Vom Sozialdrama über die Komödie bis hin zur märchenhaften Tragik führt Francois Ozons neuestes Werk, welches auf der Berlinale 2009 im Offiziellen Wettbewerb lief. Eine gute darstellerische Leistung sorgt für eine gewisse Stabilität in einer mit skurrilen Einfällen gespickten Geschichte. Ein Film zum Rätseln, seltsam und überraschend.
Ricky beruht auf einer Kurzgeschichte von Rose Termain und beginnt als ein bedrückendes Sozialdrama. Eine Mutter bittet tränenüberströmt um Hilfe, weil sie mit der Pflege und Erziehung ihres Babys völlig überfordert scheint. Zeitsprung, man sieht eben diese Frau namens Katie, die mit ihrer Tochter Lisa in einer tristen Hochhaussiedlung lebt und in einer Chemiefabrik arbeitet. Dort trifft sie auf den gut aussehenden Paco, aus einem Quickie in der Mittagspause entwickelt sich eine Affäre, sie wird schwanger und bringt einen properen Jungen zur Welt, der den Namen Ricky erhält.
Neben den üblichen Problemen frischgebackener Eltern sorgt Ricky durch sein ständiges Geschrei und seinen enormen Nahrungsbedarf schnell für schlechte Stimmung. Mit dem Hüten des Kleinen bald überfordert, beginnt das Glück des Paares im Streit zu versinken. Als Katie auf dem Rücken des Kleinen große Blutergüsse entdeckt, verdächtigt sie Paco, der umgehend das Weite sucht.
Ab diesem Punkt der Erzählung beginnt der Film in eine märchenhafte Richtung zu schwenken. Denn schon nach kurzer Zeit wachsen aus Rickys Rücken Flügel und das Baby beginnt durch die Wohnung zu fliegen. Dieser Moment, an dem sich der Verdacht des Schrecklichen in einen völlig abstrusen wandelt, ist für den Zuschauer eine gelungene Überraschung, wirft aber auch Fragen auf. Warum zeigt uns Francois Ozon ein Baby mit Flügeln? Warum wendet sich sein Film plötzlich in diese Richtung, schwenkt in seiner Erzählung quasi komplett um?
Aus diesem durchaus skurrilen Einfall, der einige lustige Szenen mit sich bringt, entwickelt sich jedoch keine Komödie, vielmehr eine gewisse Tragik. Denn Katie und ihre Tochter müssen fortan mit ihrem Wunder leben und gleichzeitig ihren Alltag so gestalten wie bisher. Dabei sehen sie Ricky nie als Problem, sondern nehmen seine Fliegerei stets als das Normalste der Welt hin. Ozons Kunst liegt dabei darin, die skurrilen Momente so in die Handlung einzubetten, dass sie fast normal und real wirken.
Bei all der Überraschung und dem guten Spiel der Darstellerin Alexandra Lamy als Katie und der unglaublich erwachsen wirkenden Tochter Lisa kann Ozon über eins nie hinwegtäuschen: Man fragt sich ständig, was uns eigentlich erzählt werden soll. Weder mag Ricky als Drama Bestand haben, noch als Märchen oder Komödie. Dafür werden zu viele Genres gemischt und immer wieder neu angelegt. Einzig das Überraschungsmoment zur Mitte des Films kann auch wirklich überraschen, ansonsten schüttelt man nur ständig den Kopf ob des Gesehenen. Ricky ist seltsam, viel zu skurril und lässt viele Fragen offen, Kino einmal ganz anders.