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Der Vorleser

(The Reader, 2008)

Dt.Start: 26. Februar 2009
DVD: 04. September 2008
Premiere: 10. Dezember 2008 (USA)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 124 min Land: USA, Deutschland
Darsteller: Kate Winslet (Hanna Schmitz), Ralph Fiennes (Older Michael), Alexandra Maria Lara (Ilana), Bruno Ganz (Rohl), David Kross (Michael), Karoline Herfurth (Marthe), Volker Bruch (Dieter Spenz), Linda Bassett (Mrs. Brenner), Hannah Herzsprung (Julia), Susanne Lothar (Carla Berg), Matthias Habich (Peter Berg), Jürgen Tarrach (Gerhard Bade), Jeanette Hain (Brigitte), Kirsten Block (Judge), Claudia Michelsen (Gertrude), Max Mauff (Rudolf), Vijessna Ferkic (Sophie), Moritz Grove (Holger)
Regie: Stephen Daldry
Drehbuch: Bernhard Schlink, David Hare


Inhalt

Der Jura-Student Michael Berg wird nach langer Zeit mit seiner Vergangenheit konfrontiert. In einem Kriegsverbrecherprozess trifft er die 20 Jahre ältere Hanna Schmitz wieder, mit der er einst eine geheime Beziehung geführt hat. Im Alter von gerade mal 15 Jahren begegnete Michael Hannah und verliebte sich in sie. Sie wiederum genoss es, wenn er ihr aus Büchern vorlas. Doch dann verschwand die Frau seiner Träume plötzlich und Michael sollte sie erst acht Jahre später im Gerichtssaal wieder sehen.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Der Vorleser hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 67%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Der Vorleser hat eine Wertung von 67%
Eine harmlose romantische Sommeraffäre zwischen einem 15-Jährigen und einer mehr als doppelt so alten Frau. Augenscheinlich nicht mehr als ein Naserümpfen wert. Doch die Folgen reichen weit. Jahre später kommt die Vergangenheit dieser Frau bei einer Gerichtsverhandlung ans Tageslicht, und der inzwischen erwachsene Liebhaber ist über ihre Taten derart schockiert, dass er sie lebenslänglich einfahren lässt. Obwohl er für sie Aussagen hätte können und ihre Strafe mildern. Eine komplexe Geschichte um Scham, Schuld und Sühne, die eindringlich erzählt ist, aber nur gelegentlich wirklich berührt.

Bild aus Der Vorleser Mit Der Vorleser wird eines der erfolgreichsten deutschen Bücher der Nachkriegszeit verfilmt. Der gleichnamige Roman Bernhard Schlinks erschien 1995, wurde in 39 Sprachen übersetzt und landete sogar in den USA auf Platz eins der New York Times Bestseller List. Im Kern ein Generationenkonflikt, der aber in der Nach-NS-Zeit spielt und dadurch eine besondere Brisanz erhält.

Ende der 50er Jahre hat sich Deutschland aus Schutt und Asche wieder erhoben. Dank Wirtschaftswunder hat sich ein positives Lebensgefühl eingestellt. Der Krieg und die NS-Diktatur sind noch nicht lange vorbei, aber in den Köpfen erstmal beiseite geschoben. Die endgültige Entnazifizierung wird vorerst verschoben. In ebendieser Zeit lernt der Schüler Michael Berg (David Kross) die 36-Jährige Hanna Schmitz (Kate Winslet) kennen. Auf seinem Nachhauseweg erkrankt er. Zusammengekauert in einem Häusereingang findet Hanna den Jungen und bringt ihn nach Hause. Drei Monate dauert seine Genesung. Als Michael wieder auf den Beinen ist, besucht er Hanna, um sich zu bedanken.

Schnell fühlt er sich von der Frau angezogen und auch sie interessiert sich für ihn. Eine Romanze unter Nichtgleichberechtigten nimmt ihren Anfang. Die ältere Hanna ist Michael über und diktiert die Regeln ihrer Stelldicheins. Wenn etwas schief läuft oder es Streit gibt, lässt sich Michael die Schuld aufbürden. Die Angst vor Zurückweisung oder Hanna ganz zu verlieren ist zu groß. Eines der Rituale, die sich Hanna vor dem Liebesakt ausbittet, ist das Vorlesen. Michael muss ihr erst aus seinen Büchern vorlesen - anschließend schreiten sie zur Tat. Mit der Zeit fasst Hanna, die stets emotional distanziert bleibt, mehr und mehr Vertrauen. Gemeinsam unternehmen sie Ausflüge und zeigen sich "öffentlich". Doch selbst die schönste Romanze endet eines Tages.

Fast zehn Jahre später: Michael studiert inzwischen Jura. Das mit Hanna ist lange her. Bei einer Gerichtsverhandlung, die Michael im Rahmen des Studiums besucht, entdeckt er Hanna. Zusammen mit einigen anderen Frauen sitzt sie auf der Anklagebank. Sie sollen gemeinsam während der NS-Zeit im Konzentrationslager Auschwitz als Zivilangestellte für die SS gearbeitet haben. Auf Hanna lastet scheinbar die Hauptschuld: Sie soll persönlich für den Tod von über 300 Menschen verantwortlich sein. Dass sie nicht schuldiger als die anderen Angeklagten ist, kann sie nicht beweisen. Michael könnte zwar zu ihren Gunsten aussagen, schweigt aber. Hanna wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Viele Jahre später plagen Michael Schuldgefühle und er nimmt Kontakt auf. Allerdings nicht persönlich. Er schickt ihr Bänder ins Gefängnis, die er aufgenommen hat - Hörbücher. Wieder wird er zu ihrem persönlichen Vorleser.

Was ein wenig wie ein billiger Softporno beginnt (eines ist damit aber bewiesen: nicht jede Hollywood-Aktriss hat sich Hintern und Brüste machen lassen), entwickelt rasch die Qualität eines Abhängigkeitsdramas, bei dem man nicht so recht weiß, wo es hingeht. Diese Irritation hält nur kurz vor. Der zweite Teil des Films entwickelt wesentlich mehr Dramatik und man ist wirklich überrascht über die Wendung, die der Plot nimmt. Doch auch hier fragt man sich alsbald, wo das hinführen wird. Es wirkt beinahe so, als wäre jetzt für die filmische Aufarbeitung die erste Nach-NS-Generation dran. Kaum eine Zeit und das Verhalten der Menschen, wurde derart gut analysiert, wie die der Nationalsozialistischen Diktatur. Sind jetzt die Nachgeborenen an der Reihe? Doch auch davon entfernt sich Der Vorleser wieder und springt viele Jahre in die Zukunft, zum letzten Akt.

Der letzte Teil, in dem Michael Berg nicht mehr von David Kross sondern von Ralph Fiennes gegeben wird, liefert leider nicht die erhoffte Erhellung über die Beweggründe und das Gefühlsleben der Figuren. So wie Winslet Hanna im ersten Teil emotional reduziert anlegt, wirkt Fiennes als älteres Ich der Hauptfigur gefangen in seinem Gefühlschaos. Dass die Scham der Jüngeren über die Taten der Generation, die Hitlers Regime in der Mehrheit unterstützte, als Motiv eine wesentliche Rolle spielt, ist recht offensichtlich. Diese Scham gipfelt Ende der 60er in studentischen Massenprotesten und Revolten gegen die Obrigkeit. Und eben diese Scham und auch die Wut daraus sind es, die im Film dazu führen, dass Michael Berg nicht für Hanna Schmitz aussagt und sich später, im reiferen Alter, Vorwürfe macht. Dieses komplexe emotionale Wirrwarr zwischen den beiden mag als Metapher für die Kämpfe zwischen den Generationen dienen, liegt dem Zuschauer aber bleischwer im Magen.

Die NS-Zeit, und das Danach scheinen aktuell wieder mal cineastische Hochkonjunktur zu haben. Nebst Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat finden sich nahe beieinander das actionlastige Widerstandsdrama Unbeugsam - Defiance und das makabere Nach-Holocaust-Meisterwerk Ein Leben für ein Leben - Adam Resurrected in den Kinos. Bei der Literaturverfilmung Der Vorleser ist es aber am schwierigsten eine eindeutige Botschaft herauszukristallisieren. Der Film bleibt einfach in Zwischentönen stecken und selbst das Ende trägt nicht zur Entschlüsselung bei. Wer Fan des Buches ist oder Neuzeit-Literaturverfilmungen mag, könnte sich angesprochen fühlen. Parallel läuft aber auch Interessanteres in den Lichtspielhäusern.



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