In einer globalisierten und vom Kapitalismus beherrschten Welt werden die kleinen Fische grundsätzlich von den großen gefressen. Das gilt in New York, Tokio und Berlin genauso wie in der abgelegenen Fremde im Osten der Türkei. Pazar ist die Geschichte eines kleinen Fischs auf der Suche nach seinem eigenen Plätzchen im Meer des Marktes. Der in türkischer Sprache gedrehte Film ist eine angenehme Überraschung - und das nicht nur allein deswegen, weil der Regisseur Ben Hopkins heißt und aus Großbritannien stammt.
Irgendwo im Nirgendwo, vor einer undurchsichtigen Fabrik Aserbaidschans, mit einer geheimnisvollen Ware in ihrem Wagen, sitzen Mihram (Tayanç Ayaydin) und sein Onkel Fazil (Genco Erkal) und warten. Warten, weil sie zu früh dran sind für die Verhandlungen mit dem Chef, die Fazil eingefädelt hat, um seinen Neffen einen Gefallen zu tun und selbst ein wenig vom süßen Geschmack des Profits kosten zu dürfen. "Was wird hier eigentlich gemacht?", fragt Mihram, dessen einfache kleine Welt in seinem türkischen Dorf bisher nur eines kannte: das Besorgen kleinerer Waren für gewöhnliche Dorfbewohner. Doch Fazil weiß es selbst nicht so genau. Die Wertstoffe kämen aus Afrika, würden aufbereitet und weitergeleitet, meistens nach Finnland. "Finnland? Afrika?", fragt Mihram erstaunt. "Die Welt muss verrückt geworden sein."
Es ist eine Welt, die dem scheuen Händler mit den kleinen menschlichen Schwächen für Alkohol und Glücksspiel und dem großen Traum vom Ende der Sorgen, fremd ist. Und doch muss er sich in sie hineinwagen, muss etwas riskieren, wenn er seinem Ziel ein Stückchen näher kommen möchte: Sicherheit für sich und seine Familie. Mit Handys sei das ganz große Geld zu machen, hat Mihram gehört. Einen eigenen Laden hat er bereits in Aussicht. Doch noch immer gibt es zwei Probleme zu überwinden: das fehlende Kapital und die lokale Mafia, die stets gut informiert ist und ihn in Person des schmierigen Mustafa (Hakan Sahin) umgarnt. Er könne all seine Probleme lösen, seine Partner würden die Sicherheit garantieren, die er sich wünsche - dies alles nur gegen eine bescheidene Beteiligung am Gewinn, verspricht Mustafa. Doch Mihram will sich Mustafas Zynismus nicht beugen. Er habe sich schon immer allein zu helfen gewusst. Warum sollte sich das geändert haben? Eine günstige Gelegenheit ergibt sich, als Mihram von einer Ärztin gebeten wird, einen dringend benötigten Impfstoff für das eben bestohlene Krankenhaus zu besorgen.
Es sei erstaunlich, wie viel Türkei in Pazar stecke, wie detailliert der Film vom dörflichen Leben und Überleben erzähle, staunten die ersten Kritiker. Erstaunlich vor allem deswegen, weil der Regisseur eben kein Insider ist, sondern im fernen London sein Handwerk gelernt hat. Ben Hopkins Interesse an der Thematik war nach eigenen Angaben Anfang der 90er Jahre durch einen Artikel über die neue Marktordnung Moldawiens nach dem Zusammenbruch des Kommunismus geweckt worden. Die Handlung verlagerte er in die Türkei, weil er das Land durch viele Besuche lieben gelernt habe. Sein Streben nach Perfektion und Realismus könnte aber auch zum Problem werden. Nicht jeder Kinobesucher dürfte sich in Hopkins türkischen Mikrokosmos sofort zurechtfinden und wohlfühlen. An den Schauspielern liegt das allerdings nicht. Die gleichsam mürrische und gutherzige Art und Weise, mit der Tayanç Ayaydin seinem Mihram einen eigenen Charakter verleiht, lässt den Zuschauer mit dem Protagonisten bis zum Ende mitfiebern und mitleiden. Mihram ist in vielerlei Hinsicht ein tapsiger Bär, der auf der Suche nach Honig die Bienen zu spüren bekommt.
Die Ironie der Sache wollte es, dass Hopkins selbst - wie letztlich auch sein Filmheld - bei der Entstehung des Filmes von Sachzwängen gelenkt war. Weil die Fördergelder aus der Türkei und Deutschland kamen, unter anderem von der Produktionsfirma des Lindenstraßen-Erfinders Hans W. Geißendörfer, konnte der Regisseur nicht mit seinem gewohnten Team arbeiten. Der Qualität des Filmes tat das jedoch keinen Abbruch. Entstanden ist ein sympathisches Werk, dem es gelingt, sowohl zum Schmunzeln als auch zum Trauern anzuregen.