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Mit Mitte 20 spielte er in Die Reifeprüfung einen Schüler, verführt von einer reifen Frau. Mit über 70 ist es nun an ihm, der über 20 Jahre jüngeren Emma Thompson den Kopf zu verdrehen. An den für Hoffman typischen Figuren hat sich indes nicht viel verändert: Er scheint nach wie vor der Prototyp des leicht düsfunktionalen, aber sympathischen Antihelden zu sein. Herausgekommen ist eine charmante Geschichte, bei der sich alles um die letzte Chance dreht. Schönes Kino mit positiver Aussage und altersloser Leichtigkeit, das nicht den Fehler begeht, die späte Liebe unerträglich zu verschnulzen.
Für Harvey Shine (Dustin Hoffman) läuft es derzeit nicht gut. Einstmals hatte er den Traum, ein großer Pianist zu werden. Gereicht hat es zum Werbe-Jingle-Komponisten in New York. Und sogar dieser Job steht auf der Kippe. Nun muss er auch noch nach London zur Hochzeit seiner Tochter Susan (Liane Balaban). Seine Ex-Frau Jean (Kathy Baker), die inzwischen mit ihrem neuen Mann Brian (James Brolin) zusammenlebt, hätte auf Harveys Gegenwart verzichten können. Einstmals voller Witz, Charme und Kreativität, ist er inzwischen in ihren Augen nur noch jemand, der zuviel trinkt und sich selber im Wege steht. Zur Sicherheit, hat sie ihm auch gleich in einem separaten Hotel, weg von den anderen Gästen, ein Zimmer gebucht.
Kaum gelandet, nimmt alles seinen unvorteilhaften Gang: Harvey pöbelt eine Flughafenkraft an, die ihm ein paar Fragen stellen wollte; erscheint zum Dinner am Vorabend der Hochzeit in einem völlig unpassenden Jackett, an dem noch das Sicherungsetikett des Kaufhauses prangt. Und zur Belohung darf er am äußersten Ende des Tisches Platz nehmen und erfährt, dass bei der Trauung der Stiefvater die Ehre haben wird, die Braut zum Altar zu führen. Harvey lässt das alles über sich ergehen, will aber gleich am nächsten Tag abreisen. Wenigstens kann er versuchen seinen Job in New York zu retten.
Noch am Flughafen in London begegnet ihm eine alte Bekannte: Kate (Emma Thompson) macht Mittag im selben Café wie Harvey. Er erinnert sich an sie: die Flughafenkraft, die er unfreundlich abfertigte. Harvey spricht sie an, will sich entschuldigen. Nach einem holprigen Beginn wegen Kates kalter Schulter, dringt er mit seinem leicht eingerosteten Charme doch zu ihr durch. Auch für Kate war das Leben kein Honigschlecken. Sie ist nicht mehr ganz jung und mit den Männern hat sie im Prinzip abgeschlossen. Außer frustrierenden arrangierten Blind-Dates läuft da ohnehin nicht viel. An Harveys Hartnäckigkeit ist aber etwas Rührendes, und so beschließt sie ein wenig Zeit gemeinsam mit ihm zu verbringen.
Es ist schon ein Kunststück mit über 70 noch einen jungenhaften Charme zu versprühen und dabei so authentisch zu wirken. Mitunter liegt das daran, dass Hoffman sich voll seiner Rolle hingibt. Wenn er spielt, sieht er die Welt nicht mehr mit eigenen Augen, sondern mit denen Harveys. Er agiert gewissermaßen ohne Schnörkel aus der Mitte heraus und wirkt dadurch stets glaubwürdig. Trotz aller schrulliger Skurrilität, die der Figur anhaftet, gelingt es ihm somit nie ernstlich zu überzeichnen. Er hält bravourös die Balance. Seine Filmpartnerin Emma Thompson, in der Rolle einer Frau, die vom Leben nicht mehr das große Glück erwartet und bereits mit dem Ausbleiben von Unglück zufrieden scheint, ist ebenso präsent; vielleicht sogar ein Stückweit realer, da Hoffman als Antiheld mit Talent in peinliche Situationen zu stolpern, manchmal Erinnerungen an Blake-Edwards-Filme im Stile von Der Partyschreck weckt.
Unterstrichen wird diese Wirkung durch die, nie konstruiert wirkende, Unperfektion, die Hoffmann ausstrahlt. Besonders markant im Kontrast beim Aufeinandertreffen mit James Brolin. Dieser ist schlechthin das maßgeschneiderte Mannsbild: groß, breitschultrig und gut gebräunt; Hoffmann/Harvey steht neben ihm eindeutig auf verlorenem Posten, macht aber gleich wieder Boden gut: Die neuen Freunde und Familie der Tochter, alle schön, durchgestylt, erfolgreich, in feiner Perfektion beisammen, wirken wie ein Haufen Highsociety-Schmocks. Man kommt einfach nicht umhin, sich mit Harvey zu solidarisieren. Und Liane Balaban als Harveys Tochter lädt nicht eben zur Sympathie ein: Die mangelnde Herzlichkeit ihrem "peinlichen" Vater gegenüber, mag das Spannungsverhältnis zwischen den beiden verdeutlichen, verhilft ihr aber nicht unbedingt zu einem vorderen Platz auf der Beliebtheitsskala.
Dieses auf Zuschauererwartung nicht Optimierte und ein Stückweit Unbequeme macht vielleicht den besonderen Charme und die eigentliche Stärke des Films aus. Die Protagonisten sind alles andere als glatt gebügelt. Und auch die optische Verschiedenheit zwischen Hoffmann und Thompson wirkt zunächst befremdlich: Thompson ist nicht nur jünger als Hoffmann, sie ist auch größer. Vom Schein her passen die beiden nicht wirklich gut zusammen. Dass aber dieser Schein trügen kann, lässt sich womöglich als Botschaft des Films resümieren. Vielleicht auch, dass die Unterschiede an denen man sich früher gestoßen hätte, wie Alter, Körperlichkeit, weit entfernte Lebensorte, ab einer bestimmten Lebensphase mehr und mehr in den Hintergrund treten.
Liebe auf den zweiten Blick trägt im Original, sinnigerweise, den Titel: Last Chance Harvey. Auch wenn das Thema eigentlich alterslosgelöst ist - schließlich ist niemand vor Amors Pfeilen gefeit - spielt die Zeit schon eine wichtige Rolle. Wenn man nicht mehr ganz jung ist, sind die Entscheidungen, die man trifft, wesentlich bedeutungsvoller. Besonders im Spiel Emma Thompsons zeigt sich das. Ihre Figur Kate ist einfach schon zu oft enttäuscht worden. Eine weitere herbe Erfahrung würde sie vielleicht nicht verkraften. Sie schützt sich also vor der Liebe. Harvey hingegen, scheint nur gewinnen zu können. In New York hält ihn beim ungeliebten Job ohnehin nicht mehr viel. Am Ende mag das als Auflösung ohne echtes Dilemma zu simpel wirken. Doch der Film ist deswegen nicht weniger sehenswert. Auf jeden Fall um Längen besser als Das Lächeln der Sterne, da er ohne Schnulz und Melodramkitsch auskommt. |