Uwe Bolls Film über die Tunnelkämpfe im Vietnamkrieg wird die Zuschauer spalten: Während die einen ihn für einen gelungenen Antikriegsfilm halten werden, der die Sinnlosigkeit der bewaffneten Auseinandersetzung aufzeigt, werden die anderen ihn als einen bemühten, billigen Kriegsfilm ohne nennenswerte Dramaturgie oder gar Spannung niedermachen. Leider konnte Boll sich offenbar selbst nicht entscheiden, ob er einen Independentfilm drehen wollte oder einen klassischen (Anti-)Kriegsfilm.
Über den Vietnamkrieg der 1960er und 1970er und seine Sinnlosigkeit sind eine Menge Filme gedreht worden. Nun hat Uwe Boll sich eines Themas angenommen, das bisher eher wenig Beachtung fand: Die Tunnelratten. Als solche bezeichnete man die Spezialeinheiten zur Bekämpfung der Vietcong in ihren Tunnelsystemen. Geschichtlich spielten die Tunnel unter dem vietnamesischen Dschungel eine große Rolle, da sie den Vietcong, wie die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams genannt wurde, Angriffe aus dem Hinterhalt ermöglichten. Die kommunistische Guerillaorganisation fügte den Amerikanischen Truppen schwere Verluste zu, bis die Tunnel überhaupt entdeckt werden konnten. Die Kriechtunnel dienten den Partisanen als Versteck und Transportweg für Mensch und Material und führten teilweise auf mehreren Ebenen über hunderte von Kilometern, natürlich auch hinter die feindlichen Linien. Auch gab es unterirdische Städte mit Schulen, Büros, Lagern und anderer Infrastruktur. Die Tunnel waren so eng, dass sie nur unter größten Schwierigkeiten durchkrochen werden konnten.
Zur Bekämpfung der Vietcong ging man nach ersten schweren Verlusten dazu über, einzelne Soldaten oder Zweierteams, meist nur mit Pistole und Taschenlampe bewaffnet, in die Tunnel zu schicken. Zum einen waren die Verluste im Fall einer Entdeckung nicht mehr so groß und zum anderen konnte auch ein einzelner Soldat eine ganze Gruppe von Vietcong mit nur einer Handgranate oder wenigen Schüssen töten. Die Tunnel waren oft mit Fallen versehen, um die Angreifer aufzuhalten, die Verluste unter den Amerikanern waren immens. Noch heute existieren in Vietnam Teile der Anlagen und können besichtigt werden.
Boll erzählt die Geschichte eines Trupps US-Amerikaner, der nach einem verlustreichen Überraschungsangriff der Vietcong Rache nehmen will und sich in die Tunnel wagt. Doch die Truppe wird in den Tunneln nach und nach aufgerieben, bis nur noch einzelne Soldaten übrig sind.
Als Zuschauer schwankt man zwischen dem Belächeln einer wahrhaft simpel gestrickten Filmhandlung und dem Entsetzen der Erkenntnis, dass Krieg wirklich so simpel, blutig und bescheuert ist. Im Gegensatz zu den auf Hochglanz polierten, vielschichtigen Hollywood-Dramaturgien findet man hier eine nicht besonders ängstliche Truppe, die nur ihren Job machen will. Rein optisch ist der Film relativ dünn ausgestattet, das Basislager der Amerikaner gleicht einem Campingurlaub im Dschungel, nicht mal ein Sicherheitsperimeter wurde eingerichtet. Die Soldaten rauchen, spielen Karten oder reden von ihren Familien, wie in jedem anderen Film auch. Die Tunnel sind dunkel und eng, mit sandigem Boden, und die Fallen scheinen Grimmzahns Fallen entnommen worden zu sein. Doch wird auch der Wahnsinn des Krieges, die Angst der Besatzer und die Brutalität der Kämpfe nicht so überspitzt vermittelt wie in so vielen anderen Filmen. Die an die Hollywood-Holzhammermethode der Überzeichnung gewohnten Zuschauer interpretieren das Ausbleiben der großen Emotionen daher wohl am ehesten als schlechtes Schauspiel.
In den diversen Kontakten zwischen Vietcong und Besatzern wird natürlich geschossen und gestorben, was das Zeug hält, hier wählt Boll ebenfalls einen realitätsnäheren, aber nicht Hollywood-glänzenden Anstrich: Die Maschinengewehre knattern nur ein bisschen, die Getroffenen fallen um, wo sie gerade gehen oder stehen. Granaten klingen wie Silvesterknaller. In Hollywood hätten die Kugeln im Dolby-Raumklang gepfiffen, die Waffen hätten furchtbar laut gedröhnt und gehämmert, die Sterbenden hätten sich noch minutenlang das hervorquellende Gedärm gehalten und von ihren Mädchen erzählt, und die Granaten hätten den Dschungel in ein Meer von Feuerbällen verwandelt. Ein paar schaurig-schöne Gore-Szenen gibt es zwar bei Boll, doch hätte man sich sämtliche Effekte durchgehend heftiger gewünscht.
In den Tunneln selbst ist leider kaum etwas zu sehen. Die für ein Filmteam extrem schwierige Beleuchtungssituation ist mit Hilfe von unauffälligem Taschenlampenlicht gelöst worden. Das erhöht zwar die Realitätsnähe, lässt den Zuschauer aber im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Plötzlich schnellt von irgendwo eine vietnamesische Hand hervor und ersticht einen dahinkriechenden Amerikaner: Wenig spannend, da kein ordentlicher Suspense aufgebaut wurde. Zum Vergleich sollte man sich noch mal The Descent - Abgrund des Grauens ansehen, wo unter der Erde ebenso wenig zu sehen ist, aber der Zuschauer durch geschickte Suspense-Arbeit schon ganz ordentlich Angst bekommt.
Im Grunde lebt Uwe Boll den Traum jedes deutschen Filmemachers: Er dreht, was er will, schert sich nicht um Kritik und kann seine Filme auch noch zum Großteil selbst finanzieren. Dumm nur, dass er sich beim Filmemachen selbst oft über die Maßen ungeschickt anstellt. Über Boll ist schon viel Negatives geschrieben worden. Man kann ihm auch wirklich vieles vorwerfen, nicht aber, dass er seine Ideen nicht anpackt. Seine Filme sehen im Grunde so aus, wie man sich die Werke einer Laiengruppe, die an Geld gekommen ist, vorstellt. Da holpert's in der Logik, die Dramaturgie stimmt nicht, die Schauspieler sprechen wirklich jedes Detail aus, anstatt auch mal etwas nur durch Mimik, Gestik oder Spiel zum Ausdruck zu bringen, kurzum: Man hat den Eindruck, Boll hält sich für weit routinierter, als er ist. Es ist, als würde er lieber so schnell wie möglich drehen wollen, anstatt noch lang am Drehbuch herumzufeilen, weil das mehr Spaß macht.
So verhält es sich auch - leider - bei 1968 Tunnel Rats. Der Film hinterlässt beim Zuschauer ein weiteres Mal ein Gefühl der Leere, einen fahlen Nachgeschmack. Dies resultiert natürlich daher, dass der Zuschauer besagte Hochglanzproduktionen aus Hollywood gewohnt und unterbewusst weniger bereit ist, andersartige, unabhängige Filme zu akzeptieren. Aber der Filmemacher, der Einnahmen erzielen will, muss natürlich das Publikum dort bedienen, wo es gekitzelt werden will. Und hier sitzt Boll zwischen den Stühlen: Für großes Hollywood-Kino ist er zu schludrig und unbedacht, für die kleine Independentproduktion, die den besonderen Geschmack treffen soll, viel zu nah am Mainstream und ebenfalls zu unbedacht. Wahrscheinlich will Boll das Beste aus beiden Welten, und greift dadurch zwangsweise ins Leere.
Natürlich zeigt Boll im Film die Sinnlosigkeit des Krieges auf, die vielen sinnlosen Tode der Soldaten, die irgendwo im grünen Dschungel sitzen und sterben, ohne zu wissen, wofür. Doch er zeigt die Tode ohne Kontext, ohne Denkanstoß, nicht einmal besonders überzeichnet. Heraus kommt eine Aneinanderreihung von Szenen, die zusammengesetzt leider kaum eine Dramaturgie erkennen lassen: Es sieht aus wie (eine günstige Version von) Mainstream, hört sich an wie Mainstream, hat coole Kriegertypen wie Mainstream, soll aber eine Aussage wie Independent haben? Oder soll es gar aussehen und sich anfühlen wie Independent, aber dann doch ein schockierender Vollblut-Antikriegsfilm sein? Der Zuschauer wird jedenfalls nicht schlau aus der Nicht-Fisch-Nicht-Fleisch-Situation in 1968 Tunnel Rats. Das Thema hätte dramaturgisch deutlich mehr hergeben können. Boll-Bashing zum Selbstzweck sei hier nicht propagiert, doch war eine höhere Bewertung nicht drin: Es hätte wirklich großes Kino werden können.