Bewegender, poetischer Film über die Freiheit von Gedanken und Chancen, die das Leben bietet. Regisseur Amin Matalqa gelingt es, die volle Bandbreite der menschlichen Emotionen anzusprechen, ohne den Film dabei gekünstelt wirken zu lassen. Der Film wurde als jordanischer Beitrag für den Auslands-Oscar vorgeschlagen, doch gelangte nicht zur Nominierung. Das wäre ihm jedoch durchaus zu wünschen gewesen, denn Captain Abu Raed ist eine seltene Perle, die nicht unbeachtet bleiben sollte.
Der alte Abu Raed arbeitet am Flughafen von Amman. Dort wischt er die Böden, leert die Mülleimer und macht ab und zu mal gemütlich Pause. Abends fährt er mit einem Shuttlebus wieder nach Hause, steigt eine Menge Stufen zu seinem Vorstadthaus hinauf und bereitet sich einen Tee, den er auf der Dachterrasse trinkt. Abu Raed gießt stets zwei Tassen Tee ein, eine für sich und eine in täglichem Gedenken an seine verstorbene Ehefrau.
Abends muss er immer wieder mit anhören, wie sein Nachbar im Suff Frau und Kinder schlägt, aber auch die anderen Kinder des Viertels haben es nicht leicht. Denn Abu Raed lebt in einem eher ärmlichen Stadtteil, dessen Bewohner im Leben nie große Chancen haben werden.
Eines Tages findet Abu Raed eine Pilotenmütze. Auf dem Weg zu seiner Haustür zieht er sie an, weil er sonst seine Einkaufstüten nicht tragen kann. Da glauben die Kinder plötzlich, dass Abu Raed ein Pilot ist, der schon um die ganze Welt geflogen ist. Sie wollen wissen, wie es so ist in Paris, in New York, in Australien und anderswo.
Abu Raed kann nicht anders, als den Kindern Hoffnung zu geben, indem er ihnen von Abenteuern erzählt, die er selbst nie erlebt hat. Doch da er sehr belesen ist, fällt es Abu Raed nicht schwer, immer neue, abenteuerliche Geschichten zu präsentieren. Als die Kinder dann doch entdecken, dass Abu Raed nur Hausmeister am Flughafen ist, platzen alle Seifenblasen. Doch das wahre Leben hätte die Kinder sowieso eingeholt: Der gewalttätige Vater des einen wird sowieso nie ausgeblendet werden können, dass ein anderer Vater sein Kind aus der Schule nimmt, damit es für ihn Geld verdient, ebenso wenig. Da könnten tausend Abu Raeds nicht helfen.
Dass Abu Raed den Kindern Geschichten erzählt, ist jedoch nur ein nebensächlicher Handlungsstrang. In Wirklichkeit beschreibt der Film das Leben in einem armen orientalischen Land, das nur wenigen einen wirklichen Aufstieg ermöglicht. Während man von der rauen Schönheit von Amman hingerissen ist, wird schnell offenbar, dass die dortige Kultur bei weitem nicht so fremdartig ist, wie man oft selbst zu glauben versucht ist.
Die bewegende Geschichte um einen Witwer, der einen geruhsamen Lebensabend zu verbringen sucht, ist weltweit anwendbar (sie hätte von Alaska bis Feuerland, von Portugal bis Peking angesiedelt werden können) und vermittelt, dass jeder im Leben eine Chance hat und nur ergreifen muss. Die Kunst besteht darin zu erkennen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Regisseur Amin Matalqa kann davon ein Liedchen singen: Geboren und aufgewachsen in Jordanien und ausgewandert in die USA, hegte er schon immer den Traum, selbst Filme zu machen. Erst nach einem Uniabschluss und mehreren Jahren Arbeit in der freien Wirtschaft entschloss er sich, den Traum wahr zu machen und drückte noch mal die Schulbank. Captain Abu Raed, sein erster Spielfilm, ist zugleich auch der erste jordanische Film, der außerhalb des Landes überhaupt in die Kinos kommt. Hier bietet sich also eine gute Gelegenheit, dem jordanischen Film einmal eine Chance zu geben und ihn selbst im Kino in Augenschein zu nehmen.