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Ein junger Medizinstudent verbringt sein praktisches Jahr in einer Klinik in den Favelas der kolumbianischen Großstadt Calis. Mit Vernunft und deutscher Weisheit glaubt er die Menschen aus dem Geflecht aus Armut, Drogen und brutaler Gewalt befreien zu können. Doch seine Moraltheorien halten der Realität nicht stand. Tom Schreiber erzählt einen intensiven Culture-Clash mit sensibler Hand und starkem Gespür für Spannung und Action. Dank seines starken Hauptdarstellers August Diehl kann er deutsche Nachdenklichkeit und Anleihen bei Ghetto-Dramen wie City of God zu einer faszinierenden Unterhaltung vermischen.
Der Weg in die Katastrophe ist einmal mehr mit guten Absichten gepflastert. Tom Schreiber lässt deutschen Idealismus auf die knallharte Realität südamerikanischer Armut und Gewalt prallen. Sein intensives wie nüchternes Drama Dr. Aléman versetzt die Zuschauer und seinen Protagonisten, den 26-jährigen Medizinstudent Marc (August Diehl) aus der bundesdeutschen Sicherheit, in die Notaufnahme einer Klinik am Rande der Favelas der kolumbianischen Großstadt Calis, dem Zentrum des Drogenhandels des Landes.
Marcs naive Sehnsucht nach einem Leben im Risiko erhält schnell einen Dämpfer, als er sein praktisches Jahr lieber im exotischen Südamerika durchzieht als in der heimatlichen Nähe zu seiner Familie in Frankfurt. Dort gibt es keine Zeit für Sentimentalitäten und Gefühle, weshalb Klinikleiter Dr. Mendez (Hernán Méndez) den Deutschen gleich am ersten Tag ins kalte Wasser schmeißt und ihn eine Kugel aus dem Körper eines Jugendlichen holen lässt. Diese trägt die Initialen des bekannten Killers "El Juez" (Victor Villegas), was Marc dazu bewegt, die Kugel als Halsband zu tragen.
Mit selbstgefälliger Unerschrockenheit wandert er morgens vom Haus der Gastfamilie am Fuße des Armenviertels vorbei zum Krankenhaus. Dabei lernt er die Kioskbesitzerin Wanda (Marleyda Soto) und die Straßenkinder in ihrer Obhut kennen. Die Rolle des beobachtenden Fremden muss Marc bald aufgeben, als einer seiner Patienten von El Juez im Krankenhaus erschossen wird und er dem Killer völlig verängstigt die Flucht ermöglicht. Es ist der letzte Schritt eines langsamen Prozesses des Hineingezogenwerdens, denn Marc hat sich aus Frust über das gewaltige Elend um ihn herum längst für die Einmischung entschieden. Doch kann zivilisierte, intellektuelle Vernunft über das drogenverseuchte Geflecht aus Armut, sozialem Unmut, Hoffnungslosigkeit und Gleichmut siegen?
Mit viel Mut zum Risiko inszeniert Regisseur Tom Schreiber einen intensiven Versuch über Theorie und Praxis. Wie bei seinem vorherigen Projekt geht es in Dr. Aléman um Weltverbesserungsmaßnahmen. Doch statt bundesdeutschen Befindlichkeiten stellt er den Zuschauern die Slums von Siloé in Calis vor, die so gar nichts mit der trauten Ruhe der hessischen Heimat gemein haben. Oliver Kleidels preisgekröntes Drehbuch, Schreibers virtuose Regie und vor allem August Diehls herausragende darstellerische Leistung ermöglichen ein gelungenes Werk, das seine Gratwanderung zwischen anspruchvoller Erörterung und unterhaltsamem Drama erfolgreich absolviert.
Immer wieder kokettieren die realistischen Aufnahmen des Alltagselends mit Elementen einer sozialkritischen Actionunterhaltung, wie man sie von City of God her kennt. Dabei gerät ersteres aber nicht zur Pose und letzteres nicht zur Masche. Schreiber vermeidet nämlich sinnlose Erklärungsversuche und folgt allenfalls der Sicht seines Protagonisten, der gerne helfen will und in seiner theoretischen moralischen Aufrichtigkeit plötzlich mit den Grenzen seiner praktischen Fähigkeiten konfrontiert wird. Marc korrumpiert seine Ohnmacht mit Ausschweifungen wie Drogen und Huren - wie jeder andere in dieser kolumbianischen Hölle auch. Nur dass ihn dies noch näher an die Mörder und Verbrecher heranrückt. Immer wieder kreiert Schröder Momente von nervenzereißender Bedrohung und macht so die Allgegenwart eines schnellen Todes spürbar. Jene spannenden Momente, wie Marcs erster Begegnung mit El Juez, der Überfall in einem Taxi oder der Aussprache im Hauptquartier des Killers, erlauben dem Filmemacher, trotz nachdenkenswerter Motivik und psychologischen Exkursionen eine Aura der Action-Unterhaltung zu pflegen, die aus Dr. Aléman ein sehenswertes Drama machen.
Anders als in US-Kommerzprodukten wird der Gewalt hier nicht gehuldigt. Sie wird als verrohtes Mittel der Kommunikation in einem barbarischen Krieg ums Überleben eingesetzt. Wenn Marc am Ende selbst zur Waffe greift, trägt dies keine heldenhafte Note. Vielmehr demonstriert dies ein letztes Mal seine naive Unschuld gegenüber der Realität von Siloé. Und wie im Krieg zerstört die Ausübung von Gewalt den letzten Rest seiner Menschlichkeit und besiegelt seinen Abstieg in die Barbarei. So hatte er sich das Abenteuer im Risiko nicht vorgestellt. |