Ein bislang ungeklärter Mord im tiefsten Hinterland in Bayern hat bereits viele Machwerke inspiriert. So entstand neben Dokumentationen und Spielfilmen auch der Roman Tannöd von Andrea Maria Schenkel, der die ganze Geschichte in einem spannenden Kriminalroman verpackte und dessen Verfilmung noch im Jahre 2009 ebenfalls in die Kinos kommen soll. Dem Mythos des merfachen Mordes wiederum nahm sich auch Regisseurin Esther Gronenborn als Ausgangsbasis, um schließlich den Kinofilm Hinter Kaifeck mit Starbesetzung zu inszenieren. Leider fehlt dem Streifen über die gesamte Laufzeit die Spannung, was durch die teils sehr verworrene Erzählung noch verschlimmert wird.
Mysteriöse Mordfälle oder ganze Mordserien erregen seit jeher die Fantasie von Filmemachern. So wurde beispielsweise Jack the Ripper immer wieder gerne verwendet, um das Publikum in Angst und Schrecken zu versetzen. Im Falle der Kaifeck-Morde von 1922 ist sogar eine gesamte sechs-köpfige Familie in einer einzigen Nacht scheinbar grundlos ausgelöscht worden. Die Tat ist nach wie vor ungeklärt und gibt nicht gerade wenig Rätsel auf. Noch heute wird daher nachgeforscht und rekonstruiert, um die Schreckenstat in der Nacht des 31.03.1922 besser verstehen und einordnen zu können. Inspiriert von dieser Geschichte, hat Esther Gronenborn die alte Überlieferung in eine neuere Zeit verfrachtet und einen Mystery-Thriller daraus gemacht.
Marc ist als Fotograf in Bayern unterwegs, um urtümliche Gebäude und Gebräuche für einen Bildband festzuhalten. Er wird dabei von seinem Sohn Tyll begleitet, der sich die Reise aber irgendwie interessanter vorgestellt hat. Als sie ihr Weg in das kleine Dorf Hinterkaifeck führt, finden sie Unterschlupf in der zum Gästehaus umgebauten Scheune der Familie Lukas. Juliana Lukas, die sich sowohl um ihre behinderte Mutter als auch ihre kranke Oma kümmern muss, ist von Marc angetan und steht ihm mit Rat und Tat zur Seite. Sie macht ihn darauf aufmerksam, dass bald die Rauhnächte vor der Tür stehen und die damit verbundenen Perchtenumzüge stattfinden. Ein alter Brauch, bei dem sich die Dorfbewohner in schreckliche Monstergewänder kleiden, um den Teufel auszutreiben. Tolle Motive für die Fotosammlung vermutend, beschließen die beiden Besucher so lange in dem Dorf zu bleiben. Doch bereits in der ersten Nacht wird Marc von seltsamen Träumen heimgesucht, Bilder, die er nicht einordnen kann. Als er bei einer Erkundungstour mit Tyll auf einen verlassenen Hof im Wald stößt, wird die Sache immer mysteriöser. Auf Nachfragen bei den Dorfbewohnern bekommt Marc nur wenig Antworten. Von Juliana erfährt er schließlich von dem schrecklichen Mord auf dem Hof im Wald, bei dem alle Mitglieder der Familie Gruber, sowie deren Magd ermordet worden waren. Bald wird Marc klar, dass es mit diesem Ereignis in der Vergangenheit mehr auf sich haben und er selbst darin irgendwie verwickelt sein muss.
Grundsätzlich wurde bei der Inszenierung von Hinter Kaifeck der richtige Weg eingeschlagen. Man nahm sich lediglich diesen sechs-fachen Mord zum Anlass für eine mysteriöse Geschichte und dichtete sich den Rest zusammen, wie es eben für den Fortlauf der Filmhandlung nötig war. An sich das richtige Vorgehen, um eine spannende, mitreißende und gut erzählte Geschichte zu präsentieren. Leider schießt man dabei aber so deutlich über das Ziel hinaus, dass von der erhofften Spannung und gut funktionierenden Geschichte überhaupt nichts mehr übrig bleibt.
Die Inszenierung ist überladen mit Motiven und gibt dem Zuschauer nur selten die Möglichkeit, zu überblicken, was gerade geschieht. Da werden Traumsequenzen eingebaut, deren Ursprung absolut ungeklärt bleibt. Details werden eingeführt, die ins Leere laufen und mit dem eigentlichen Fortgang der Geschichte überhaupt nichts zu tun haben. So findet sich beispielsweise Benno Fürmann nach seiner ersten Nacht in der Scheune, in der er intensiv geträumt hat, morgens komplett angezogen und mit schmutzigen Stiefeln im Bett wieder. Der Kenner von derartigen Filmen erwartet sich von solchen Umständen automatisch Konsequenzen für die Handlung, die allerdings gänzlich ausbleiben. Somit wird der Zuschauer mehr verwirrt, als dass er Teil der Geschichte würde und gemeinsam mit dem Hauptakteur die Puzzleteile zusammenfügen könnte. Das nimmt dem Film jegliche Grundlage von Spannung oder Thrill.
Was übrig bleibt, ist eine lahme Geschichte, die vorn und hinten nicht passt. Dabei geht es überhaupt nicht um irgendwelche Fakten, die Mordfälle betreffend, da dies, wie schon erwähnt, ohnehin nicht der Anspruch war. Wenn man sich allerdings solch ein Universum um die Geschichte aufbaut, so sollten auch zeitliche Abläufe zumindest einigermaßen glaubwürdig sein und nicht irgendwelche Zeitspannen eingebracht werden, die offensichtlich nicht zu den Gegebenheiten im Film passen können. Auch sollte man sich entscheiden, ob man die Handlung in eine reale Umgebung versetzt, oder ob übernatürliche Ereignisse eine Rolle spielen. Dies ist bis zum Schluss unklar und lässt die Story im Nachhinein nicht gerade besser erscheinen.
Mit Benno Fürmann und Alexandra Maria Lara hat man sich zwar hochkarätige Schauspieler ins Boot geholt, die ihre Sache auch grundsätzlich solide machen. Allerdings agieren ihre Charaktere teilweise auf eine Art und Weise, die man beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen kann, was das gesamte Gefüge zusätzlich ins Wanken bringt. Hier hätte man deutlich mehr auf Details und Glaubwürdigkeit achten müssen. Die Tatsache, dass in einem Ur-Bayrischen Dorf kein einziger Bewohner auch nur annähernd einen bayrischen Akzent hat, mag eine Nichtigkeit sein und die Erwähnung rührt vielleicht von bayrischer Eitelkeit her, trägt aber zusätzlich nicht zur Glaubwürdigkeit des ganzen Films bei. Welche Funktion genau der kleine Sohn des Hauptcharakters eingenommen hat, ist bis zum Schluss nicht ganz klar. Genauso gut hätte man sich den Charakter des Tyll, gespielt von Henry Stange, auch sparen können und es hätte nicht allzu viel geändert.
Im Nachhinein betrachtet ist Hinter Kaifeck ein typischer Fall von "gewollt und nicht gekonnt". Man hätte eine recht spannende Geschichte gehabt, wollte sie aber so gezwungen spannend und gruselig gestalten, dass man damit alles kaputt gemacht hat.