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Hier gilt mein Gesetz, lautet seine Devise. Der Leiter des Wachdienstes eines Einkaufscenters Ronnie, hat eine etwas übersteigerte Rechtsauffassung. Gelegentlich gehen da schon mal die Pferde mit ihm durch. Insbesondere, wenn so ein Sittenstrolch sein Unwesen in Ronnies Revier treibt. Shopping-Center King liefert ein groteskes Portrait eines vom Platzhirschsyndrom gepeinigten Amok-Pseudocops, das sich im ersten Augenblick als skurrile Komödie tarnt, aber sich im Nachhinein als bissige Satire entpuppt. Sehenswert, aber mit Vorsicht zu genießen.
Ich bin nichts, ich kann nichts, ich habe von nichts eine Ahnung; aber gebt mir eine Uniform, einen Schlagstock und eine blinkende Spielzeugmarke und aus einem dümmlichen Heini, weit in den Dreißigern, der immer noch mit seiner Säufer-Mutter unter einem Dach haust, wird ein Super-Cop. Willkommen in der Phantasie(-Welt) von Ronnie Barnhardt (Seth Rogen). Er ist das Gesetz; die fleischgewordene Verkörperung von Recht und Ordnung. In seinem Einkaufzentrum regiert er mit stahlharter Hand. Der Leiter des hauseigenen Sicherheitsdienstes wacht mit Adlerblick über das ihm anvertraute Einkaufscenter. In Wahrheit aber zu Höherem berufen: Eines Tages wird die Staatsmacht sein Potenzial der Verbrechensbekämpfung erkennen und ihn in den Polizeidienst aufnehmen. Und was für einen überragenden Police-Officer würde er abgeben. Dirty Harry ist nichts dagegen.
Ronnies große Chance kommt, als ein Exhibitionist sein Unwesen im Einkaufzentrum zu treiben beginnt; über den Parkplatz oder durch die Ladenlokale streift und sein einziges Kleidungsstück, den obligatorischen Trenchcoat, lüftet, um der Damenwelt sein "Ding" zu zeigen. Als der Unhold es sogar wagt, sein Geschlecht vor Brandi, Ronnies Traumfrau aus dem Parfümerie-Shop, zu entblößen und der guten Brandi - die in Wahrheit als recht gut durchturnte Matratze gilt - beinahe ein Trauma fürs Leben verpasst, brennt bei Ronnie die letzte (?) Sicherung durch: In seinem schlecht ausbalancierten Oberstübchen avanciert nach diesem Attentat die "Mission Perverser" zu seinem persönlichen "Gihad". Natürlich möchte er auch besonders gut vor Brandi dastehen. Leider nur ist inzwischen die echte Polizei eingetroffen. In der Person des Detective Harrison (Ray Liotta), der sich der Angelegenheit annimmt und Ronnie nicht nur in Punkto Zuständigkeit auf die Reservebank verdonnert, sondern ihm obendrein bei Brandi in die Parade zu fahren droht. Ronnie muss dringend etwas tun, um seine Angebetete für sich zu gewinnen und den Bullen beweisen, wer im Shopping-Center wirklich King ist.
Mit Fug und Recht wird dieses bizarr-groteske Machwerk als eine Mischung von Der Kaufhaus Cop und Taxi Driver beschrieben. Im Gewand des harmlosen Ulks steckt eine bitterböse Satire. Hier wird nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen; man weiß gar nicht genau, wie und wo beginnen. Shopping-Center King quillt nur so über, vor brutalen Attacken auf den guten Geschmack und liefert pausenlos Tiefschläge gegen die amerikanische Sicherheitsmoral und Selbstschutzmentalität. Kein Wunder also, dass der Film in den USA floppte. Ein Grund mehr sich der bösen Attitüden dieses abgründigen Streifens zu widmen.
Ronnie, die Hauptfigur, lebt in einer Scheinwelt: Er sieht sich selber beinahe von der Vorsehung bestimmt, das Recht zu verteidigen. Jegliche Angemessenheit, falls er so etwas jemals kannte, ist ihm längst abhanden gekommen. Ob nun Teenager unerlaubter Weise mit dem Skateboard durch die Flure des Einkaufscenters fahren oder sich ein Krimineller einer echten Gewalttat schuldig macht; für ihn spielt alles in derselben Liga und gehört mit aller Härte bestraft. Mit diesem verzerrten und übersteigerten Gerechtigkeitssinn erinnert die Figur entfernt an den Marvel-Helden The Punisher, verfügt aber nicht über dessen Hintergrund. Vielmehr handelt es sich (oberflächlich) um einen Durchschnittsloser, der noch nie eine Freundin hatte und mit seiner Alkoholiker-Mutter zusammen haust. Mit Pseudo-Polizeimütze sowie Fantasieuniform des privaten Wachdienstes darf er den Sheriff geben, während sich hinter seinem Rücken alle über ihn amüsieren. Man könnte fast Mitleid haben, mit der armen Wurst.
Tatsächlich ist Shopping-Center King kein Film der auf Anhieb packt oder gar "funktioniert". Vielmehr sitzt und erwartet man, dass der Streifen komödiantisch loslegt und es etwas zu Lachen gibt. Stattdessen werden, völlig atypisch für eine Komödie, die Figuren sorgsam entwickelt und skizziert. Das liefert nicht wirklich spaßige Unerhaltung, sorgt aber wegen der grotesken Zeichnung der Charaktere und ein wenig auch der Milieus, für kopfschüttelndes Schmerzgrinsen. Fragte man sich anfangs, wo eigentlich der Witz lauert, fegt die erste unvermittelte Gewalteskalation alle grüblerischen Momente weg. Eben noch galt es einen Nichtsnutz beim jämmerlichen Vierfüßlerlauf begutachten zu dürfen, explodiert plötzlich die Szenerie, als Ronnie ein paar Crack-Dealern mit dem Teleskopschlagstock seine Form von Gerechtigkeit nahe bringt.
Es dauert etwas bis man sich davon erholt hat und grundsätzlich wäre Ronnie danach als Psycho dauerhaft stigmatisiert; wenn er anderseits nicht irgendwie auch ein netter Kerl wäre, der einfach im Leben nie Annerkennung bekam und dem nun die Pseudo-Machtbefugnisse seines Käseglockenreiches massiv zu Kopf gestiegen sind. Er selbst sieht sich als Alphatier, ist damit aber alleine. Das Besondere an diesem Film ist, dass er sich unterschwellig mit solchen verkorksten Egostrukturen auseinandersetzt. Wie viel oder wie wenig es bedarf, sich als Herrscher über sein imaginäres Königreich zu sehen oder als entrechteter Niemand? Der Show-Down am Ende sagt alles: der Amokgalopp eines fallenden Königs. Aber nicht die Sicherheitsdienst-Leute allein sind anfällig für Größenwahn: Die regulären Cops, enttarnt als schmierige selbstherrliche "Arschlöcher", die das Prädikat Gesetzesdiener ad Absurdum führen, schneiden nicht viel besser ab. Und wer wäre für so eine Rolle prädestinierter als Ray Liotta? Wer bissige Satiren mit einer ordentlichen Portion Hintergründigkeit mag, wird Shopping-Center King lieben, die anderen machen besser einen Bogen drum. |