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Zwischen Realität und Traum, zwischen Liebe und Tod. Sinnlich und verführerisch, polarisierend, politisch, religions- und gesellschaftskritisch: Drama, Roadmovie, metaphysische Reise und Fantasy. Julio Medem beschreitet mit Caotica Ana Pfade jenseits aller Genrekonventionen. Das ist kraftvolles junges Kino, das sich nicht zu verstecken braucht. Verwirrend, klischeefrei, unkonventionell und nicht vorhersehbar. Ein irrer Trip, der sich auf ganzer Linie lohnt.
Man wird es lieben, oder man wird es hassen - zumindest wird man, wenn die Liebe zu Caotica Ana nicht aufkommt, sagen können, dass diese Reise an die Grenzen des eigenen Verstehens führt. Hinab geht es zu den tiefsten Schichten des Unterbewusstseins, um sich am anderen Ende in einer "Zeitreise" wieder zu finden. Das ist großartig gemacht und spielt tiefschürfend mit den Konventionen weltanschaulicher, religiöser und materialistischer Denkkonzepte.
Die 18jährige Ana (Manuela Vellés) lebt mit ihrem Vater Klaus (Matthias Habich) ein idyllisches Hippiedasein auf Ibiza. Sie wohnen in einer Höhle und verkaufen selbst gemahlte Bilder auf den regionalen Märkten. Eines Tages wird die französische Kunstmäzenin Justine (Charlotte Rampling) auf Anas Werke aufmerksam. Sie macht Ana das Angebot, einige Zeit in Ihre Schule für junge Talente nach Madrid zu ziehen. Dort kann sie Kunst studieren und ihr Talent vervollkommnen. Ana kann diesem Angebot nicht widerstehen. In Justines Kunstschule hausen alle Studenten kommunengleich und lassen ihren künstlerischen und sonstigen Neigungen freien Lauf. Ein Hort der Entfaltung aller kreativen Energien. Auch Ana wird von dieser freizügigen Atmosphäre mitgerissen und beginnt eine Affäre mit Said, einem jungen Maler und marokkanischem Kriegsflüchtling. Anfänglich scheint es, als wäre diese Liebe die Erfüllung, auf die beide lange warteten. Zwei Seelenverwandte, die sich gesucht und gefunden haben. Aber sowohl Said (Nicolas Cazale) als auch Ana, werden von Alpträumen und Visionen heimgesucht. Insbesondere Ana geht es zusehends schlechter.
Der Psychologe Anglo (Asier Newman), ein naher Freund Justines, bietet sich an, Ana in einer hypnotischen Sitzung an den Ort ihrer Urängste zu führen, damit sie den Grund ihrer Visionen erfährt. Als Ana wieder aus der Trance erwacht, ist Said verschwunden - geflohen ohne sich zu erklären. Im hypnotisierten Zustand sprach sie zu ihm in perfektem Arabisch, einer Sprache, die Ana im wachen Zustand nicht beherrscht. Said bleibt verschwunden und der Verlust hinterlässt bei Ana tiefe Spuren. Anglo bleibt bei ihr und möchte sie noch weiter "zurückführen". Bei jeder neuen Sitzung taucht eine weitere unbekannte Persönlichkeit in ihr auf. Alle haben eines gemeinsam: es handelt sich um junge Frauen, die im Alter von 22 eines grausamen Todes starben. Ana bleibt nicht mehr viel Zeit, die Wahrheit herauszufinden.
Caotica Ana mittels konventioneller filmischer Raster erfassen und verstehen zu wollen, gleicht der Aufgabe die Mythologien unserer Welt auf einen Nenner zurückzuführen, oder das Unbewusste in uns bewusst erfahrbar zu machen. Dieser Film stößt eine ganze Reihen von Türen auf, schert sich aber kein bisschen darum, alle wieder ordentlich zu schließen oder ob es uns dabei zu zügig wird. Schon der Titel ist irreführend genug: Oberflächlich betrachtet ist die Chaotische Ana eine junge, wilde und leicht naive Frau, die sich "chaotisch" treiben lässt.
In Wahrheit steckt hier mehr Mythologie dahinter, als man auf den ersten Blick erahnen mag: In der Antike war das CHAOS der (ungeordnete) Zustand in dem sich die Welt vor dem SEIN, der Ordnung, befand. Und dieses Chaos gebar das Universum, das wir kennen. So ist die chaotische Ana nicht allein die Ungeordnete, sondern auch die Gebärende. Der Urgrund der Dinge. Auf der Reise zu sich selbst führt sie dieser Aspekt am Ende an einen Punkt vor 2000 Jahren, der, unbeabsichtigt oder auch nicht, ein wunderbarer Seitenhieb auf das patriarchal-christliche Weltbild ist. Besonders wenn man sich der christlich-konservativen Gesellschaftsstrukturen in Spanien bewusst ist.
Julio Medem beweißt mit Caotica Ana, dass das spanische Kino zu recht als Geheimtipp gehandelt wird. Dieser Film ist mutig, unverschämt, unverblümt, provokativ, anzüglich bis teilweise schockierend. Er handelt von Kampf des Chaos gegen die Ordnung, von der Liebe gegen den Tod, doch die Kontrahenten sind nicht im herkömmlichen Sinne plump mit dem Stempel "Gut und Böse" etikettierbar. Die Konventionen zwischen den Polaritäten, ebenso wie zwischen den Genres, werden schlichtweg ignoriert. Das ist wirklich chaotisch, aber auch ungemein kraftvoll und obendrein zeigt Medem, wie sinnlich-verführerisch er mit Bildern umgehen kann. Kreative Kinokunst vom feinsten. |