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Wenn der Sturz einen nicht umbringt, so doch oft der Aufschlag. Wer beides überlebt, dem steht die schwierigste Herausforderung bevor: das Wiederaufstehen. Nach einem Unfall liegt Stuntman Roy mit zerschmetterten Beinen im Krankenhaus. Es ist ungewiss, ob er jemals wieder wird richtig laufen können. Und selbst wenn sein Körper mitspielt, seit ihn seine große Liebe verlassen hat, ist er ohne Lebensantrieb. Klingt nach einem Psychodrama, doch wenn auf dem Regielabel Tarsem Singh steht, sind visuelle "Orgien" vorprogrammiert. Für Fans bildgewaltiger Kompositionen besonders empfehlenswert.
Schon mit The Cell bewies Tarsem Singh sein besonderes Händchen für visuell extravagante Filmkompositionen. Der Film aus dem Jahre 2000, in dem Jennifer Lopez eine Psychiaterin spielt, die mittels einer Virtual Reality Apparatur im Stile von Der Rasenmäher-Mann in die Psyche eines geisteskranken Serienmörders eintaucht, erregte, nicht zuletzt wegen seiner außergewöhnlichen Optik, großes Aufsehen.
Diesmal geht Singh noch einen Schritt weiter: Lag bei The Cell noch eine kommerzielle "Hannibal Lecter Thematik" zugrunde, welche die üblichen Pychothriller-Stereotypen und Klischees des Hollywoodkinos bemühte und bediente, löst sich Singh diesmal von diesen Korsetts und entwickelt eine Geschichte, bei der man tatsächlich nicht weiß, wo die nächste Wendung hinführt und welches Ende diese Story nehmen wird. Zu Beginn steht eine traumhafte Schwarz-Weiß-Sequenz, die klar Hommage an das klassische Kino ist und bei der, auf einer Eisenbahnbrücke, ein tollkühner Stunt zu einem Westerndreh schief geht. 1915 durchaus keine Seltenheit.
Der verunglückte Stuntman Roy (Lee Pace) liegt nach diesem Missgeschick mit gebrochenen Beinen in einem Krankenhaus und ist vom Schicksal gleich doppelt gebeutelt: Nicht nur, dass es ungewiss scheint, ob er jemals wieder wird richtig laufen können; obendrein ist er gerade von seiner großen Liebe verlassen worden, und irgendwie hat es den Anschein, als wolle er gar nicht wieder auf die Beine kommen. Im Krankenhaus lernt er die kleine Alexandria (Catince Untaru) kennen, die über eine blühende Phantasie verfügt und ein Fan abenteuerlicher Geschichten ist.
Diesen Umstand macht sich Roy zunutze: Er beginnt dem Mädchen eine phantastische Geschichte über fünf Helden zu erzählen, die aus den archetypischen Tiefen jungianischer Psychologie entstiegen zu sein scheinen. Diese befinden sich auf einem Rachefeldzug gegen den korrupten und überaus gefährlichen Gouverneur Odious, der in einer Welt lebt, die einer ekstatischen Vereinung sämtlicher Märchen und Mythen gleichkommt. Über das Geschichtenerzählen freunden sich die beiden zwar immer weiter an, Roy aber hat einen festen Plan zu dessen Umsetzung er Alexandria braucht: Mit einer Überdosis Morphium will er sich ins Jenseits befördern und Alexandria soll ihm ein Fläschchen aus dem Medizinschrank besorgen.
Man ist hin und her gerissen und fragt sich die ganze Zeit, welchem Part der Geschichte man nun eigentlich den Vorzug geben soll. Einerseits entwickelt sich eine sehr charmante Ebene zwischen dem Hauptdarsteller Lee Pace aus der TV-Serie Pushing Daisies und Catinca Untaru, die einfach nur als unglaubliche Naturbegabung beschrieben werden kann. Andererseits rauben die visuellen Impressionen der Phantasieebene derart den Atem, dass die Rückkehr immer etwas von einem harschen Fall hat.
Nomen ist Omen, der Titel kommt nicht von Ungefähr. Die Heldenfiguren fallen auf die eine oder andere Weise, und auch die Charaktere im wirklichen Leben erleben die eine oder andere Bruchlandung. Die Phantasiewelten stehen als Metaphern des Seelenlebens der Protagonisten. Solche Stilmittel sind nicht neu. Selten aber setzte ein Regisseur die innere Schau und die psychologischen Gefilde seiner Akteure derart surreal-orgiastisch in Bildern um. Dieses Kaleidoskop der Phantasie bedient sich der Motive aus klassischen Märchen, Tausend und einer Nacht, Elementen aus Jules Verne Erzählungen und allerhand mehr oder minder bekannter Mythen.
Es ist ein wilder Ritt, eine Achterbahn bildgewaltiger Schau, Panoramaoptiken und zauberhafter Orte. Getaucht in schillerndem orientalischen Farbenspiel und lebendigem Licht, wird man entführt und verzückt. Wer The Cell mochte, könnte sich in The Fall verlieben. Singh drehte für diesen Film vier Jahre in 18 verschiedenen Ländern. Die Bilder sprechen für das Ergebnis und die visuelle Originalität besticht auf ganzer Linie. Wenn es was zu mäkeln gibt, dann höchstens, dass über das bildgewaltige Schauspiel, die Realhandlung etwas schwindet. |