Mit seinem dritten Spielfilm wagte der Brite Danny Boyle 1997 den Schritt in die Vereinigten Staaten. Die Anpassungen seiner Geschichte an die amerikanischen Sehgewohnheiten sind hierbei offensichtlich und doch bewahrt Boyle seinem Film seinen eigenen, individuellen Charme. So kommt es, dass sein US-Debüt weitaus mehr ist, als eine durchschnittliche Komödie.
Für europäische Regisseure ist der Schritt nach Amerika oftmals eher ein Schritt zurück als nach vorne. Der Norweger Ole Bornedal hat sich 1997 wieder zurück in die Heimat gemacht, als er mit seinem eigenen Remake, Freeze - Albtraum Nachtwache, gescheitert war. Sein schwedischer Kollege Mikael Haftström hat es dagegen durchgezogen, selbst wenn sein Debüt Entgleist eher durchwachsen war. Die Problematik ist offensichtlich: durch ihre innovativen Arbeiten werden die europäischen Filmemacher nach Hollywood gelockt. Dort ist die Innovativität der jungen Wilden dann aber nicht sonderlich gefragt, weil zu riskant zu vermarkten. Stattdessen müssen sie sich an den dortigen Konsummarkt anpassen und zuschauerfreundliche Geschichten an den Mann bringen. Das klappt mal mehr und mal weniger. Immerhin hat es Danny Boyle nach seinen kultigen Beiträgen Kleine Morde unter Freunden sowie Trainspotting - Neue Helden geschafft, in seinem US-Debüt Lebe lieber ungewöhnlich noch seine eigene Note mit einzubringen.
Boyles ehemaliger Stammdrehbuchautor John Hodge liefert hier quasi eine Stockholm Syndrom Komödie ab, in welcher sich Ewan McGregor als stylisch fragwürdiger Entführer um eine verwöhnte Cameron Diaz kümmern muss. Speziell in seiner ersten Hälfte bedient sich der Film größtenteils der gängigen Entführungsklischees für seinen Humor. Da kann es schon mal vorkommen, dass McGregor fragt, wie er sich denn so schlägt als Entführer, während Diaz erzählt, wie sie bereits mit zwölf Jahren entführt wurde. "Das ist ja schrecklich", befindet McGregor dann bestürzt, während er sein Opfer an einen Stuhl fesselt. Ohnehin ist des Öfteren die Frage, wer hier eigentlich der Entführer ist, da McGregor weder gebacken kriegt Blut zu sehen, noch entsprechende Lösegeldforderungen an den Vater seines Entführungsopfers zu richten. "Du bist der schlechteste Kidnapper dem ich je begegnet bin", entgegnet Diaz letztlich und nimmt ihre eigene Entführung kurzerhand selbst in die Hand. Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, machst du es am besten selbst.
Dabei bezieht der Film natürlich viel von seinem Humor aus den unterschiedlichen Hauptfiguren. McGregors Robert ist eine Putzkraft, die es danach sehnt einen Trash-Roman über die uneheliche Tochter von John F. Kennedy und Marilyn Monroe zu schreiben. Da wird er Opfer der fortschreitenden Technologisierung und durch einen Roboter ersetzt. Sogar einen, der seine Arbeit besser und zuverlässiger macht, als Robert selbst. Des Unheils nicht zu wenig, macht am selben Tag auch gleich noch seine Freundin mit ihm Schluss. Grund genug für Danny Boyle, sich ein wenig zu profilieren. Der erklärte Francis Ford Coppola Fan nutzt den Moment, um jene Szene des Ausdrucks von Unheil in Coppola-typischem Rot-Ton zu halten. Der Grundstein für das folgende Road-Movie ist somit gelegt. Im krassen Gegensatz zu Robert steht Diaz' Figur der reichen Celine. Diese leidet unter dem Patriarchat ihres Vaters (Ian Holm), der von ihrer Inkompetenz nicht sonderlich erfreut ist. Das Verhältnis der beiden wird am deutlichsten, wenn Celine Robert erzählt, dass ihr Vater damals sechs Wochen gewartet hatte, ehe er sie mit dem Lösegeld befreite. Es ist also keine herzliche Beziehung zwischen Vater und Tochter, was auch erklärt, weshalb Celine Robert unentwegt dazu anspornt, das Szenario ihrer Entführung durchzuziehen.
Typisch für einen Danny Boyle Film ist auch in Lebe lieber ungewöhnlich die musikalische Untermalung, die hier im Vergleich zu seinem Vorgänger Trainspotting - Neue Helden jedoch sehr viel dezenter wirkt. Auch die Bilder wirken ruhiger und zurückhaltender, als es der Brite in Trainspotting - Neue Helden oder The Beach - die beiden Filme, die Lebe lieber ungewöhnlich flankieren - zu inszenieren pflegte. Somit ist das Werk, für welches er damals seine Beteiligung an Alien - Die Wiedergeburt abgesagt hatte, im boyleschen Verständnis weder Fisch noch Fleisch. Sicherlich gefallen einige musikalische Untermalungen ebenso wie die eine oder andere visuelle Spielerei. Insgesamt ist dies jedoch zu zahm für einen richtigen Film des Briten und zu schräg für eine konventionelle Hollywood Komödienromanze.
Mitunter wirkt die Handlung leicht konfus, einige Wendungen nicht immer plausibel und das Tempo des Filmes gerät ins Stocken. Ohnehin ist Lebe lieber ungewöhnlich vielleicht Boyles schwächster Film, aber deshalb nicht zwingend ein schlechter Film. Die Chemie zwischen McGregor und Diaz stimmt, auch Lindo und Hunter spielen munter auf, während Holm leider etwas unter seiner geringen Präsenz zu leiden hat. Für ein amerikanisches Debüt ist das Gesamtpaket jedoch ordentlich, wobei der Film gemeinsam mit The Beach deutlich macht, dass der amerikanische Mainstreammarkt Danny Boyle nicht so recht liegen mag (welch Ironie, dass Slumdog Millionär dafür so ein Aufsehen bei amerikanischen Filmkritikern erregt). Boyles Platz ist und bleibt nun mal abseits des Geschehens, wo er sich frei entfalten und verwirklichen kann. Dass er ein Großer seiner Zunft ist, das merkt man schon daran, dass selbst seine beiden schwächeren Filme ihren Charme besitzen. Lebe lieber ungewöhnlich ist eine absurde, irrationale Geschichte. Wieso glauben wir sie also? Weil wir Träumer sind.