Im Wettlauf gegen die Zeit und den plötzlichen Tod ist Chev Chelios wieder unterwegs. Irgendwie unverwüstlich, ob Giftresistent durch immense Adrenalinproduktion oder Stürze aus luftiger Höhe überstehend. Sogar herzlos scheint dem smarten Ganoven und Auftragskiller nicht die Puste auszugehen. In der Fortsetzung des furiosen Tempo- und Schnittspektakels Crank zeigt Statham, dass er zu Recht als waschechter Actionheld gilt. Allerdings macht ein Statham allein noch keinen wirklich guten Streifen aus. Das Sequel krankt an vielen Ecken und Enden und wird wahrscheinlich nur die eingefleischten Fans überzeugen können.
Chev Chelios (Jason Statham), ein Metzgerbeil in der Hand, vor einem Unterweltbordell und rasend vor Zorn: Natürlich hat er den freien Fall aus über 4.000 Metern überlebt (es deutete sich Ende des ersten Teils überdeutlich an); allerdings kratzten ihn die Triaden vom Boden und flickten ihn zusammen. Alles zu einem bestimmten Zweck: Chelios Herz ist ein echtes Superorgan, das einem dahinsiechenden 100-jährigen Triadenboss eingepflanzt werden soll. Nach dreimonatiger medizinischer Wiederherstellung erwachte Chelios und wurde Zeuge der Live-Entnahme seines Herzens. Glücklicherweise waren seine anderen Organe ebenfalls recht begehrt und die asiatischen Gangster spendierten ihm ein künstliches Hightech-Herz, um ihn als unfreiwilligen Lebendspender später noch auszuweiden. Allerdings nutzte Chelios die erste Gelegenheit zur Flucht. Und nun ist er dem Ganoven Johnny Vang (Art Hsu) auf den Versen, der als Kurier mit seinem Herzen unterwegs ist.
Im "Butcher-Stil" stürmt er das Unterweltbordell. Einem Tipp zufolge soll sich Vang hier aufhalten. Viel zu sehen gibt es nicht: Die Kamera gönnt sich, zusammen mit dem Zuschauer, eine kleine Pause auf dem Bürgersteig vor der Absteige, aber es dauert nur Sekunden und Gangster, Freier und Nutten rennen - oder poltern - auf die Straße. Und waren das gerade nicht ein paar Köpfe, die aus den Fenstern flogen? Doch diese kleine Einlage ist nicht mehr als ein Appetithäppchen und bei weitem noch das Unblutigste, das dieses ultrabrutale Sequel bereithält. An Tempo wurde erwartungsgemäß nicht gespart und auch das Strickmuster (von Plot zu sprechen, wäre vermessen) ist im Prinzip gleich geblieben: Statt der Vergiftung, die nur mittels kontinuierlich hohen Adrenalinpegels aufgehalten werden konnte, ist ein strombetriebenes Kunstherz getreten. Das verfügt zwar über eine externe Energiequelle; es wäre aber viel zu einfach, wenn Chelios batteriebetrieben die Schurken zur Strecke bringen dürfte. Logische Konsequenz: Der Akkupack muss weg, und Chelios darf sich in rasender Manier von einem Stromkick zum nächsten fighten.
Landete das Gespann aus den Drehbuchautoren und Regisseuren Mark Neveldine und Brian Taylor mit Crank vor drei Jahren einen echten Überraschungserfolg, der sich in einschlägigen Kreisen den Status eines Kultfilmes erwarb und der vor aberwitzigem Tempo und atemberaubenden Wendungen nur so sprühte, tischen sie mit Crank 2: High Voltage eine Fortsetzung auf, die so gar nicht stimmig ist. Dass die Figur des Chev Chelios als Auftragskiller nicht gerade zimperlich zur Sache geht, ist schon bekannt. Jetzt hat man ihm obendrein das Herz herausgeschnitten, da kann man schon mal ausrasten. Leider aber scheint der Streifen - nebst sich in begrenzter Originalität wiederholender Varianten der Wiederaufladung - nur noch aus explizit dargestellter und teilweise völlig unnötig wirkender Gewaltdarstellung zu bestehen. Gefilmt im Retrostil, der ein wenig an Gangsterfilme der 1970er-Epoche erinnert und szenischen Mitteln, die aus Tarantino- oder Guy-Ritchie-Filmen entlehnt zu sein scheinen, entwickelt Crank 2: High Voltage zu keiner Zeit einen eigenständigen Charakter.
Gewaltdarstellung als stilistisches Mittel erfüllt im Film sicherlich ihren Zweck. Nur muss sie sich aus dem Kontext halbwegs logisch herleiten oder die Handlung voranbringen. Ob beispielsweise Quentin Tarantino, Robert Rodriguez oder Zack Snyder; sie alle setzen Gewalt ein, um einen eigenständigen visuellen Charakter zu kreieren oder eine Geschichte zu erzählen, die eben nur so und nur in der Form, ohne Auslassung erzählbar ist. Dort, wo der Einsatz scheinbar nicht unbedingt vonnöten wäre, erfüllt diese explizite Darstellung andere Zwecke: sie übernimmt, wie in den Romero-Filmen, die Funktion der Gesellschafts- und Zivilisationskritik. Von einem gekonnten Einsatz dieser Mittel ist Crank 2: High Voltage weit entfernt, bedient sich aber wirr und zusammenhangslos dieser Motive. Dass dies in keiner Weise originell oder kreativ zu wirken vermag, ist regelrecht vorprogrammiert.
Bestenfalls die Idee den Film teilweise im Stile eines Arcade-Retro-Computergames anzulegen, mag da noch positiv herausstechen. Persiflierende Einlagen aus japanischen Godzilla-B-Movies erzeugen hingegen nur unfreiwillige Lacher. Nebst viel Gewalt darf sich die Fangemeinde ebenfalls auf viel nackte Haut gefasst machen: Amy Smart als Eve ist erneut mit von der Partie und es gibt, zwischen ihr und Statham, mitten auf einer Pferderennbahn eine wilde Rodeo-Sex-Nummer. Zugegeben, das ist recht abgedreht, aber nicht viel besser als der durchschnittliche American Pie-Humor. Man fragt sich allen Ernstes, welche Zielgruppe mit dieser Fortsetzung ins Auge gefasst wurde? Crank 2: High Voltage wirkt, als hätte man Itchy und Scratchy einen Realfilm spendiert. Und das Ganze wild mit "American-Pie-x-tra-Uncut" und einem Rodriguez-Streifen kombiniert.
Dem Erfolg des Films wird es vermutlich keinen Abbruch tun. Statham ist derzeit dick im Geschäft und liefert eine atemlose Achterbahnfahrt nach der anderen ab. Im kurzen Abstand folgten hintereinander Death Race, Transporter 3 und nun Crank 2: High Voltage. Statham gilt als einer der letzten echten Actiondarsteller Hollywoods. Leider scheinen für solche Helden aber die richtig guten Drehbücher rar gesät zu sein. Es wäre schön mal zu sehen, was und wie viel schauspielerische Leistung Statham in der Lage ist abzurufen, wenn er in einer guten Story aufspielen dürfte. Bis dahin muss man sich mit solchen "Crankheiten" zufriedengeben. Ein dritter Teil ist zu befürchten.