganz nebenbei ist es ein wunderbarer Werbeclip für einen Besuch in der belgischen Stadt Brügge, die prompt reagiert hat und eine Tour zu den Drehorten anbietet. In Brügge ist es schließlich "beschissen märchenhaft schön"... |