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Magisch zieht der Rhythmus in den Bann. Welle um Welle umschlingen die Elektrobeats aus Dance, House und Techno, hüllen den Körper in eine Woge aus Glück. Die Tranceelemente dringen sanft ins Unterbewusstsein und versetzen den Geist allmählich in Rausch und Ekstase. Damit es schneller geht, die Stimmung länger anhält und sich das Gefühl bis ins Unendliche manifestieren und steigern kann, wird gerne nachgeholfen. DJ, und Komponist Martin, Künstlername Ickarus, ist beinahe ganz oben. Das nächste Albumrelease könnte ihn endgültig an die Spitze katapultieren. Seine Freundin und Managerin Mathilde sowie die Labelchefin Alice sehen das kritisch. Ickarus neigt zu exzessivem Drogenkonsum, der alles zu zerstören droht. Intensive Story aus dem Leben, mit hoher atmosphärischer Dichte und Einblicken in die Szene, ohne Überzeichnung oder plumper moralischer Wertung. Starkes deutsches Kino.
Zwei ungleiche Brüder: einer macht Abitur, studiert, macht Praktikum um Praktikum und hofft alsbald den Topjob zu bekommen - Vatis Liebling. Der andere zieht mit 18 Jahren aus, verdingt sich als DJ, tourt von Club zu Club, mixt seine ersten Elektrokompositionen, wird zur lokalen Berliner Szeneberühmtheit, bleibt zu Hause das schwarze Schaf. So spannend der Nebenplot sein könnte, so wenig wird er ausgearbeitet und dümpelt als Motiv, recht konstruiert, an der Oberfläche. Als Krone der Absurdität ist der Vater Priester, die Mutter verstorben und der arme Mann mit der Erziehung komplett überlastet. Prosaischer und hölzerner geht es nimmer. Das gibt natürlich Abzüge in der B-Note.
Aber im Wesentlichen ist das auch schon beinahe alles, was es an Negativem über diese gelungene deutsche Produktion zu sagen gibt. Im Hier und Jetzt, entführt die Geschichte in Atmosphäre und Zeitgeist, wie er in der Techno- und Clubszene der 90er in den Großstädten als Subkultur und Szeneleben überaus präsent war: Elektrobeats, Trance, Raves, schneller wilder Sex auf schmuddeligen Discoklos und jede Menge Drogen. Ickarus (Paul Kalkbrenner), der missratene Sohn, des in Kirchenwürden stehenden Vaters (Udo Kroschwald), ist einer der angesagtesten DJs der Stadt. Er steht kurz vor der Veröffentlichung seines neuen, von den Fans sehnlich erarteten, Albums. Daraus wird aber nichts. Als sein Freund und Dealer Erbse (Rolf Peter Kahl) ihm unwissentlich eine Pille mit diversen toxischen und halluzinogenen Ingredienzien anbietet, erwischt Ickarus einen ganz bösen Trip und landet, nach einer psychedelischen Tour durch die Stadt, auf einer Drogenstation.
Die leitende Ärztin Professor Petra Paul (Corinna Harfouch), vom Geiste der 68er geprägt und Expertin für drogeninduzierte Psychosen, will Ickarus ein paar Tage zur Beobachtung da behalten. Laborergebnisse sollen Aufschluss darüber geben, was er sich für ein Zeug eingeschmissen hat und ob die Gefahr besteht, dass er auf dem Trip hängen bleibt. Ickarus erklärt sich, unter der Bedingung, sein DJ-Equipment zur Fertigstellung seines Albums während der Therapie benutzen zu dürfen, bereit eine kleine "Auszeit" vom Clubleben zu nehmen. Lange geht das nicht gut. Diese Station ist nicht ausschließlich eine Therapieeinrichtung. Auch als Auffangbecken für nicht mehr Heilbare, erfüllt sie eine Funktion: Ob chronische, durch den Konsum von Crystal Meth hervorgerufene, Paranoia oder LSD-Dauertrip. Jeder "Wahnsinn" hat seinen Vertreter. Und Ickarus wird das alles zuviel. Er schleicht sich davon, wird Rückfällig und plötzlich kehren Halluzinationen und Wahnvorstellungen zurück. Eine Kettereaktion beginnt und im Blitztempo scheint sich Ickarus Leben aufzulösen: Sein Label kündigt ihm, die Freundin (Rita Lengyel) erträgt seine Selbstzerstörung nicht mehr und sucht in anderen Armen Trost, alles entgleitet ihm. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt und Ickarus Heilung kann nur über die Musik gelingen.
Solche Geschichten laufen schnell Gefahr zu überzeichnen, überzustilisieren und vorwurfsvoll-pädagogische Motive zu entwickeln. Diese Klippe umschifft Berlin Calling gekonnt. Zwar wirken die psychotischen Charaktere in der Klinik etwas "Comic-haft" und zeitweise kommt die Befürchtung auf, in eine deutsche Version von Einer flog über das Kuckucksnest zu rutschen, vermutlich aber sind solche Schicksale mehr als nah am Leben dran. Vielleicht geht der Film nicht einmal weit genug. Im Vordergrund steht ein authentisches und mit dem richtigen Händchen erzähltes Künstlerdrama, eingebetet in einem atmosphärischen Szeneportrait. Und ähnlich großen Vorbildern, wie der Johnny Cash Story Walk the Line, gibt es auch bei dieser Geschichte ein Liebesmotiv, das als Klebstoff zur realen Welt für den Künstler wird und die "Innere Mitte" bildet, die er für seine Genesung benötigt. Jeder Dr. Faustus hat schließlich sein Gretchen.
Auch wenn die Nebenplots schwächeln, insbesondere die Vater-Sohn, Bruder-Bruder Melodrammotive, liefern alle Darsteller eine überzeugende bis gute Leistung ab, die wesentlich zum Gelingen der Geschichte und Entfaltung der Dramaturgie beiträgt. Wie selbstverständlich entwickelt sich der Kernplot und Ickarus' Verhängnis nimmt seinen Lauf. Es reist nicht mit, wirkt aber derart normal und zwangsläufig, mitunter galgenhumorartig, dass die Glaubwürdigkeit der Story enorm an Boden gewinnt. Und diejenigen, welche niemals Kontakt zu dieser Szene hatten oder Bekannte, die Ickarus' Schicksal teilen, werden sich nicht mühen müssen, solche Entwicklungen für mehr als wahrscheinlich anzusehen. Geschmacksache bleibt, ob die Nüchternheit im Erzählstil genau den notwendigen Raum für eigene Erkenntnisse bildet oder der Story mit schärferer und eindeutigerer Zeichnung der Subkulturen in der Szene und diverser Drogekarrieren mehr geholfen gewesen wäre. Auf jeden Fall sehenswertes junges deutsches Kino. |