Die Geschichte eines Zivis mit besonderer Familiensituation: als ein seltsames Eisobjekt das Dach des Familienhauses zerstört, beginnt für den Abiturienten Tom ein neuer Lebensabschnitt. Während die Familie in den Atombunker im Garten umzieht, flüchtet er ins Krankenhaus und in die erste Liebe - die Desintegration einer obskuren Familie voller Neurosen und Ökomanien. Oliver Jahn inszeniert eine Mischung aus Drama, Komödie und Zeitgeschichte, wenn er vom Unbehagen der Menschen in Zeiten der Tschernobyl-Katastrophe und dem Aufkommen des Öko-Trends erzählt.
Die Werbung krönt Die Eisbombe zur ersten Öko-Komödie. Das ist natürlich übertrieben, denn Oliver Jahn erklärt die Komödie für Das Kleine Fernsehspiel des ZDF zur Satire über Gesundheitswahn und Umweltphobie. Aber auch das trifft die Sache nicht im Kern. Lachen mag man über die Auswüchse der Neurosen und Phobien nämlich nicht wirklich. Eine "Eisbombe" zerschmettert im idyllischen Bornbüttel das Dach der Familie Schuhmann-Weil, die einen Meteoriten oder etwas ähnlich Außerirdisches in dem Klumpen vermutet. Da sondert sich seltsame Flüssigkeit ab und dringt durch die Wände, weshalb Papa Jörg (Peer Martiny) und Sohn Günter (Leon Wessel) auf Geheiß von Mutter Beate (Karoline Eichhorn) erstmal Zuflucht im Atomschutzbunker im Garten suchen. Da macht der 18-jährige Tom (Eike Weinreich) nicht mehr mit. Gerade hat er eine Zivi-Stelle im Krankenhaus angetreten und dort auch ein Zimmer, welches er nun dankbar bezieht. Mutter Beate ist entrüstet, da man gerade in Krisenzeiten doch zusammenhalten müsse. Aber Tom hat schon längst die eiserne Nabelschnur zur Familie gekappt, denn trotz zahlloser Allergien und Angstzuständen will er endlich ein eigenes Leben führen.
Während die Familie sich mit der Versicherung anlegt, die Medien eine obskure menschliche Tragödie erahnen und die Mutter ihren Sohn plötzlich nicht mehr für ihre seit Tschernobyl phobische Umklammerung zur Verfügung hat, entdeckt Tom Entspannung und Freundschaft bei der gestandenen Krankenschwester Elfie (Heike Jonca) und erste Liebe bei deren Tochter, der Schauspielschülerin Lucie (Katharina Schüttler). Derweil zerbricht das ohnehin empfindliche Gefüge der Familie Schuhmann-Weil endgültig. Nicht satirisch sondern eher zur Farce mutiert Die Eisbombe zwischenzeitlich. Leider verliert das Werk nie die Haftung zur bundesrepublikanischen Problemlust. Immer noch eins mehr bauen Oliver Jahn und Stéphane Bittoun in die Handlung ein. Am Ende ist das Maß des Erträglichen wieder einmal voll und vor lauter Ernsthaftigkeit weiß Jahn nicht, welchen Knoten er nun zuerst wieder lösen soll. Aber, und das sei lobend herausgestellt, er schafft es.
Die zwischenzeitlich ans Herz gewachsenen Figuren überstehen die Krise, nur bei Mutter Beate dreht der Öko-Wahn einige Extrarunden mehr. Sie gerät nah an eine durch Lebensmittelvergiftung ausgelöste Schizophrenie. Jahn legt so viel Sensibilität an den Tag, dass er alle Wirrungen logisch richtig erklären kann. In der Folge fließen die Zuschauer vor Mitleid über. Warum er dann einen absolut unnötigen und mörderisch brachialen Schlussgag bringen muss, bleibt darum sein Geheimnis. Weil eigentlich keiner lacht, weil nur geschockt, floppt dieses Zitat von Rendezvous mit Joe Black und Final Destination.
Das Kleine Fernsehspiel, berühmt für seine mitunter exquisiten Filme, tat gut daran, Jahns Spielfilm-Debüt unter ihre Fittiche zu nehmen. Allerdings hätte man sich die Marketingstrategie etwas feinsinniger gewünscht. Niemand wird die eher lauen satirischen Elemente als Film-bestimmend verstehen. Der Ton der Komödie trägt ja phasenweise fast tragische Züge. Auch ist die Ökologie eher ein Hintergrundthema. Im Mittelpunkt steht schließlich Toms Emanzipationsversuch, sein schwieriges Erwachsenwerden unter dem Eindruck von aufgedrängten Ängsten der Mutter. Seine Entdeckung der wahren Sachverhalte und sein Umgang damit erinnern jedenfalls an Jan Christoph Glaser und Ingo Haebs Neandertal. Die Eisbombe sollte deshalb auch unter dem Aspekt des Erwachsenwerdens gesehen werden und die umrahmenden Ereignisse (die "Eisbombe" gab es tatsächlich) als sanft überzogene Komödie einfach mitgenommen werden. Dann macht der Film auch Spaß und man kann den unnötigen Schluss dezent übersehen.