Willkommen in der Welt von Antoine: 42 Jahre, Mitinhaber einer erfolgreichen Werbeagentur, mit einer bildhübschen Frau verheiratet und zwei wunderbare Kinder seineigen nennend. Genau die richtige Ausgangslage, um mal so richtig auszuflippen und allen so die Meinung zu geigen, wie er es vielleicht immer schon mal vorhatte. Regisseur Jean Becker meldet sich mit einem gefühlsbetonten Drama zurück, das zu Beginn mit der irrwitzigen Intensität einer makaberen Satire startet und in einer melancholischen, schwelgerischen Stimmung recht abrupt endet. Starkes Kino mit mauem Abgang.
Ohne größeren Anlass rastet der Werbefachmann Antoine (Albert Dupontel) eines Tages aus: Mitten in einem wichtigen Kundenmeeting erzählt er offenherzig seinem verdutzt dreinblickenden Auftraggeber, was er von dessen albernen und geschmacklosen Diätjoghurt hält, für den er eine Werbekampagne gestalten sollte. Das war es dann mit dem Kunden. Antoine läuft sich aber gerade erst warm. Da kommt ihm gerade recht, dass eine Freundin seiner Frau Cécile (Marie-Josée Croze) ihn kurz vorher in einem Café mit einer anderen Frau hat sitzen sehen. Cécile glaubt nun, er hätte eine Affäre und Antoine denkt gar nicht daran, zu widersprechen. Trennung? Prima, nur zu! Er erstickt schon lange in dieser festgefahrenen Ehe, behauptet er. Doch bevor sich die beiden einen Anwalt nehmen, müssen sie noch gute Miene zu Antoines Geburtstagspartie machen. Die Gäste sind schon lange eingeladen; alles Freunde der Familie, die kann man jetzt nicht mehr ausladen.
Aber vor den Kopf stoßen. Und Antoine nimmt kein Blatt vor den Mund: Ob einem alten Freund sagen, dass seine aktuelle Partnerin höchstens den IQ eines Kanarienvogels besitzt oder der Frau eines anderen an die Brüste grapschen - was für ein Spaß. Doch außer Antoine scheint das keiner wirklich witzig zu finden. Niemand versteht was mit ihm los ist. Und am nächsten Tag hat Antoine schon gepackt und fährt davon. Da gibt es noch jemanden anders, mit dem er ein paar Takte reden muss.
Nachdem man sich von diesem augenscheinlichen Satire-Blitzstart erholt hat; entweder kringelte man sich vor Lachen, angesichts solch grotesker Komik, auf dem Boden oder bekam den Mund vor lauter Entsetzen nicht mehr zu; steigt man zu Antoine ins Auto und fährt gemeinsam mit ihm zu seinem mysteriösen Ziel - falls er überhaupt eines hat. Und schon verwandelt sich die bizarre Komödie, in der man zu stecken dachte, in ein melancholisches Roadmovie und nimmt ganz still einen neuen Rhythmus und Tempo an.
Was Antoine tat, geschah nicht ohne Grund. Und der war nicht, alle mal aus Jux richtig fertig machen zu wollen. Dazu ist Antoine viel zu sehr Gutmensch. Es muss einen tieferen Beweggrund geben. So ohne weiteres zerstört schließlich niemand ein solches Leben. Antoine musste einen Schlussstrich ziehen, alles hinter sich lassen, um das zu tun, was er seit 30 Jahren nicht zu tun wagte. Mit der Festlegung auf Roadmovie, wird man sich also auch keinen dauerhaften Gefallen erweisen. Antoine befindet sich zwar durchaus auf einer Reise; die ihn sogar bis nach Irland führt; möglicherweise ist es sogar eine Mission, doch diese Motive verfliegen rasch und man findet sich in einem kauzigen Gefühlsmelodram wieder. Beherrscht von einem lange erstickten Konflikt, und dominiert vom erstarrten Gefühlsleben zweier Menschen, die sich seit einer halben Ewigkeit nichts zu sagen hatten. Wobei, soviel sei verraten, es nicht unbedingt Antoines Schuld war.
Der Film ist die Adaption des Romans Deux jours a tuer, von dem Regisseur Jean Becker, nach eigener Aussage, vom ersten Augenblick an wie gebannt war: Ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Meine Neugier war sofort geweckt, ich war ganz betroffen von dem Verhalten dieses Mannes, der an einem einzigen Wochenende sein Leben aufgab. Am Anfang des Romans versteht man überhaupt nicht, was eigentlich vor sich geht, und warum Antoine so unverständlich reagiert. Er ist widerlich zu seiner Frau, gefühllos zu seinen Kindern, greift seine Freunde an. Mir gefiel die Geschichte, vor allem weil am Ende eine plausible Erklärung geliefert wird.
Und ganz so verhält es sich auch im Film, den Jean Becker ganz nahe am Roman gehalten hat. Das Drehbuch im ganzen zweiten Abschnitt des Films kam sogar aus der Feder von Fracois d'Epenoux selbst, dem Autor der Romanvorlage. Doch bei aller Lobhudelei, Tage oder Stunden hält nicht ganz das, was versprochen wird. Für Dialog mit meinem Gärtner wurde Jean Becker bereits reichlich mit Lob bedacht. Und auch mit diesem Film präsentiert er französisches Kino der schauspielerischen Extraklasse. Daran gibt es prinzipiell nichts zu rütteln. Das Problem ist vielmehr, dass es im zweiten Teil einfach zu schnell geht.
Wieder wird man als Zuschauer völlig überrumpelt. Die Auflösung ist zwar nicht unplausibel. Doch genau da, wo eine neue gefühlsbetonte Intensität und Spannung einsetzt und man noch gerne ein wenig an dieser Stimmung und Atmosphäre teilhaben wollte, die stark von den malerischen Landschaften des irischen Connemaras getragen wird, setzt das Ende abrupt ein. Oft entpuppen sich anderthalb Stunden Film als die doppelt oder dreifach gefühlte Spanne. Hier scheinen die angesetzten 85 Minuten einfach zu kurz, um dem letzten Bogen der Handlung inhaltlich den nötigen Unterbau zu verpassen. So muss man sich mit einem plausiblen, aber etwas übers Knie gebrochenen Schluss zufrieden geben. Weniger ist leider auch nicht immer mehr.