Der Wahnsinn endete nicht 1945. Kaum eine Zeit ist historisch derart gut analysiert, wie die zwölf Jahre der NS-Diktatur. Und über kaum ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, dem Holocaust, den Genozid am jüdischen Volk, ist dermaßen viel publiziert worden. Kaum thematisiert wurde hingegen das Leid der Überlebenden. Die Traumata, welche diese Menschen ein Leben lang in sich trugen und bis ins Grab mitnahmen. Ein Leben für ein Leben ist ein verstörendes Meisterwerk, das bis an den Grund des Schmerzes führt. Ein surrealer Aufschrei gegen das Vergessen - abgründig und zutiefst bewegend.
Holocaust oder Shoah, wie dieses unbegreifliche Grauen seit 1948 in Israel genannt wird, sind nur Worte und können die Dimension der Barbarei und Unmenschlichkeit nicht in Ansatz widerspiegeln. Ganz gleich wie viele Filme gedreht, Dokumentationen gesendet und Texte geschrieben werden - es kann kein Begreifen geben. Dieses Universum aus Schmerz, Tragik und unendlichem Leid endete für die Geschichtsschreibung 1945 mit dem Untergang des Dritten Reiches. Sechs Millionen Juden waren bis dahin diesem Wahnsinn zum Opfer gefallen. Für die Überlebenden endete nichts. Sie trugen all den Schmerz, das Leid und den Irrsinn, der ihnen widerfahren war in sich und mussten damit leben - so gut es eben ging.
Ein Leben für ein Leben ist kein Holocaust-Drama im eigentlichen Sinn: basierend auf dem 1969 erschienenen Roman von Yoram Kaniuk mit dem deutschen Titel: Adam Hundesohn, der in Israel lange sehr umstritten war und heute als Meisterwerk unter den modernen Klassikern gilt, zeichnet Regisseur Paul Schrader (American Gigolo, Mishima, Der Gejagte) ein Bild vom Wahnsinn danach und dem Weg zurück ins Leben.
Mitten in der Wüste, Ende der 50er Jahre, in einer imaginären psychiatrischen Heilanstalt, die an Einer flog übers Kuckucksnest erinnert, ringen einige Überlebenden des Holocausts mit ihren Traumata. Das Absonderliche hat vielfältige Erscheinungen: Einer der Insassen fegt unaufhörlich ohne Besen, eine andere hat den Arm ewig zum Hitlergruß erhoben. Und Adam Stein (Jeff Goldblum), einstmals in den 20er und bis Anfang der 30er Jahre gefeierter Varietestar: Magier, Musiker, Medium - begnadeter Entertainer und ehemals Ehemann sowie liebender Vater, scheint der König in dieser Menagerie zu sein.
Dank seines überirdischen Charismas und seiner Gabe in die Herzen der Menschen schauen zu können, ist er Ansprechpartner für alle. Seinen eigenen Schmerz ergründet er aber nicht, und die Bemühungen der Ärzte prallen an seiner Intelligenz ab. Das Grauen, das er erleiden musste geht über jede Vorstellungskraft hinaus: Einstmals rettete er einem jungen Mann in einer seiner Shows das Leben. Zehn Jahre später wurde er zusammen mit seiner Familie deportiert. Kommandant Klein (Willem Dafoe), der das Lager leitete, zu dem man sie brachte, war der Mann dem Adam einstmals das Leben rettete. Klein erinnerte sich und bedankte sich auf seine Weise:
Er hielt sich Adam fortan als Hund. Stets musste er auf allen vieren laufen und ihn unterhalten. Adam machte das alles mit - nicht um die eigene Haut zu retten. Er hoffte Klein wohlwollend zu stimmen, damit der seine Familie rettet. Der Sadist hielt aber nichts als Grausamkeit bereit. Jahre später hat Adam das alles tief in sich vergraben. Als ein neuer Patient in die Anstalt kommt, ein Junge der sich für einen Hund hält, kommen die Erinnerungen hoch. Von den Ärzten aufgegeben, gelingt es Adam als einzigem eine Beziehung zu dem Jungen aufzubauen. Gemeinsam machen sie sich auf zur Heilung.
Es ist eine irre Reise; nichtlinear erzählt, mit oft durchbrochenem Plot, Rückblenden und Traumsequenzen. Dem Zuschauer wird keine leichte Kost serviert, und vieles nimmt zunächst nur das Unterbewusstsein auf, da sich die Aufmerksamkeit müht, aus diesem Mosaik von Splittern ein sinnvolles Bild zusammenzusetzen. Ein surrealer Trip voll makaberem und rabenschwarzem Humor, der die vordergründige Handlung halbwegs erträglich macht. Was darunter liegt ist derart schmerzvoll, dass es ungefiltert, ohne clowneske Komik, einem die Seele zerreisen könnte.
Und Stunden später fluten doch die Eindrücke aus den Tiefen des Ichs ins Bewusstsein und lassen die Tränen in die Augen schießen. Der Leib bebt und ein Zittern stellt sich ein, das so schnell nicht aufhören will. Ein Leben für ein Leben verstört, berührt, ergreift und lässt verändert zurück. Diese mutige deutsch-israelische Co-Produktion mit Starbesetzung setzt Maßstäbe und geht völlig neue und inspirierte Wege. Ein makaberes und auch hoffnungsvolles Meisterwerk, das der Realität des Grauens eine neue Facette hinzufügt. Geniales Kino mit Jeff Goldblum in der Performance seines Lebens.