Wieder einmal erleuchtet eine Perle des Horror-Genres den cineastischen Horizont: Inside ist ein nahezu perfekter und extrem blutiger Horror-Thriller! Zwar wird keine komplexe Geschichte erzählt, doch die Zuschauer werden bei diesem knallharten Kammerspiel in ein albtraumhaftes Blutbad gerissen, welches Seinesgleichen sucht. Somit liegt es nach High Tension wieder einmal an einem Film aus Frankreich der abgehärteten Saw-, Hostel- und The Hills Have Eyes-Fangemeinde zu zeigen, was wirklich harte und kaum erträgliche Filme sind.
Man kann Horrorfilme aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Dies hängt grundsätzlich bei jedem von seinen eigenen Präferenzen ab, und dementsprechend unterschiedlich sind dann die Meinungen zu einem speziellen Film. So war es vor ein paar Jahren bei High Tension (für die einen ein geniales Werk ohne Wenn und Aber - für die anderen ein inhaltliches Flickwerk ohne Sinn und Verstand), und so wird es auch jetzt, im Falle von Inside, wieder sein. Doch eines nach dem anderen...
Die hochschwangere Sarah hat vor vier Monaten bei einem Autounfall ihren Mann verloren und wartet nun am Weihnachtsabend darauf, dass die Nacht schnell vorüber geht. Am Morgen soll sie abgeholt werden, damit im Krankenhaus die Entbindung eingeleitet werden kann. Da sie gerade zu dieser besinnlichen Zeit keine Lust auf Gesellschaft hat, sitzt sie alleine zu Hause... bis plötzlich eine vollkommen fremde Frau an die Türe klopft und ins Haus hinein will. Die danach folgende dreiviertel Stunde, wird wohl bei vielen Zuschauern für erhebliches Unbehagen sorgen!
Da Inside sehr oft in einem Atemzug mit High Tension genannt wird, werden sich die Hasser des Letzteren vielleicht von einem Kinobesuch abhalten lassen. Dies wäre aber sehr unangebracht, denn auch wenn beides Horrorfilme sind, so sind sie doch sehr unterschiedlich. Die Gemeinsamkeiten sind demnach auch nicht gerade zahlreich: sie stammen aus Frankreich, sie gehören dem gleichen Genre an, sie beinhalten starke Frauen und sie sind äußerst graphisch, blutig und benutzen ihre jeweiligen Geräuschkulissen auf sehr eindrückliche Weise - wobei Inside in diesen letzten Punkten die Messlatte nochmals um ein paar Stufen höher setzt. Das wäre es dann aber auch schon, denn ansonsten haben beide Werke herzlich wenig miteinander zu tun.
Was Inside ausmacht, ist eine von Anfang an vorhandene und stark spürbare Ausweglosigkeit. Zwar erkennt man bald, was "La femme" will, doch man weiß nicht warum gerade Sarah als Zielperson ausgesucht wurde. Genau diese Ungewissheit macht es dem Zuschauer sehr einfach, sich selbst in diese Situation hinein zu versetzen und so wird es mit jeder Minute immer unerträglicher zu erleben, wie der Film unbeirrt auf ein bestimmtes Ereignis zusteuert. Manche mögen dem Film puren Selbstzweck vorwerfen, doch kaum ein anderer Film hat es bisher geschafft sein Publikum dermaßen zu schockieren, ohne einen gewissen Unterhaltungswert vermissen zu lassen. Es geht hier um Angst, Spannung, Ekel und nicht zuletzt um Mitgefühl - und nicht um Tiefgang oder eine großartige Geschichte. So, wie jeder Mensch ein bestimmtes Gefühl immer wieder erleben möchte, so will jeder Horror-Geek auch immer wieder diese Angst und Anspannung verspüren, welche dazu führt, dass man erst nach Ende eines Filmes wieder den Mut zusammenbringt, alleine in den Keller zu gehen... und genau für diese Zielgruppe ist dies der richtige Film!
Maßgeblichen Anteil an diesem gelungenen Effekt haben aber nicht einmal die Gore-Szenen, sondern vielmehr die Benutzung der Geräusch-Effekte und das gekonnte Einsetzen des einfachsten Stilmittels des Genres: absoluter Stille. Aber nichts desto trotz sind die Gore-Effekte sehr gelungen, was man im Übrigen auch über die komplette Regiearbeit der beiden Berufsneulinge Alexandre Bustillo und Julien Maury sagen kann: Hier passt einfach fast alles und es kommt nicht von ungefähr, dass gerade diese beiden Herren auserkoren wurden, um das Remake eines gewissen Filmes mit dem Namen Hellraiser zu drehen... was wiederum an die Geschichte eines gewissen Alexandre Aja (High Tension) erinnert. Einzig im Schlussteil könnte man leichte Übertreibung vorwerfen, doch was wäre das Medium "Film", wenn gewisse Dinge darin nicht auf die Spitze getrieben würden?
Kommen wir nun noch auf die beiden Hauptdarstellerinnen zu sprechen: Béatrice Dalle (Wolfzeit) als "La femme" und Alysson Paradis (The Last Day) - welche übrigens keine Geringere ist, als die Schwester der Sängerin Vanessa Paradis - als Sarah. Beide liefern hier eine unglaublich intensive Leistung ab und überzeugen auf der ganzen Linie! Alysson Paradis mimt glaubhaft die leicht verletzbare und doch nicht aus Zucker gebaute, werdende Mutter, weswegen man als Zuschauer in jeder Sekunde mitfiebert und mitfühlt. Béatrice Dalle schafft es ihrerseits sogar alleine durch ihr lautloses Auftreten, die Ängste des Publikums zu schüren. Man könnte sogar behaupten, dass Michael Myers, Freddy Krüger und Jason Vorhees in "La femme" ihren weiblichen Meister gefunden haben. Kurz gesagt sind die Leistungen beider ganz einfach ein Hochgenuss für jeden Filmfan! Der restliche Cast ist - abgesehen von der Tatsache, dass das Spiel der Hauptdarstellerinnen alle Aufmerksamkeit auf sich zieht - drehbuchbedingt zu wenig aktiv um gerecht beurteilt werden zu können.
Eine funkelnde Perle, ein wahres Juwel und - wenn auch nur knapp - nach High Tension das neue Maß aller Dinge im Horror-Genre: das ist Inside! Die Zielgruppe wird ihren speziell definierten Spaß daran haben und die Oppositionen werden sich aufgrund der Tabu-Brüche angeekelt abwenden... doch nur was polarisiert, kann auch wirklich gut sein. Der Worte nun genug; das Lob gebührt allen Beteiligten und wir sagen: Merci beaucoup!