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Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein: Auf diesem Motto basiert die Geschichte der Verwicklungen, in die sich der in den unattraktiven französischen Norden versetzte Philippe bringt. Was als Selbstfindungsdrama zu beginnen droht, entspinnt sich schnell zu einer humorvollen, augenzwinkernden Komödie voller Lokalkolorit, die die nächsten Urlaubspläne stark beeinflussen könnte.
Philippe Abrams, Leiter eines Postamts irgendwo in der Provence, will sich unbedingt an die Côte d'Azur versetzen lassen. Angeblich nur, damit seine hübsche Frau Julie aus ihren Episoden leichter Depression kommt, doch ein bisschen wohl auch für sich selbst. Alles sieht gut aus für die Versetzung, bis Philippe den Anruf bekommt: Der Posten wurde anderweitig vergeben. Dass Behinderte bei gleicher Eignung stets bevorzugt werden, stößt Philippe plötzlich mehr als nur sauer auf.
Doch Philippe gibt nicht auf. Als er von einem weiteren Posten an der Côte d'Azur hört, geht er auf Nummer Sicher und stellt sich im Versetzungsantrag selbst als behindert dar. Natürlich geht der Plan schief, und Philippe wird nach Bergues strafversetzt: Zwei Jahre Nord-pas-de-Calais, die nördlichste Region Frankreichs überhaupt. Irgendwo am Ärmelkanal, zwischen Calais und Belgien.
Als guter Ehemann will er Julie diesen Umzug nicht zumuten. Denn wie jeder weiß, hat es dort oben im Winter 40 Grad unter Null, im Sommer erreichen die Temperaturen gerade mal so den Gefrierpunkt. Die tumbe Bevölkerung schuftet in den Steinkohleminen, wenn sie nicht gerade säuft. Es ist also nichts Geringeres als die Höchststrafe, in den Norden versetzt zu werden.
Philippe verlässt also Julie und den Sohnemann und tritt den verhassten Posten bei den Sch'tis an. Sch'tis, so heißen die Bewohner der furchtbaren Gegend, weil sie nicht einmal der Landessprache mächtig sind, sondern alle Zischlaute komplett andersherum verwenden müssen. So wird "süß" zu "schüß", "besuchen" zu "beschuchen" und die "Sonne" zur "Schonne". Außerdem wird jeder sowieso grundsätzlich mit "Zipfel" angeredet, die meisten Sätze enden mit einem angehängten "hä". Es ist kein Wunder, dass der völlig fertige Philippe seinen Untergebenen, den Postboten Antoine, erst einmal überfährt, als er im neuen Zuhause ankommt.
Doch das Leben in der kleinen Stadt Bergues entpuppt sich aber als gar nicht mal so schlecht. Auch die Temperaturen sind wirklich erträglich. Die Leute sind liebenswert, auch wenn sie ein wenig komisch reden, und die Konflikte im Grunde dieselben wie anderswo. Dumm nur, dass Philippe ein wenig zu laut gelitten hat zuhause, bevor er aufgebrochen ist: Schon beim ersten Besuch bei Frau und Kind beteuert er, wie furchtbar schlimm doch alles in Bergues ist, noch schlimmer, als er es je zu fürchten gewagt hätte. Denn sobald Philippe leidet, kann Julie ihn bemuttern, was ihr den Tag versüßt.
Da kommt es dann doch ein wenig überraschend, als Julie in einem spontanen Anfall von ehelicher Solidarität ankündigt, ihrem Mann im hohen Norden von nun an beiseite stehen zu sollen. Es kommt, wie es kommen muss: Die neuen Freunde und Kollegen von Philippe führen eine makabere Scharade auf, um Julie zu zeigen, dass es in Bergues wirklich ganz furchtbar schlimm ist und sie so zur sofortigen Heimreise zu motivieren.
Der Überraschungshit aus Frankreich sollte kein Geheimtipp sein müssen: Ohnehin schon der erfolgreichste französische Film seit dem Zweiten Weltkrieg, lieferte sich Willkommen bei den Sch'tis ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Titanic, dem mit 20,7 Millionen Besuchern erfolgreichsten Kinostart in Frankreich überhaupt. Regisseur Dany Boon, der auch den Briefträger Antoine spielt, kann den Erfolg seines kleinen Filmes überhaupt nicht fassen.
Dabei ist dem jungen Filmemacher bereits in seiner zweiten Regiearbeit gelungen, wonach viele erfahrene Filmemacher hierzulande noch immer trachten: Ein interessantes, lokales Thema mit Leichtigkeit, gesunden Dialogen und ordentlichem Takt zu verfilmen. Selten hat man als Zuschauer wirklich das Gefühl, mittendrin statt nur dabei zu sein. Hier jedoch leidet man von der ersten Sekunde mit Philippe mit, der sich immer tiefer in kleine Lügen verstrickt, der im Grunde nur seine Ruhe und seine Familie will, und der vom unvergleichlichen Charme einer ganzen Stadt überrannt wird.
Zu kullernden Lachtränen treibt zum Beispiel Philippes Versuch, dem trinkfreudigen Antoine nahezubringen, dass nicht jeder Aperitif beim Postausfahren angenommen werden muss: Natürlich geht der Plan nach hinten los, und so sind am frühen Nachmittag eben beide, Chef und Briefträger, stockbesoffen und pinkeln in den Kanal. Auch bringt Boon eine seltene Tradition aus seiner eigenen Familie ein: Das wunderschöne Spiel auf dem Carillon, den Kirchenglocken.
Es ließen sich noch unzählige weitere kleine heitere Szenen und Episoden aufzählen, eines ist jedoch klar: Willkommen bei den Sch'tis ist ein absolut sehenswertes Kleinod der romantischen Komödien. Wem amerikanische Schnulzen zu den Ohren raushängen, der ist in diesem himmlischen französischen Film bestens aufgehoben.
Die deutsche Synchronisierung war wohl das größte Problem beim Vorbereiten des Films für den deutschen Markt. Denn wie übersetzt man einen Dialekt, den es nicht gibt? Bisher wurde in solchen Fällen meist analog auf einen exotischen deutschen Dialekt wie Sächsich oder Bairisch umgeschwenkt, doch diesmal nicht: Hier wurde versucht, das "Sch'ti" in seiner Sonderbarkeit auf die deutsche Sprache zu transponieren. Diese Verpflanzung ist gelungen und zeigt, dass deutsche Synchronstudios doch einiges leisten können, wenn ihnen nur entsprechend Zeit und Geld zur Verfügung steht. Christoph Maria Herbst spricht den Antoine, als wäre er selbst mit diesem Dialekt aufgewachsen.
Definitiv ein Film für den herbstlichen Kinobesuch, ganz besonders für Paare jeden Alters, aber auch für Mutter-Sohn-Wohngemeinschaften oder ähnliche Konstellationen wärmstens zu empfehlen. |