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Lemon Tree

(Etz Limon, 2008)

Dt.Start: 02. Oktober 2008 Premiere: 08. Februar 2008 (Berlinale, Deutschland)
FSK: ab 6 Genre: Drama
Länge: 106 min Land: Deutschland, Israel, Frankreich
Darsteller: Hiam Abbass (Salma Zidane), Doron Tavory (Verteidigungsminister), Ali Suliman (Ziad Daud), Rona Lipaz-Michael (Mira Navon), Tarik Copty (Abu Hussam), Amos Lavi (Commander Jacob), Amnon Wolf (Leibowitz), Smadar Yaaron (Tamar Gera), Ayelet Robinson (Shelly)
Regie: Eran Riklis
Drehbuch: Suha Arraf, Eran Riklis


Inhalt

In den Augen des israelischen Verteidigungsministers Navon stellt der Zitronenhain seiner Nachbarin, der palästinensischen Witwe Salma, ein Sicherheitsrisiko da. Für ihn gibt es nur eine Lösung: der Zitronenhain muss weg. Doch da hat das israelische Militär nicht mit der resoluten Salma gerechnet, die den Kampf für den Erhalt ihrer Zitronenbäume vor Gericht aufnimmt. Einzig die Ehefrau des Ministers scheint Verständnis für Salmas Kampf zu haben.
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Kritik

Lemon Tree hat eine Wertung von 60%
Der Kampf der palästinensischen Witwe Salma gegen den Staat Israel wegen eines kleinen Zitronenhains an der Grenze nimmt groteske Züge an und steht natürlich als Parabel für die holprige bis stockende Völkerverständigung zwischen Israel und Palästina. Genauso gilt die Moral jedoch für Ost und West, für Islam und Christentum, für Wirtschaftsdenken und Soziales Verhalten, für Müller gegen Schulz. Der vielschichtige Film erzählt mit einer kleinen Geschichte von einem Problem, wie es überall zu finden ist, und zeigt, wie man es auf dem Weg zur falschen Lösung mehrfach richtig hätte machen können.

Bild aus Lemon Tree Die palästinensische Witwe Salma ist ganz alleine auf der Welt - fast: Sie besitzt einen Hain Zitronenbäume, ein brüchiges Haus und beschäftigt außerdem noch den Baumpfleger Abu Hassam, der, älter als die Bäume selbst, eigentlich schon immer da war. Das besondere an Salmas Zitronenbäumen: Die Plantage liegt in der West Bank, direkt an der Grenze zu Israel. Auf der anderen Seite des Maschendrahtzauns befindet sich eine Neubausiedlung, und in das Haus direkt hinter dem Hain zieht ausgerechnet Israel Navon, der Verteidigungsminister, mit seiner Familie ein.

Die bedachte Salma hat kein Problem mit den neuen, kommunikationsscheuen Nachbarn, keines mit der plötzlichen Anwesenheit eines Wachturms und auch keines mit der Schar von Soldaten, die das Nachbargrundstück bewachen und auch schon mal ungefragt in ihrem Hain auftauchen. Doch als der Geheimdienst plötzlich entscheidet, dass die Zitronenplantage gefällt werden müsse, weil sich Terroristen darin verstecken könnten, erwacht ihr Widerstand.

Salmas Kampf um die Zitronenbäume, die ihr Vater vor 50 Jahren noch persönlich gepflanzt hatte, nimmt immer groteskere Züge an. Zusammen mit ihrem jungen Anwalt Ziad Daud zieht die rüstige Witwe von Pontius zu Pilatus: Bis vor das höchste Israelische Gericht geht der Fall und zieht das Augenmerk der internationalen Presse auf sich. Sogar Salmas Sohn, der als Spüler in einem Restaurant in der US-Hauptstadt Washington arbeitet, sieht plötzlich seine Mutter im Fernsehen. All die Zeit beschränkt sich der Kontakt zwischen Salma und dem Ehepaar Navon auf ein Minimum.

Dass die Dramödie um Salmas grenznahe Zitronenbäume und den israelischen Verteidigungsminister eine Parabel auf das israelisch-palästinensische Verhältnis darstellt, ist natürlich von vorneherein klar. Dass der Staat Israel wegen seiner Besetzungspolitik von Anfang an moralisch im Hintertreffen ist, ist auch kein großes Geheimnis. Doch dass Israel sich durch seine eigene Politik selbst ins Aus manövriert, wird erst durch den Film vermittelt. Die plumpe Moral: Unnötige Panik wegen einer nichtigen Ursache, Überreaktion, Erkenntnis der Absurdität der Situation erst, wenn der Schaden schon angerichtet ist.

Grundsätzlich ist Lemon Tree jedoch kein schlechter Film, denn der israelische Regisseur Eran Riflis lässt in sanften Zwischentönen durchblicken, dass sowohl die Israelis, als auch die Palästinenser so ihre Leichen im Keller haben: Als Salma erstmals Rat einholen muss, geht sie in ein Teehaus, wo sofort alle Gespräche verstummen: Eine Frau in einem Teehaus - undenkbar! Dieser Spießrutenlauf, so harmlos er erscheinen mag, zeigt, wie tief für uns fremdartige Sitten und Gebräuche in den palästinensischen Seelen sitzen. Ebenso verhält es sich mit der Schleierfrage, mit der Entscheidungsfreiheit von Salma und der Frage, ob sie als Witwe nicht doch eine neue Beziehung anfangen darf. Die starre palästinensische Gesellschaft gibt den Frauen noch immer nicht genug Rechte, und diese sanfte Kritik durch den Filmemacher kommt an.

Doch auch Israel kommt nicht gut weg: Der Verteidigungsminister, der im normalen Leben unter keinen Umständen direkt an die Grenze ziehen würde, lässt seine Frau eine Einweihungsfeier organisieren. Ihm ist wichtig, dass das gesamte Essen koscher ist, für "die Orthodoxen", wie er sagt. Dies deutet eine Spaltung innerhalb Israels an, und ist symptomatisch für die vertrackten Verhältnisse in diesem uralten Konflikt. Auch dass die Parteien nicht auf die Idee kommen, erstmal miteinander zu reden, deutet auf die hochempfindliche Lage der Nationen hin.

Schauspielerisch ist einiges geboten: Hiam Abbass, die Salma spielt, sieht mit ihrem Schleier weit älter aus als die 48 Jahre, die sie erst ist. Sie scheint es mit Under-Acting zu versuchen, wortkarg schleicht sie durch die meisten Szenen: Eine von Leben, Besatzung und Tradition gebrochene Frau. Für diese Aussage funktioniert das. Ali Suliman, der den Anwalt Ziad Daud spielt, hat Talent, Gesicht und Ausstrahlung für eine internationale Karriere und wird auch bei Ridley Scotts Der Mann, der niemals lebte zu sehen sein. Seine Darstellung des Anwalts, der unter anderem nach dem Verspeisen eines Fisches immer wieder an seinen Fingern riecht, bevor er etwas anfasst, überzeugt bis ins kleinste Detail. Doron Tavory, der den Verteidigungsminister Navon spielt, und Rona Lipaz-Michael, die seine Frau Mira darstellt, geben ihr Ehepaar von öffentlichem Interesse mit all den unsympathischen Kleinigkeiten ab, die die Öffentlichkeit an solchen Leuten nicht mag. Eine mutige Darstellung, aber keineswegs übertrieben. Ein kleines Highlight ist Tarik Kopty, der als runzliger Baumpfleger Abu Hassam nur recht kurz zu sehen ist, doch symbolisiert dieser Mann den altersweisen Archetyp der palästinensischen Landbevölkerung, die einfach nur in Frieden ihr Leben führen will, mit Terrorismus nichts am Hut hat und die überzogene Aufregung auf israelischer Seite nicht verstehen kann. Ein internationaler Wink mit dem Zaunpfahl.

Lemon Tree ist definitiv keine leichte Komödie, sondern relativ schwere Kost. Doch zeigt sich der Moralzeigefinger sehr oft und kaum verhüllt. Auf einem von internationalen Produktionen überfluteten Markt wie Deutschland, aber sicher auch Israel, dürfte das eher plump anmuten. Nichtsdestotrotz kann der Kampf einer kleinen Witwe gegen ganz Israel als Kinoabend empfohlen werden, insbesondere, wenn man sich im Anschluss zusammensetzt und über die Situation dort unten spricht.

von Julian Reischl


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