Fünfmal war Deutschlands frischester quietschfideler Mädchenschwarm Jimi Blue Ochsenknecht seit 2003 mit Die wilden Kerle in den Kinos. Nun schickt ihn Regisseur Mike Marzuk (Weißt was geil wär...?!) alleine auf eine Nordseeinsel und lässt ihn auf einen Mikrokosmos egozentrischer Inselbewohner stoßen. Einziger Lichtblick für Tim: die fesche Vic, die nur leider mit dem Schulproleten zusammen ist. Klingt nach Bravo-Foto-Love-Story? Fühlt sich auch so an!
Die Macher von Sommer werden sich was dabei gedacht haben. Starttermin: 17. April, mitten im Frühling also. Spät genug, um den (einmal mehr gar nicht mal so) frostigen Winter vergessen zu haben, aber früh genug, um die Menschen mit der Sehnsucht nach dem Sommer, nach Sonne, Strand und Meer packen zu können. Psychologie ist eben alles, auch im Kino.
Es heißt Abschied nehmen von Berlin für den 15-jährigen Tim (Jimi Blue Ochsenknecht). Weil sein Vater (wie passend: Uwe Ochsenknecht) als Pilot ins viel zu gefährliche Somalia muss, wird der Sohnemann auf eine namenlose Nordseeinsel zur Oma geschickt. Dort angekommen gerät Tim sofort mit Lars (Jannis Niewöhner) aneinander. Der ist nicht nur Anführer der lokalen Surferclique und der coolste Kerl unter den Jugendlichen der Insel, sondern auch der langjährige Freund von Strandschönheit Vic (Sonja Gerhardt). Ausgerechnet in die fesche Blondine verliebt sich Tim sofort, als er ihr bei der Jobsuche auf einem Reiterhof begegnet. Tatsächlich scheint Vic die einzige unter den angesagten Jugendlichen zu sein, die den Neuankömmling zu akzeptieren bereit ist, die ihn ganz nett findet. Oder ist da etwa sogar mehr als Sympathie?
Erste Liebe, erster Sex, das ganze hinter der Kulisse von Sommer, Strand und Meer - das sind die Themen dieser romantischen Teenie-Komödie von Mike Marzuk, die aber nur in den wenigsten Fällen Charme versprühen kann. Dann nämlich, wenn sich Vic und ihre beste Freundin mit leuchtenden Augen und spürbarer Nervosität über das bevorstehende erste Mal unterhalten. Ansonsten ist es vor allem erstaunlich, wie es Marzuk und seinem Team gelungen ist, derart viele Abziehbilder in einen einzigen Film zu packen. Nahezu jede Figur in Sommer ist eine Karikatur. Das fängt bei dem übermotivierten Hilfssheriff und seinem großväterlich gutmütigen Chef an und setzt sich bei der bissigen Mutter und dem lethargischen Vater von Vic fort. Sie ist die verständnislose Schulleiterin, er der versoffene Versager, der ein Bauprojekt in den Sand gesetzt hat. Das geht bei Eric weiter, dem übergewichtigen Außenseiter, der T-Shirts mit Aufschriften wie "Master of Desaster" und "Shoot me" trägt, mit dem Fernglas Mädchen begafft und der neue beste Freund von Tim sein möchte. Und es findet seinen Höhepunkt bei Lars, dem Prototypen eines snobistischen Arroganzbolzen mit halbstarken Kumpanen, dem Empathie völlig abgeht und der eine diebische Freude daran hat, Außenseiter zu "dissen".
Die Eindimensionalität der Figuren ist nicht das einzige Problem des Films. Ein weiteres Manko ist seine Schwarz-Weiß-Malerei. Tim wirkt mit seiner dunklen Lederjacke stets wie ein Fremdkörper in der bunten Inselwelt. Sein "Nichtdazugehören" wird dem Kinogänger unentwegt holzhammerartig und mit unerträglicher Penetranz vor Augen geführt. Und als sei dies das Normalste der Welt, spielt Jimi Blue Ochsenknecht seinen Tim mit einer seltsamen Gleichgültigkeit und ohne glaubhafte Anzeichen einer Empörung gegen die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die ihm entgegengebracht wird.
Sommer nähert sich letztlich dem Niveau einer Foto-Love-Story aus der Bravo an, die in dem Film bezeichnenderweise Hauptlektüre einiger Protagonisten ist. Der Bravo-Generation, wenn es sie heute überhaupt noch gibt, mag das gefallen. Für Menschen über 16 ist der Film eigentlich nicht ernst zu nehmen.