Ein Kind kann die Anforderungen der Eltern nicht erfüllen und flüchtet sich in eine Beziehung zu einem imaginären großen Bruder, der alles kann. Damit rührt er allerdings an einem Geheimnis, das wie ein Schatten über der vermeintlichen Familienidylle liegt. Altmeister Claude Miller verfilmt Philippe Grimberts Bestseller und beleuchtet in einfühlsamer Weise die Brüche in einer Familie, die nur teilweise den Holocaust überlebt hat.
Altmeister Claude Miller hat sich noch nie mit leichten und einfachen Stoffen abgegeben. Mit rücksichtsvoller Sensibilität geht er den Dingen auf den Grund und sucht gleichzeitig unnachgiebig nach dem Schlüssel zu den großen und kleinen Geheimnissen des menschlichen Daseins. Nach so unterschiedlichen Meisterwerken wie Der Wolfsjunge (1969), Eine amerikanische Nacht (1973), Die Kleine Diebin (1988), Unter Verdacht (2000) oder Betty Fischer - Die Masken der Mütter (2001) untersucht er einmal mehr das Fundament einer Familie, die ein Geheimnis hütet, das zum Seelenheil aller entdeckt werden will. Basierend auf dem Roman von Philippe Grimbert nimmt Miller die Zuschauer auf eine Reise durch eine tragische Familiengeschichte mit, die er auf drei Zeitebenen erzählt.
Im Zentrum stehen die Erinnerungen des 7-jährigen Francois (Valentin Vigourt), der in den 50er Jahren als Einzelkind von den Erwartungen seiner sportlichen Eltern überfordert ist. Zu seinem Schutz hat sich der schwächliche Junge einen imaginären Bruder zugelegt, der all die Übungen seines ehrgeizigen Vaters Maxime (Patrick Bruel), einem ehemaligen Turnprofi, und seiner Mutter Tania (Cecile de France), einer exzellenten Schwimmerin und Turmspringerin, mühelos bewältigen kann. Trost findet er bei der jüdischen Nachbarin Louise (Julie Depardieu), eine Masseurin, die ihm später ausführen wird, warum diese Vorstellung gar nicht so abwegig war.
Damit betreten die Zuschauer die zweite Ebene, die in den 30er Jahren spielt, als Maxime und Tania nicht verheiratet sondern verschwägert waren. Damals gab es eine andere Frau und ein anderes Kind, das der Vater über alles liebte. Trotz der Besetzung von Paris, dem Terror der Nazis und der geplanten Flucht fühlte sich Maxime von seiner Schwägerin ungemein angezogen. Das bleibt nicht unbemerkt.
In der erzählerischen Klammer, sucht der erwachsene Francois (Mathieu Amalric) seinen Vater, der nach dem Tod seines Hundes untröstlich ist.
Getragen von verführerischen und opulenten Glanzbildern voller Atmosphäre und Emotionen legt Claude Miller raffiniert Lage um Lage das düstere Familiengeheimnis frei. Lange aus der naiven Sicht des Jungen, später aus der trotzigen Haltung des Teenagers und zuletzt aus der verständnisvollen Perspektive des zum Vater gewordenen Mannes, ergründet Miller die Auswirkungen des Verlustes, der nicht nur Einzelne ins Mark trifft sondern die ganze Familie und Sippe zerrüttet.
Das Leiden der Generationen nach dem Holocaust wird seit längerem bereits in Dokumentationen von Kindern und Enkeln der Überlebenden verarbeitet. Die immensen und tiefgehenden Brüche, die in bewegenden Werken wie Gerdas Schweigen oder Der Cementery Club verarbeitet wurden, finden in Millers hochfeinem Drama Ein Geheimnis ihre fiktionale Entsprechung. Dabei irritiert er seine Zuschauer zunächst mit einer geradezu hypnotisierend schönen Darstellung einer Kindheit, lässt Chanson d'Amour-Entdeckung Cecile de France in Slowmotion aus dem Pool steigen, kleidet Patrick Bruel in die energisch-maskuline Aura eines Übervaters und taucht die Welt in die nostalgisch-kräftigen Farben eines unbeschwerten Sommers.
Auch auf der zweiten Ebene besitzen die Ereignisse zunächst die spielerische Eleganz eines Liebesfilms, bevor Drama und bald Tragödie Besitz von den Zuschauern ergreifen. Es ist schlicht unmöglich sich dem Sog der Ereignisse zu entziehen, die hier in entlarvender Banalität und gänzlich ohne Pathos erzählt werden. Nur exquisiten Darstellern wie Ludivine Sagnier, Nathalie Boutefeu, Yves Verhoeven und Sam Garbarski, die das beeindruckende Ensemble vervollständigen, gelingt es, die schwierigen emotionalen Momente, letztlich falsche Alltäglichkeit in einer außergewöhnlichen Situation, in ein zutiefst bewegendes Drama umzuformen. Miller liefert ein meisterhaftes Essay über Schuld, Liebe, Eifersucht und Tod, das mit seiner gnadenlosen Schönheit gefangen nimmt und nicht mehr loslässt.