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Der Junge im gestreiften Pyjama

(The Boy in the Striped Pyjama, 2008)

Dt.Start: 07. Mai 2009 Premiere: 28. August 2008 (Festival, UK)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 94 min Land: USA, UK
Darsteller: Asa Butterfield (Bruno), Vera Farmiga (Mutter), David Thewlis (Vater), Jack Scanlon (Shmuel), Rupert Friend (Lt Kotler), Richard Johnson (Großvater), Jim Norton (Herr Liszt), Sheila Hancock (Großmutter), David Heyman (Pavel)
Regie: Mark Herman
Drehbuch: John Boyne, Mark Herman


Inhalt

Während des Zweiten Weltkriegs lebt der 8-jährige Bruno mit seinen Eltern in einer luxuriösen Villa in Berlin. Als sein Vater, ein Nazi-Offizier, ins Konzentrationslager Auschwitz berufen wird, folgt ihm die Familie in die ländliche Gegend. Bruno gefällt das gar nicht, da er sich in der ungewohnten Umgebung zunehmend langweilt. Auch versteht er nicht, warum alle Arbeiter auf dem benachbarten "Bauernhof" die gleichen gestreiften Pyjamas tragen. Kurz darauf freundet er sich mit dem jüdischen Jungen Shmuel an, mit dem er Dame durch den Elektrozaun spielt. Doch schon bald bringt dies erste Probleme mit sich.
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Kritik

Der Junge im gestreiften Pyjama hat eine Wertung von 69%
Nur aus der Sicht eines Kindes kann das Grauen der NS-Zeit eine unschuldige Facette erhalten. Der Junge im gestreiften Pyjama liefert den kindlichen Blickwinkel auf eine Welt voller Grausamkeit, die ein Menschenbild prägte, das für Kinder nicht nachvollziehbar ist und über das sich hinweggesetzt wird. Damit bezeugen Kinder mehr Weisheit, als den Erwachsenen zueigen ist. Kinder also an die Macht? Wenn es so einfach wäre, denn obwohl der Film stark erzählter Stoff ist, wurde in der Story an vielen Ecken und Enden nicht konsequent zu Ende gedacht. Dafür aber ein schonungsloses Finale geliefert.

Bild aus Der Junge im gestreiften Pyjama Wieder ein NS-Drama, mag man sich fragen? Diese Zeit wird aktuell im Kino thematisiert, wie kaum jemals zuvor. Nur der Blickwinkel ist dabei ein etwas anderer geworden: Es sind nun mehr die Geschichten um den Widerstand und die "guten Deutschen" während der Diktatur, wie in Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat, Unbeugsam - Defiance und John Rabe, die erzählt werden. Und zwischendurch kommt noch Der Vorleser mit einer weiteren Facette: der Scham der Nachgeborenen, die mit dem furchtbaren Erbe derer Leben mussten, welche diese Taten begangen hatten. Mit Der Junge im gestreiften Pyjama verschiebt sich der Fokus abermals: Erzählt wird die Geschichte der Freundschaft zwischen dem Sohn eines KZ-Lagerkommandanten und einem jüdischen Jungen, der im Lager lebt.

Berlin Anfang der 1940er Jahre. Der achtjährige Bruno (Asa Butterfield) lebt gemeinsam mit seiner pubertierenden Schwester Gretel (Amber Beattie) ein sorgenfreies und behütetes Leben. Sein Vater (David Thewlis) ist hochrangiger SS-Offizier, dem gesellschaftlich große Achtung entgegengebracht wird. Als er befördert und ihm eine besonders "ehrenvolle" Aufgabe zuteil wird, muss die Familie wegziehen. Für die Kinder bedeutet das, alle Freunde hinter sich lassen und ab jetzt sogar Privatunterricht. Der neue Einsatzort des Vaters liegt sehr abgeschieden. Dort gibt es nur das Haus, das an einen Bunker erinnert und Bauernhöfe mit langen Kaminschloten, aus denen oft schwarzer Rauch quillt. Mama, warum tragen diese Bauern gestreifte Pyjamas?, fragt Bruno. Einer der Bauern arbeitet bei ihnen im Haus: Pavel (David Hayman), eine kümmerliche Gestalt, unterernährt, sich mühsam auf den Beinen haltend und den Blick immer am Boden. Bruno fühlt sich in der isolierten Lebensstätte weder wohl, noch ausgelastet. Besonders die Bauernhöfe, welche er von seinem Fenster in der Ferne ausmachen kann, wecken seine Neugier.

Eines Tages stielt er sich davon, um diese zu erkunden. Seine Tour bringt ihn bis vor den Zaun des vermeintlichen Bauernhofs. Hinter diesem sitzt der gleichaltrige Shmuel (Jack Scanlon), ängstlich und nervös dreinblickend. Die beiden kommen ins Gespräch, jeder scheint ein Leben zu führen, das der andere nicht versteht. Ihr habt bestimmt eine Menge Spaß bei euch im Lager. Bruno sieht die vielen Menschen dort; er ist bei sich zu Hause sehr einsam. Außer seinen Eltern, seiner Schwester und den Soldaten hat er keinen, mit dem er sich unterhalten kann, geschweige denn spielen. Shmuel schüttelt irritiert den Kopf. Er wäre lieber an einem anderen Ort. Und Hunger hat er. Bruno kehrt zurück, hat etwas zu essen dabei. Vor oder hinter dem Zaun, irgendwie sind sich beide ähnlich: Gefangene in einem Leben, das sie nicht wollen, Kinder ohne Kindheit.

Der Junge im gestreiften Pyjama ist prinzipiell keine schlechte Geschichte. Der gleichnamige Roman des irischen Schriftstellers John Boyce avancierte sogar zum Bestseller. Ich erzähle eine Fabel aus dem Blickwinkel eines naiven Kindes, das unmöglich den Horror, in den es verstrickt ist, verstehen kann., äußert sich der Autor. Erfüllt der Film aber dies auch? Er ist eine Holocaust-Story verpackt in einem naiven Gewand. Und eben hier holpert es etwas: Rund um Bruno geschehen Dinge, die entsetzlich sind, aber es ist höchst fraglich, ob man als Erwachsener sich in die kindliche Perspektive einfühlen braucht, um diesem Horror neue Qualitäten abzugewinnen. Und für Kinder ist der Film nicht ohne weiteres Empfehlenswert. Dazu ist die Geschichte viel zu schwer verdaulich. Letzten Endes, darf man nicht vergessen, geht es um die systematische Vernichtung eines Volkes.

Die interessantere Komponente an Der Junge im gestreiften Pyjama ist möglicherweise die "Innenschau". Hier sind Nazis nicht nur Verbrecher, sondern ebenfalls liebevolle Väter und Ehemänner. Dieser Kontrast ist es, der die Grausamkeiten noch fürchterlicher erscheinen lässt. Doch der Film will auch glauben machen, dass in den höheren Nazikreisen nicht alle an dem Gräuel teilhatten. Besonders die Frauen schneiden gut ab. Brunos Schwester, die zwölfjährige Gretel, ist zwar Feuer und Flamme für Vaterland und "Führer"; einem jungen Mädel, das in einen feschen Offizier verknallt ist, sieht man das aber nach. Besonders die erwachsenen Frauen, sowohl die Mutter, als auch die Frau des Lagerkommandanten, sind es aber, die Regime und Handlungen in Frage stellen, während die Herren der Schöpfung stolz ihr Glas auf Endsieg und Endlösung erheben.

Selbstverständlich waren es fast ausschließlich die Männer der NS-Diktatur, die ausgeführt haben. Aber die Frauen jubelten dem "Führer" ebenso zu. Es darzustellen, als währen die Frauen zu dieser Zeit die "besseren Menschen", wirkt fragwürdig. Natürlich will der Film damit nicht generalisieren, aber dennoch wirkt dieses Motiv irgendwie genötigt. Und das gilt auch für die Figur Brunos: vielleicht verfügen Kinder tatsächlich über einen angeborenen Gerechtigkeitssinn, doch das ethisch-moralische Gewissen reift viel später heran. Kinder können schließlich sehr grausam sein und ebenso indoktriniert und für die Zwecke der Erwachsenen missbraucht werden. Sei es in Schwarzafrika als Soldaten oder in fundamentalistisch-moslemischen Ländern, mit einem Bombengürtel um den Leib. Das macht sie nicht wirklich zu Tätern, dafür begreifen sie ihr Tun viel zu wenig. Bruno aber wirkt so unantastbar und wenn er mal was Unrechtes begeht, war es die Angst, die ihn dazu trieb. Weder Erziehung noch Indoktrinierung durch den Hauslehrer, können ihn offenbar verderben. Soviel kindliche Resistenz dem Bösen gegenüber und naive Weisheit hat etwas Rührendes, aber auch etwas wenig plausibles.

Der Junge im gestreiften Pyjama hat auch Stärken und die sollen nicht unerwähnt bleiben: Besonders die Passagen mit dem Hausbediensteten Pavel versetzen einen Schlag in die Magengrube des Zuschauers. Dort packt die Grausamkeit der menschenverachtenden Ideologie derart zu, dass man mitunter mit den Tränen ringt. Doch leider gehören diese Augenblicke lediglich zum Nebenplot. Und wären sonst nicht die sehr guten Darsteller, würde der Film vielleicht verflachen. Dies passiert glücklicherweise nicht, und auch um Längen kommt er herum. Am Ende aber steht eine altbekannte Botschaft, die mit einer naiven Komponente keine neuen Impulse mit sich bringt.

von Dimitrios Athanassiou


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