Unterwegs im weiten Sibirien, ein Riesenproblem mit Verfolgern, und der Mann ist auch noch weg: Fantastisches Ausgangsmaterial für einen Filmklassiker. Eisenbahnliebhaber werden mit diesem Film auf ihre Kosten kommen. Die solide Besetzung und die konsequente Umsetzung sorgen für ein abgerundetes Filmerlebnis, doch kommt der Thriller nicht über gutes TV-Niveau hinaus.
Das Ehepaar Jessie und Roy hat einer kirchlichen Organisation bei einer humanitären Mission in Peking geholfen und macht sich nun wieder auf den Weg zurück nach Amerika. Da Roy ein Eisenbahnfan ist, haben die beiden auf sein Drängen ein Ticket für die Transsibirische Eisenbahn gelöst. Also werden sie die nächste Woche auf Schienen nach Moskau verbringen, von wo aus sie nach Hause fliegen wollen.
Zunächst ist alles wildromantisch und verspricht, eine unvergessliche Fahrt zu werden. Als der Zug China verlassen hat, treffen Passagiere aus der zweiten transsibirischen Strecke Moskau-Vladivostock ein. Zu Jessie und Roy gesellen sich Carlos und seine deutlich jüngere amerikanische Freundin Abby. Der Spanier transportiert eine Reihe von Matrjoschka-Puppen, von denen Abby jedoch nichts wissen soll - vielleicht eine Überraschung? Was zunächst nur als Seltsamkeit eines anderen Paares anmutet, stellt sich bald als Dreh- und Angelpunkt einer lebensgefährlichen Situation heraus. Als Roy verschwindet und Carlos sich plötzlich an Jessie heranmacht, eskaliert die Situation. Doch zum Glück gibt es den Polizisten Grinko, der ebenfalls gerade auf der Transsib unterwegs ist.
Transsiberian ist ein grundsätzlich spannender Thriller, der in der exotischen Umgebung der transsibirischen Eisenbahn angesiedelt ist. Konflikt, Dramaturgie und Handlungsverlauf sind zwar von der Stange, aber gerade der Bahn- und Sibirienbezug geben dem Film das gewisse Etwas. Gerade für den amerikanischen Markt ist dies ein Plus, da auch dort lange Bahnfahrten etwas Exotisches darstellen. Das Thema Eisenbahn für sich ist natürlich bereits ein (Männer-)Faszinosum, auch andere Filmklassiker wie Mord im Orient Express, Der erste große Eisenbahnraub, Trans-Amerika-Express und zuletzt wohl The Darjeeling Limited nutzten bereits die einmalige Atmosphäre eines sich bewegenden Mikrokosmos.
Während mit Woody Harrelson und Sir Ben Kingsley zwei Weltstars zum Cast zählen, lassen ihre Figuren den diversen anderen Rollen meist den Vortritt. Emily Mortimer als Jessie muss den Konflikt praktisch alleine tragen, ihre Darstellung der friedfertigen Hobbyfotografin, die sich in einer völlig fremden, lebensgefährlichen Situation wiederfindet, ist fundiert und gelungen. Kino-Newcomerin (und bekanntes TV-Gesicht) Kate Mara, die Carlos' Freundin Abby spielt, macht ihre Sache als düstere Ausbrecherin mit jugendlichen Lebensträumen sehr gut, und Eduardo Noriega, ebendieser Carlos, überzeugt mit spanischer Lebensfreude.
Das Problem von Transsiberian ist, dass er nie über das Niveau eines sehr soliden TV-Krimis hinauskommt. Jegliche Situation meint man schon mal irgendwo gesehen zu haben, und meistens kann der Zuschauer zwei, drei Schritte richtig in die Zukunft denken. Das ist zwar im ersten Moment befriedigend, steigert aber nicht die Qualität des Films.
Der Kinobesuch empfiehlt sich für den kleinen Krimi-Abend, wenn ausnahmsweise mal nicht die ganze Welt gerettet werden muss und man mal eine kleinere, relativ unabhängige und exotischere Produktion ansehen will, als immer nur die ganz großen Stars mit ganz großen Problemen.