Mit gigantischem Aufwand wird der teuerste Kriegsfilm aller Zeiten nach dem Bestseller eines Kriegsveteranen in den thailändischen Dschungel-"Sand" gesetzt. Rettung verspricht die Idee, die Hauptdarsteller quasi im Dogma 95-Stil mit versteckten Kameras zu filmen. Doch die selbstgefälligen Stars ahnen nicht, dass sie im Urwald bald auf die geballte Realität echter Drogenhersteller treffen. Mit einem wahnwitzigen Aufwand parodiert Ben Stiller nicht nur Filme wie Apocalypse Now und Platoon. In dieser fiesen Groteske muss gleich die gesamte Filmindustrie (und ihre Eitelkeiten) dran glauben. Neben Stiller, Jack Black, Robert Downey jr., Nick Nolte und Matthew McConaughey brilliert Tom Cruise! Ja, der Tom Cruise!
Längst haben seine Komödienerfolge Ben Stiller in die komfortable Lage versetzt, bei seinen Projekten schalten und walten zu können, wie er will. Angesichts des Budgets seines neuesten Filmes Tropic Thunder von über $70 Mio. kann man diese Unabhängigkeit gar nicht hoch genug ansetzen. Das Drehbuch von Etan Cohen und Justin Theroux verträgt allerdings auch erheblichen Aufwand, um den Kontrast zwischen Film im Film, Filmrealität und überschäumender Satire herauszustreichen. Aufwand und Hingabe, mit der Stiller die Geschichte umsetzt, verraten auch, dass die filmischen Vorbilder, vor allem Francis Ford Coppolas manischer Anti-Kriegsfilm von 1979, zu den Lieblingsfilmen der Macher gehören. Mit großer Akribie und Liebe zu Details erzeugt Stiller Atmosphäre und Bilder ganz im Stil von Apocalypse Now. Das steigert sich im zweiten Tropic Thunder-Trailer sogar zu einer Hommage an George Hickenloopers Dokumentation zum Coppola-Film (Hearts of Darkness, 1991). Stillers Version, "Rains of Madness", verzichtet sogar fast ganz auf einen Hinweis auf Tropic Thunder, der damit beworben werden soll - ein echter Cineasten-Gag. Gleichzeitig imitiert er in den Actionsequenzen Michael Bays inhaltsleere Bombast-Actionorgien samt soundtechnischer Superdröhnung.
Tropic Thunder ist vordergründig eine typische "Film im Film"-Satire, die von den Dreharbeiten zum teuersten Kriegsfilm aller Zeiten handelt. Doch im Dschungel von Thailand herrscht unter der Regie des britischen Arthouse-Regisseurs Damien (Steve Coogan) längst das nackte Chaos. Die Bestseller-Verfilmung der Erinnerungen von Vietnam-Veteran Four Leaf Tayback (Nick Nolte) hat nach wenigen Tagen ebenso das Budget gesprengt wie der euphorische Special Effects-Mann Cody (Danny McBride) das Dschungel-Set. Während sich zuhause in Hollywood Tug Speedmans Agent (Matthew McConaughey) über die vertragswidrige Absenz eines DVD-Recorders in der Hotelsuite erregt und der allgewaltige Studioboss Les Grossman (Tom Cruise in voller Weinstein-Montur) nicht müde wird, mit psychotischen Beleidigungen alle zur Sau zu machen, ergeht sich das zusammengewürfelte Starensemble vor Ort in künstlerischen Differenzen: Action-Star Speedman (Ben Stiller), der drogensüchtige Klamauk-Komiker Jeff 'Fats' Portnoy (Jack Black), der obligatorische Rapper Alpa Chino (Brandon T. Jackson), das zurückhaltende Teenidol Kevin (Jay Baruchel) und der egozentrische Oscar-Preisträger Kirk Lazarus (Robert Downey Jr.). Letzterer hat sich als Method-Actor schwarze Hautpigmente einpflanzen lassen, um einen Afroamerikaner darzustellen. Um den Abbruch der Dreharbeiten zu verhindern und die Stars zur Höchstleistung zu treiben, verfallen Autor Slolom und Regisseur Damien auf eine Guerilla-Taktik beim Dreh. Mitten im Dschungel ausgesetzt, sollen sich die Schauspieler wie ein echtes Platoon durch die Wildnis schlagen, permanent gefilmt von versteckten Kameras und überraschenden Effekten. Damit soll ihre darstellerische Konzentration und der Realismus gefördert werden. Die Rechnung geht bestens auf - allerdings nicht ganz so, wie gedacht. Der Realismus beginnt damit, dass sich Damien buchstäblich selbst wegsprengt, als er auf eine alte französische Landmine tritt. Nun sind die Stars vom Rest des wartenden Teams abgeschnitten, glauben aber, dass alles zum Film gehört. Also marschieren sie ordnungsgemäß los - direkt in die Arme von wenig zimperlichen Drogenherstellern...
Nach Adam Sandlers garantiert nicht Familientauglicher Agentensatire Leg dich nicht mit Zohan an beschreiten auch Ben Stiller und seine Kumpels ebenfalls die "politisch nicht korrekten Pfade" einer deftigen Erwachsenenunterhaltung. Der vordergründigen Kriegsfilm-Satire stülpt Stiller allerdings eine noch viel deftigere Satire über das gesamte Filmgeschäft in Hollywood über. Das beginnt damit, dass die Charaktere mit Hilfe von Trailern ihrer bisherigen Werke eingeführt werden. Darin rettet zum Beispiel Tug Speedman mit Baby und Knarre bewaffnet in einer endlosen Actionfilmreihe die Welt vor der Erderwärmung, während Fats Portnoy eine ganze, fette und ständig furzende Familie in einer Professor Klumps-ähnlichen Klamauk-Reihe porträtiert. Die Vielfalt an Hintergründigkeiten und die Masse an schrägen Gags allein nötigt den Zuschauern einen zweiten Gang ins Kino ab, um weitere Details zu entdecken.
In Hollywood scheint die Zeit mal wieder reif für Satiren auf sich selbst zu sein: Robert De Niro laviert sich als ausgebrannter Produzent durch Inside Hollywood und William H. Macy berichtet in The Deal ebenfalls von einer absurden Filmproduktion. Doch noch nie, selbst bei Sonnenfelds Schnappt Shorty oder Altmans The Player lagen herzhaftes Lachen und tiefes Schlucken über das Geschehen so nah beieinander wie in Tropic Thunder. Phasenweise gebärdet sich Tropic Thunder sowohl auf der Hollywood-Ebene als auch auf der Kriegsfilm-Ebene als bitterböser Anschlag auf die kolportierte heile Welt des Kinos. Da vergeht öfter mal das Lachen, z. B. wenn Speedman Damiens abgerissenen Kopf ableckt, um zu demonstrieren, dass alles nur ein geiler Effekt ist. Hier ist der Studioboss hoch erfreut über den Verlust von Darstellern, weil er die Versicherungssumme kassieren kann. Andererseits kann man sich kringeln über Lazarus' übersteigerter Darstellung eines Afroamerikaners. Da zitiert er Martin Luther Kings "I have a Dream", spürt die Last von 400 Jahren Sklaverei auf seinen Schultern und wehrt sich gegen die "weiße" Wortwahl der anderen. Viele der Insiderwitze, wie 'Fats' Entdeckung eines Heroin-Berges, verweisen zurück in die Geschichte Hollywoods (zu John Belushi und die Kokaingeilen 80er Jahre) und entfalten nur für wenige Zuschauer ihr ganzes Potenzial. Stiller selbst gönnt sich die zweischneidige Seelenlage eines limitierten Actionhelden, dessen Ausflug ins Charakterfach einst zur Lachnummer des Kinojahres wurde. Dafür zitiert er Kollege Robin Williams im Tränendrüsigen Fancis Ford Coppola-Machwerk Jack (1996) und abstrahiert das Ganze zur typischen Behinderten-/ Krankheitsnummer für Mitleid-Oscars.
Als Regisseur versammelt Stiller für seine Inszenierung sowohl satirischen Klamauk, Parodien und Ekelhumor, die wie ein konstantes Blitzlichtgewitter über die Zuschauer hinwegdonnern. Die Komik der Unbedarftheit lebt von der realitätsfernen Ignoranz der Figuren als Schauspieler, was in Grenzen an Werke wie Drei Amigos erinnert. Auch Speedman und Kollegen müssen irgendwann aus ihrem Filmtraum ausbrechen und ihren echten Mann stehen. Aber Stiller lässt keinen Zweifel aufkommen, dass sie trotzdem so weitermachen wie bisher. Sie sind schließlich Profis, die Show muss weitergehen und Hollywood wäre kein Big Business, wenn man nicht aus allem Kapital schlagen könnte. Es ist schlicht unmöglich, alle Feinheiten und groben Gags auf Anhieb zu erfassen. Erstaunlich ist aber, mit welcher Macht man sich gegen die Limitiertheit der Familienunterhaltung stemmt. Stiller massakriert Pandas, wirft meuchelnde Kleinkinder durch die Gegend und stilisiert Rambo zum Weichei, wenn er die Folterszene wiederholen will. Eine der vorherrschenden Zuschauerreaktionen ist ein erschreckt-belustigtes "Das machen die jetzt nicht!", aber Stiller macht es eben doch. Das ist nicht immer sehr kommerziell und bequem, aber doch unglaublich konsequent und damit auf eine fast perverse Art sehenswert.